Der blinde Passagier. Eine Brottaschen-Überraschung

Fast alle Schweriner Kindergarten-Kinder der 70er Jahre hängten sich morgens eine lederne Brottasche mit Trageriemen um den Hals. Mehr als zwei Stullen passten eigentlich nicht hinein. Zugemacht und fertig. Am kippbaren Drehverschluss, der genau durch den Klappenschlitz passte, fingerte es sich unterwegs immer schön herum.
Jule hatte auch so eine Brottasche. Wenn alle Kinder am Tisch saßen, wurde ausgepackt. Arglos sah sie zu, wie einmal die Erzieherin Jules Frühstücksbrot aus dem Täschchen zog. Hoppla! Purzelte doch ein kleines Mainzelmännchen hinterher, das Jule heimlich dazugesteckt hatte. Es war sogar bunt! Nicht so grau-schwarz wie im Fernsehen! Von den Mainzer Verwandten.

Jule bekam gar nicht mit, wie erschrocken die Erzieherin darüber war: Das Westfernsehen hatte Einzug in Jules Proviantgepäck gehalten. Und Jule war eine Lehrerstochter! Wo war da die Vorbildwirkung?
Später darauf angesprochen, versprach die Mutter: „Kommt nicht wieder vor!“
Fortan gab es in Jules Brottasche keine wirklichen Überraschungen mehr.

In memoriam Charlotte C.

Charlotte war über achtzig und konnte so schön von früher erzählen.
Wir waren knapp vierzehn und hingen an ihren Lippen. Die Klappstühle kippelten ein wenig auf dem buckeligen Rasen, aber das störte nicht, vielleicht weil sowieso alles schon ein bisschen wackelig war in der späten DDR. Im Schwung des Gestikulierens mit ihren dünnen, langen Armen verlor Charlotte plötzlich den Halt und sank ganz langsam nach hinten weg. Die Beine mit den schweren orthopädischen Schnürschuhen zeigten nach oben, als sie ihren Satz beendete. Dennoch schien sie zu sitzen, wie sie zuvor gesessen hatte, und erzählte weiter, als wäre nichts geschehen.
Zack, an beiden Seiten angefasst, kippten wir Charlotte wieder in die Senkrechte.
Dann hörten wir das Ende der Geschichte.

 

Im Lesegarten. Eine Begegnung

Da steht ein Bücherfreund vor mir und wünscht sich eine ganz spezielle Widmung.
In Erinnerung an Edna und Birgit …
Eine der Schwestern war seine Mutter, die andere hatte es in den 1950ern nicht mehr ausgehalten in der DDR. Als dann die Mauer stand, gab es kaum noch ein Miteinander. Jedes Telefonat war eine Tortur, weil es nach stundenlangem Warten immer nur für wenige Minuten gewährt wurde. Wer dann weinen musste, hatte einen Teil der Zeit schon vertan. Die Schwestern wollten nicht, dass sie sich fremd wurden. Sie waren doch Zwillinge!

Klütz, den 2.7.2021. Auch eine Ost-West-Geschichte.

Das war live. Eine Lesung

Wenn Deutschland spielt, kommt doch keiner zur Buchlesung!
Ja, so dachte ich auch. Aber die Plakate waren gedruckt, und der Verkaufstisch stand schon bereit.
In der Halbzeitpause sollte die Lesung in der kleinen Kirche beginnen.
Spielstand: 2:1, das wurde in der Begrüßung gleich mitgeteilt. Für Deutschland! Kein Raunen in den Kirchenbänken, nur zufriedenes Nicken, eher bestätigend als mitfiebernd.
Die Bücherfreunde saßen so auf Abstand, dass der Eindruck entstand, es hätten kaum mehr hineingedurft. Einige hatten schon den Roman mit den bunten Holzbooten auf dem Cover in der Hand.
Es war nicht so heiß wie draußen. Dennoch zog eine Dame ihren Fächer hervor und sorgte für Luftbewegung. Als das Cello mit Bachs Courante einsetzte, überzog mich ein Gänsehaut-Schauer wie selten zuvor. Das war live! Zwei Mal war die Lesung verschoben worden, jetzt endlich durften HANNI und ELSA aufs Podium.
Nach der Lesung reichte mir der Professor aus der dritten Reihe die Hand. Erst als er die meine schon schüttelte, fiel mir die ungewohnte Nähe auf.
Es geht wieder los. Jetzt.
Vielleicht.

