Allerletzte Ruhe

Da hat jemand mal ein Akkordeon gehabt, vielleicht sagte er auch Quetschkommode, und spielte vor einem halben Jahrhundert zum Tanz. Bis zum Abwinken. Das Bier wird er noch in Ruhe ausgetrunken haben, bevor er den Balg zusammenschob, sonnabends manchmal. Der Instrumentenkasten wird an der Seite gestanden haben. Vielleicht hat der Musikant besonders auf ihn geachtet, weil der doch auch ein Leben lang halten musste. Es gab doch nüscht, wie man so sagt.
Und nun? Weg damit? Und dann noch im Wäldchen entsorgt? Der Musikant hat sich schon im Grabe umgedreht. Weil ich das lebhaft vor Augen habe, nehme ich das Ungetüm einfach mit …

 

… obwohl es nicht in den Fahrradkorb passt.

Innehalten

Einfach atmen. An den letzten Wahlplakaten schräg vorbei-gucken. So wie vorher auch schon, weil die dämlichsten Sprechblasen oft die langlebigsten Ohrwürmer sind.
Abwarten. Aushalten. Ein bisschen nachdenken: Es gibt Scharniere, es kommt Wind, es wird sich etwas bewegen.
Ja, sich selbst sollte man bewegen – na klar. Auch mental. Wie wäre es mit Limericks-Schreiben?
Gute Idee.

Darf man GESPENST-GEHT-UM sagen
nach dem, wie die Dinge so lagen?
Merkt euch das Knallen
der Würfel, die fallen.
Die Enkel werden uns fragen …

Nachlese. Für I. S.

Blutsverwandt, doch grundverschieden,
jeder lebte einst sein ICH,
suchte selbstbestimmten Frieden,
rieb sich auch gelegentlich.
Dadurch kam man schließlich weiter –
Schritt für Schritt mit Fug und Recht,
man war einander (nur) Begleiter,
das, was man gab und nahm, war echt.
Flucht und Zweifel, auch die Mauer,
machten manche Menschen hart.
Glück war oftmals nicht von Dauer,
und Demut war nicht ihre Art.

Einmal kommt der Tag im Leben,
da sieht man klar und intensiv:
Mit Abstand kann man auch vergeben,
jedes Tun ist relativ.

(ksh, zum 100. Geburtstag von I. S., 2012/2026)

 

Stralsund

Ich hatte befürchtet, wir würden im Regen stehen vor dem Stralsunder Lyrikfenster. Doch ich war nicht ortskundig. Der Schaukasten hängt wettergeschützt in einem Durchgang zum Kultur-Hof. „Unter dem Wal“, wie Anke vom Sund immer schreibt.
Der Wind kündigte das Unwetter bereits an, er nahm mir fast die Worte aus dem Mund, und wir hatten unsere Mühe mit der schweren Scheibe. Der Text über den Pflaumen-Opa*, der seine reiche Ernte für eine Weile nur mit Mühe in der dünnen Tüte halten konnte, gelangte zu aller Freude sicher an seinen Platz. Daneben – die bildhafte Entsprechung aus der Speicherdruckerei.
Das Gewitter kam, als wir im Klabautermann unsere Fischsuppe vor uns hatten. Tropfen flitzten über die Fensterscheiben. Die Terrassengäste flohen in die Kneipe, alle rückten zusammen, atmeten, löffelten, schwitzten. Der Dunst stand noch zwischen den Leuten, als der Regen längst aufgehört hatte.
Draußen, am menschenleeren Kai, grüßte das letzte Licht. Ich hatte nichts mehr zu tragen und hätte den Sund umarmen können.
So wie der Pflaumen-Opa, als er endlich frei war von der ganzen Last.

*“Pflaumen“ ist am 16.09.2022 in diesem NotizBlog als Minutentext erschienen.

Günter, Elisabeth, Claus und die Anderen

Vielen jungen Leuten gehörte diese Wiese.
So will ich es mal sagen.
Denn auf dieser Wiese habe ich sie sehen können.
Ihre Namen. Manche Daten.
Günter Blisse war fast 18, Elisabeth Kwasigrock zwei Jahre älter, Claus Wottrich schon dreißig.

