Leipzig, 8. Februar 2021

Der Winzling wurde vorgestern geboren. Was für ein Wunder, denkt seine Mutter und betrachtet fasziniert die Mimik des kleinen Gesichts. Wenn das Kind gähnt, dann gähnt der ganze Körper, wenn es seufzt, vibrieren auch die Schultern ein wenig.
Schade, dass Eile geboten ist.
In diesen Zeiten verbringt niemand seine erste Lebenswoche ohne Not in einer Klinik. Erst recht nicht, wenn zu Hause eine dreijährige Schwester wartet.
Die Stadt ist zugeschneit, Straßenbahnen fahren nicht und bei den Taxis nimmt keiner ab. Die Familie ist sonst nur mit dem Fahrrad unterwegs. Zu Fuß ist der Weg einer Wöchnerin nicht zuzumuten. Jeder Schritt tut noch weh, wie das nun mal so ist. Zwei Kilometer.
Sie schmunzelt, als sie das Foto sieht, das ihr Mann ihr gerade zugeschickt hat. Er hat alles vorbereitet.
Eine Stunde später sind sie schon unterwegs. Der junge Vater hat sich den Winzling vor den Bauch geschnallt und eine extra weite Jacke angezogen. Sie passt.
„Jetzt siehst du aus wie Mama“, lacht die Tochter an seiner Hand. Für sie ist heute kein Platz auf dem Schlitten. Da sitzt die Mutter weich gepolstert und hält ihre Tasche fest.
Noch ein paar Kreuzungen, dann sind sie zu Hause. Zum ersten Mal zu viert.

Fünf Minuten. Ein Besuch vom Kundendienst

„Firma Soundso. Die Waschmaschine …?“
„Steht im Keller.“
Der Mechaniker schafft es mit dem XXL-Werkzeugkoffer gerade so um die Ecke.
„Wo läuft’s denn?“
„Ist immer alles nass.“
„Kann nicht sein.“
Schon beim Kurzprogramm ist gleich die ganze Front gesprenkelt. Stopp.
Er zieht die Dosierschublade heraus und schiebt einen Schraubenzieher tief in die Öffnung, bis der linke Arm nicht mehr weiterkommt. Da pfeift das Handy, die rechte Hand ist noch frei.
„Ja, aber erst morgen. Mit Michi. Wegen der Wendeltreppe. Tschüs.“
Er stochert und nickt.
„Sag ich doch.“
Sagte er nicht.
„Was denn?“
„Der Zulauf ist dicht.“
Er stochert, zieht den Arm wieder hervor. Kleine Abdrücke sind auf der Haut geblieben.
„Lappen?“
Er wischt die Vorderfront trocken und die Fliesen unter der Waschmaschine. Sie zieht Wasser.
„Jetzt stimmt auch der Schwall in der Trommel.“
Welch ein Glück.
Wieder oben drückt er das Rechnungsformular an die Türzarge. Der Kuli schreibt nicht, weil die Spitze nach oben zeigt. Kein Zulauf. Ganz einfach. Aber ich sage nichts.
Immerhin hat er ein Kartenlesegerät.

Das Antlitz

(sehr frei nach E. Roth)

Ein Mensch begegnet Liese Frenz
in einer Videokonferenz.
Zwar kannte er sie vorher schon
von e-mails und vom Telefon,
doch war sein Eindruck jeweils fade,
jetzt aber findet er es schade,
dass aus aller Welt Kollegen
sind bei der Konferenz zugegen.
Der Mensch klickt sich gedankenlos
ihr Videobildchen extra groß.
Von Fadheit ist da keine Spur!
Er schaltet wie ertappt retour
und wedelt mit der Schreibtischmaus,
sieht sich nun selbst, die Stirne kraus,
am Kragen ist er falsch geknöpft,
auch wirkt er faltig und erschöpft.
Rasch korrigiert er, was nur geht,
denn mit dem Antlitz fällt und steht
des Menschen Wichtigstes – Präsenz (!)
in einer Videokonferenz.

ksh

Fluchtgepäck. Ein Nachtrag

Der rätselhafte Fluchtgefährte von Frau Kurz hat zwischen keine Zeitungsblätter mehr gewollt. Lange lag er einfach nur herum in seiner zerknitterten Versehrtheit.
Das hält man nicht aus.

Nun ist er bei Tisch immer zugegen. Doch bleibt er ein Fremder, natürlich.