Vorahnung künftiger Verluste

Seit Vera den Kassierer nur durch eine Spuckschutzwand sieht, bezahlt sie alles mit Karte. An Scheine und Kleingeld ist sie gar nicht mehr gewöhnt. Trotzdem wird ihr altes Portmonee immer dicker, es gerät allmählich aus der Form, die offenen Fächer spreizen sich schon. Vera muss  aufpassen, dass sie nichts verliert.
Während Bananen, Milch, Schokolade, Möhren, Jogurt und Toilettenpapier auf dem Förderband an ihr vorbeiruckeln, nimmt sie sich zum hundertsten Mal vor, die Geldbörse einmal richtig auszuräumen. Verblichene Kassenzettel, Stempel-Treuekarten, Kundenbelege, abgelaufene Taschenkalender und vergessene Visitenkarten – alles müsste sie einmal kritisch durchsehen.
„Haben Sie eine Kundenkarte?“
Vera schüttelt den Kopf. Hier nun gerade nicht.
Geheimzahl. Bestätigen. Fertig. Beutel raus. Die Milch zuerst.
Ach, die EC-Karte muss sie noch schnell zurückstecken. Aber wirklich schnell. Der Kunde hinter ihr packt auch bereits ein.
Sie hat das Gefühl, den Betrieb aufzuhalten. Als das Toilettenpapier unter ihrem Arm Halt gefunden hat und der Einkaufswagen weggerollt ist, tippt sie jemand an. „Gehört das Ihnen?“
Vera starrt auf das Passfoto ihres Sohnes, er war damals zehn.
Wie viel ihr doch dieses Bild bedeutet. Sie hatte es also verloren!

Dankbar nickt sie und steckt es weg. Woanders hin. Vorerst.

Der Junge kriegt was Reelles!

Opa will seinem Urenkel den Schulranzen bezahlen.
„Seinen ersten Tornister kriegt er von mir!“, hat er in der Familienrunde beschlossen, und alle hatten bei dem Wort gleich den Geruch von festem Leder und Schinkenbrot in der Nase.
Soll Opa mal machen. Wie damals, als er seinem Enkel nach der Wende den ersten West-Ranzen in der Familie spendierte. Schön bunt war der, und die Federtasche gab es passend gleich dazu. Sogar den Turnbeutel. Aber „der hält doch nur von zwölf bis Mittag“, hatte Opa hinter vorgehaltener Hand gestöhnt. Alles Kunststoff. Kein Leder. Also Quatsch mit Soße. Das war damals, vor über dreißig Jahren.
Will Opa jetzt wirklich den neuesten Schrei kaufen?
Er wird sich mit ergonomisch geformten backpacks, farblich passenden Kletties und extra zu erwerbenden Flaschen-Seitentaschen sowie Feder- und Schlampermäppchen auseinandersetzen müssen. Und sein Hundert-Euro-Schein wird nicht reichen.

Also wird sich dann doch die Schulanfänger-Mama kümmern. Opa wird leise seufzen und eine Gedenkminute einlegen für die alten Leder-Tornister, in denen man noch Jahrzehnte später das Fahrradwerkzeug verstauen kann.