Ich habe mir manchmal überlegt, was aus ihnen noch hätte werden können. Oder wer sie vielleicht gewesen waren.
2300 Gräber befinden sich unter dem Rasen auf dem Schweriner Alten Friedhof. Auf mehr als 225 Messingtafeln konnte man die Namen lesen.
Bis Metalldiebe sich die Grabstellen vornahmen. Sie gingen systematisch vor, kamen mehrmals und wurden vielleicht nur nicht fertig.
Die Friedhofsverwaltung ließ nun auch die verbliebenen Messingplatten sichern.

Jetzt sind alle Sockel blind.

 

Nix für Vegetarier

Die leckeren Petermännchen-Knacker eines Schweriner Fleischers sind fast so schmal wie Bifis, also nur zum Reinbeißen.
Nun wurde gemunkelt, dass die sogenannte Kochsalami, quasi die blass-rosa Litfasssäule unter den Würsten, aus dem gleichen Pott stamme wie die würzigen Würmer. Damit wäre sie also klappstullentauglich!
Das wollte ich nun genauer wissen.
– „Eine Kochsalami bitte!“ (Sie musste erst von hinten geholt werden).
– „Wollen Sie ihn bestechen?“
– „Wen denn???“
– „Na, Ihren Hund!“
– „Warum?“
– „Wegen der Tabletten?“
– „Ich hab gar keinen Hund! – Ich will die Wurst auf’s Brot.“
Tatsächlich schmeckt sie wie die Petermännchen-Knacker!

Dabei klingt doch Kochsalami wie etwas reizlos Zusammengeblubbertes, mit dem sich nicht mal mein Kater hätte bestechen lassen.

 

Feedback-Kultur

„Nicht gemeckert ist genug gelobt!“
Das hat jemand gesagt. Ich war dabei.
Schweigen, wenn auch nur für einen Moment.
In der Nachkriegszeit soll dieser Spruch gelegentlich am Mittagstisch zu hören gewesen sein. Die Hausfrau hätte bei zu viel Lob übermütig werden können! Schwamm drüber.
Heute taugen diese Worte immerhin für das Nachfühlen einer gewissen Balance zwischen Schmeichelei und Bräsigkeit.
Meist liegt die Wahrheit ja doch in der Mitte.

 

Tyler Mitchell oder DEICHTORHALLEN II

Ein paar Ausstellungsminuten von den humorvoll-übergriffigen Collagen (Diop/Shulman)* entfernt kreuzen plötzlich ganz nah colored Füße im Sand auf. Mitten im Bild – eine gerahmte Öffnung, die seltsam in eine andere Welt weist. Wie ein Zugfenster, das als unregelmäßige Glasfläche dem Betrachter einen Spiegel vorhält.
Beim Schwimmer, drei Schritte weiter, steht, wer innehält, selbst mit im Wasser, lässt sich umarmen oder wegschieben, je nach Laune.

Im Vergleich zu dem Aufwand, mit dem Diop & Shulman das „Anonymous Project“ geradezu verzauberten, leben und funktionieren Mitchells Collagen quasi im Vorübergehen.

*siehe Minutentext vom 16.07.26

Entdeckung in den Hamburger DEICHTORHALLEN

Der senegalesische Fotograf Omar Victor Diop ist ein kreativer Schelm – und natürlich viel mehr als das. Hat er sich doch – ein halbes Jahrhundert nachdem ahnungslose weiße Amerikaner ihre Partys, Picknicks und Stelldicheins knipsten – per Fotomontage einfach in die Situation hineingebastelt. Als Schwarzer! Brav schmunzelnd sitzt er neben einem kreischenden Pärchen auf der Couch, zerlegt beim Picknick für die betagte Lady einen Hummer oder staunt, auf dem Teppich fläzend, mit einem jungen Mädchen über angesagte Schallplatten. Es sieht wirklich so aus, als wäre er dabei gewesen – in einer Zeit, in der sich genau das wegen der gelebten Rassentrennung wohl niemals zugetragen hätte.
Die Originale stammen aus einer Sammlung von Amateur-Dias aus den 1950er und 1960er Jahren, die der britische Künstler Lee Shulman als „Anonymous Project“ verwaltet. Diop und Shulman werden beim Anfertigen der Collagen ihren Spaß gehabt haben. So definieren sie die Macht des Bildes und der Erinnerung neu und erzeugen so die Illusion einer nahezu vollkommenen Harmonie*.

*aus dem Ausstellungstext
https://www.monopol-magazin.de/lee-shulman-omar-victor-diop-zeitreise

https://2026.phototriennale.de/