Aus dem Fluchtgepäck

Winter fünfundvierzig in Ostpreußen. Frau Kurz musste eilig ein paar Sachen packen, entscheiden, was sie wohl brauchen würde in der Fremde.
Was sollte nur mit dem Bild geschehen?
Sie konnte es nicht zurücklassen.
Einen Moment lang wird sie gezögert haben, bis sie zum Brotmesser griff und den gütigen Gefährten aus dem Rahmen schnitt.
Das Stück Leinwand war zu groß für ihre Gepäckstücke. Also musste sie es vorsichtig falten, wobei das Knirschen beim Bröckeln der Farbe ihrem Gewissen heftig zugesetzt haben wird. Manchmal tut man Dinge, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Frau Kurz wird gehofft haben, dass das hübsche Gesicht verschont blieb.
Das Bild lag zwischen den alten Zeitungen, jahrzehntelang.
Wie hätte sie es auch wieder aufhängen sollen?

Weiße Pfeffernüsse

Neulich hielt ich das zerfledderte, handgeschriebene Rezeptbüchlein meiner Urgroßmutter Amanda in den Händen. Unter Stock- und Fettflecken ist noch erkennbar, wie fein sie einst die Feder geführt hatte.
Weiße Pfeffernüsse.  In Sütterlin. Sauber unterstrichen. Wer schreibt noch so fürs Auge?
Schon sah ich ein Stillleben-Foto vor mir:  das Rezept auf rotkarierter Monogramm-Tischdecke mit drapierten Backzutaten – Nelken, Muskatnuss und einem Ei im Mehlhäufchen. Die Ecke eines Holzbretts.  So sollte meine Weihnachtskarte in diesem Jahr aussehen.
Das Licht stand günstig, die Szenerie war schnell gebaut, nur das Ei rollte immer wieder weg.  Nie war alles gleichmäßig scharf, doch eines der Fotos gefiel mir.
Amanda fand also Eingang in meine Dezemberkorrespondenzen, jedesmal verriet ich die Herkunft des Rezepts.
Die erste Antwort kam von einem Freund aus Kaliningrad. Das Rezept sei nicht vollständig lesbar. Ob ich es für ihn einscannen würde?
Er kann  die Schrift entziffern und will die Weißen Pfeffernüsse sogar nachbacken!
Und ich?

*   *   *
… hatte das eigentlich auch längst vorgehabt.

Interzonenjahre. Achte (und letzte) Leseprobe

Schwerin, 1952

„Deine Mutter möchte ich sprechen.“
„Das ist noch nicht möglich. Sie ist krank.“ Das letzte Wort betonte sie
etwas, damit er es nicht erneut in Zweifel zog. Was wusste er denn
schon?
Sie war sich nicht sicher.
Höflich fragte sie nach seinem Namen.
Er käme vom Amt, hieße Soundso und wollte eigentlich nur das
Formular ausgefüllt haben für die Akten.
„Lassen Sie es hier, ich gebe es Mutter, wenn es ihr bessergeht.“
„Ein Wochenbett kann Monate dauern, so viel Zeit haben wir nicht.“
Elsa spürte einen fiebrigen Schauer imganzen Körper und vermutete
einen Moment sich verhört zu haben. Jedes Nachfragen würde sie
bloßstellen, doch sie sah das triumphierende Flackern im Blick ihres
Gegenübers und dessen Freude daran, sie überrascht zu haben mit
etwas Unaussprechlichem. Elsa fühlte sich so ahnungslos und nackt
wie lange nicht.

Aus dem achten Kapitel

Interzonenjahre. Siebente Leseprobe

Pasewalk, 1948

Auf dem Hof kitzelte es Elsa im Bauch vor Aufregung, gleichzeitig
fühlte sie sich, als hätte sie Großmutter, deren Blick durch das Küchenfenster
sich tief in ihren Rücken bohrte, verraten.
Vorsichtig öffnete der Neulehrer den Füller, es knackte leise, der Tintenkörper
war eingetrocknet. Er zog die Stirn kraus, als er kurz seine
Nase an das Kopfstück gehalten hatte.
„Tote Vögel lagen da auch, wo der her ist“, flüsterte Elsa.
„Die liegen immer neben solchen Kostbarkeiten“, antwortete der Lehrer.
„Wenn du in meiner Klasse wärst, müsstest du mir das jetzt alles
erzählen, aber du bist ja nicht einmal an meiner Schule!“
Ein Glück! Sie würde sich ständig beobachtet und dadurch noch
beengter vorkommen!
Er pustete durch das Kopfstück, um die winzigen Bröckchen zu lösen,
die vielleicht denWeg versperrten, aber es saß alles fest.
„Mach mal die Schüssel voll!“
Elsa griff den Schwingel und nach dem vierten und fünften Pumpen
füllte sich die Schüssel. Der Lehrer legte alle eingetrockneten Teile in
das Wasser.
„Das ist ein Füller fürs Leben, Elsa. So einen habe ich nie gehabt.
Kann schon sein, dass der ein Schwein wert ist, wenn er wieder funktioniert.“

Aus dem siebenten Kapitel