Die mit dem berühmten Zipfel. Eine Hosengeschichte

Eine Levi’s war das Größte. In den frühen Achtzigern, als es in den „Jugendmode“-Geschäften nicht mal die DDR-Marken BOXER und WISENT einfach so zu kaufen gab, wünschte Bea sich eine Levi’s.
Wenn sie in der Schule einen Knackarsch mit dem berühmten Zipfel an der Gesäßtasche sah, heulte in ihr ein kleines „ich will auch eine“ auf.
Bei Cordi aus der Zwölften sahen alle Hosen wie eine Levi’s aus, dabei waren sie aus gefärbten Bettlaken genäht! Für das winzige Markenzeichen hinten rechts nahm sie irgendwelche Rest-Schnipsel. Und obwohl es niemals orange war und meist auch nichts draufstand, las Bea dort Levi’s.
„Wie schaffst du das, dass die so aussieht wie eine echte?“
„Ich zeig‘ dir’s.“
Cordi hatte eine eigene Nähmaschine, eine alte, komplett aufgetrennte Levi’s und die in Papier darauf zugeschnittenen Muster dazu.
„Du hast die gleiche Größe, Bea, paus‘ sie dir einfach ab.“
Vorderteil. Hinterteil. Hintere Taschen. Taschenbeutel vorn. Hüftpassentasche. Vorderer Bund. Hinterer Bund … und was nicht noch alles.
„Und beim Stecken musst du immer Platz für die Naht lassen.“
„Klar.“ Das wusste sie noch von der Pumphose für den Fasching.
Nähen musste sie dann zu Hause an der alten Singer. Mama hatte noch tolle Stoffe aus Polen, meterweise. Bea gab sich Mühe, doch bis Montag würde sie es wohl nicht schaffen. Also legte sie Sonntagabend noch einen Zahn zu und ließ das Maschinchen rattern, was das Zeug hielt. Doch irgendwas ging schief.

Ihre erste Levi’s kaufte sich Bea ´89 vom Begrüßungsgeld im Second-Hand-Shop, wie der A&V im Westen hieß. Sie saß perfekt.
Aber da war dies schon fast nichts Besonderes mehr.

 

Der Geräuschesammler

Er will immer alles auch hören können, was ihn gerade umgibt – jetzt: den gepflasterten Pfad unter den Schritten, das Kondenswasser, das abtropft, und die Enge, die sich scheinbar endlos hinzieht. Hören. Aufnehmen. Sammeln. Leicht schlurfend strebt er dem Licht zu – jaja, jenem am Ende des Eiertunnels.
Die Bahnstrecke mit mehreren Schienensträngen liegt direkt über ihm, und er wartet mit seinem Aufnahmegerät auf den nächsten Zug. Vor mehr als hundert Jahren soll sich in diesem Tunnel eine Dame fast zu Tode gefürchtet und daher an einen Fremden geklammert haben. Das markerschütternde Stampfen und Schnauben einer Dampflok und das Rumpeln der Waggons wären ein Fest für den Geräuschesammler gewesen.
Kaum der Rede wert ist dagegen der Pegelausschlag an seinem Gerät, als endlich ein gleitendes Etwas über ihn hinwegschnurrt. Er nimmt es nur wahr, weil der Tunnel beidseitig eine Ei-förmige Öffnung hat, durch die heutzutage nur noch Gleis-Laute dringen, die kein Mark mehr erschüttern.
Und auch keine Dame.

 

Die alten Tage

Lore guckt sich sich morgens immer kurz fest in dem schönen alten Männer-Gesicht, dann ist sie schon vorbei mit ihrem Fahrrad. Eine tägliche Sekundenbegegnung.
Wer das wohl ist, denkt sie.
Diese Würde! Aber er ist jedes Mal in Eile, als müsste er sich im Tempo jemandem anpassen.
Seit sie ihn anlächelt, grüßt er.
Der Moment ist immer so schnell vorbei.
„Ich hab Sie gestern vermisst“, ruft sie ihm entgegen, damit es mal ein bisschen anders abläuft.
„Soso.“
„Müssen Sie denn immer irgendwohin oder laufen Sie nur so?“
Als ginge sie das etwas an. 
Er lächelt und überlegt.
„Früher hatte ich einen Hund. Der ist gestorben. Jetzt geh ich allein.“