Wozu sind Kriege da

Udo war in der Stadt. Ein ganzes Hotel hatte er gemietet – welches, sollte geheim bleiben. Dennoch blieben einige Radfahrer stehen und starrten über den See. Irgendwo, hinter einem der Fenster, hätte Udo sich gerade am Kopf kratzen oder sonstwas schlürfen können.

(Und ich mach mein Ding
Egal was die ander’n labern …)

Nach der Generalprobe Sonntagnacht waren die Fan-Grüppchen in Wellen aus der Kongresshalle geschwappt. Ein Freak meinte zu wissen, warum es immer noch nicht ohne das Kabel ginge, dieser elend langen Strippe. Und das bei solch einer Show!
Zwei Mädchen sangen mein Lieblingslied.

… du musst das doch wissen,
kannst du mir das mal erklär‘n?

Innerlich summte ich mit. Dieses Antikriegslied, ein Gassenhauer, machte wieder einmal Gänsehaut.
Jetzt erst recht.

 

Ein Irrtum

Morgens am See
lag ein Portmonee.
Ich radelte heran,
hielt schließlich sogar an,
bewunderte den Kroko-Style,
sorgte mich ein wenig, weil
es ja immer traurig ist,
wenn ein Mensch sein Geld vermisst.

Dann schauten mich zwei Augen an –
wie man sich doch irren kann!

Königsberger Marzipan

Nachdem P. in Kaliningrad vor mehr als vier Wochen bei der Почта России einen Brief nach Deutschland aufgegeben hatte, kündigte er ihn mir als Osterpost an.
Und ich wartete.
Auch das orthodoxe Osterfest verstrich.
War in diesen Zeiten der Postdienst gefährdet? Wohl ja. – Und schließlich dann doch nicht.
Am letzten April-Morgen überreichte mir eine DHL-Botin das in einer Formular-Tüte der Russischen Post straff verklebte Päckchen.
Ungeduldige wie ich nehmen eine Schere, natürlich.
„Der Weg des Marzipans in Preußen“. Ein wundervoll gestaltetes Büchlein, gerade erschienen. Die vielen Details wären mir vor Jahren schon lieb gewesen zu wissen, weil Hanni und Elsa doch vernarrt waren in Königsberger Marzipan.

Ja, genau deshalb, wird  P. gedacht haben …  in Kaliningrad, Russland, 2022.

 

Stoff mit Strippen

Kurz nach zehn. Erstmals zog ich in der Stadt meine selbstgenähte Stoffmaske über die Nase, platzierte die beiden Schleifen am Hinterkopf und betrat einen Laden. Die Verkäuferin am Tresen wandte sich ab und zeigte mir ihren Rücken in grobem Strick.
„Nicht mal einen Spiegel haben wir“, seufzte es aus ihrer Richtung.
„Ich seh sowieso nichts“, sagte eine zweite Stimme.
Auch meine Brille war sofort beschlagen gewesen. Ich wartete darauf, dass die Antibeschlag-Beschichtung meiner Gläser ihren Dienst tat. In Kochtopfnähe funktionierte sie.
Am Tresen hörte ich unbeherrschtes Kichern. „Du siehst aus …!“
Ich nahm die Brille ab und hatte freien Blick auf die Verkäuferinnen, die an ihren Masken herumzupften. Es waren bunte Läppchen, an die sie Strippen genäht hatten, so wie ich, und sie feierten ahnungslos ihre Maskerade.

Das ist jetzt zwei Jahre her.

Frankenhorst. Eine neue Erfahrung

Ich hatte noch nie einen Esel geführt und staunte, wie er neben mir her trottete an der kurzen Leine, die ich dann lockerte, so wie Charlotte es vor mir mit ihrem Esel auch tat. Bis zum Gertrudenhof hinauf wollten wir. Der verschlungene Pfad war mir aus Kindheitstagen sehr vertraut, obwohl er sich zig Mal verändert hatte, mit jedem Sturm. ALLE MÄRCHEN SPIELTEN HIER. Ich legte eine Hand auf das borstige Rückenfell meines Begleiters und spürte wohltuende Wärme. Das frische Grün am Wegrand lockte. Beide Esel fingen plötzlich an zu grasen. Nach einer Weile zog Charlotte ihre Leine straff. Das genügte. Ich jedoch versuchte es mit gutem Zureden. Gelacht haben wir später darüber. Wer war die Chefin im Gespann?
Nach der Rückkehr, als ich das Halfter abstreifen wollte, die Schnalle schon geöffnet hatte und mein Esel die Ohren gerade so schön nach hinten gelegt hatte, halfen wieder die Worte nicht. Einfach drüberziehen, sagte Charlotte. Ach so. Und ich sah den gelenkigen Eselsohren zu, die sich zunächst aufrichteten und dann überraschend mühelos nach vorn sanken.

An einem Esel würde es nie gelegen haben.

Poivre. Damals in Ventspils

Ich mochte es, wenn Zühal mich ansprach. Sie kam aus Paris und artikulierte meinen Vornamen so, dass ich mich wie die Deneuve fühlte.  Zühal verkörperte eine Mischung aus Noblesse und fröhlichem Pragmatismus.  Im Handumdrehen zauberte sie Drei-Gänge-Menüs pour deux. Sie lachte dabei und zeigte mir nebenher, wie scharf ein Ingwer-Aufguss werden sollte, damit er bei Erkältungen half.
„Au citron, Catherine!“ Die Presse stand immer auf dem Tisch.
Mit einer eleganten Handbewegung reichte sie mir dann das Honigglas.  Einen Esslöffel pro Tasse, aber nicht in den kochenden Sud!
„Où est le poivre?“
Das war der Clou. Pfeffer! Frisch aus der Mühle.
Die Wirkung setzte  immer sofort ein.
Ich konnte nicht genug davon bekommen – ob mit oder bald ohne Halsweh – kaufte viel zu viel von allem und  hinterließ meinen Nachfolgern im Autorenhaus ein knorriges Riesen-Ingwer-Gebilde.

Manchmal denke ich an Zühal.  Freunde braucht man auf der ganzen Welt.

Lesung beim „FRÜHLINGSERWACHEN“

am 23. April 2022 um 15 Uhr in der Schweriner Münzstraße 33
aus INTERZONENJAHRE : ein Ost-West-Roman.

Im Bistro

Der Urlauber hat bereits bezahlt. Er greift nach der Jacke am Garderobenständer und erkennt sie beim Hineinschlüpfen nicht wieder. Welch ein Schreck!
Da hängt noch eine andere, aber es ist ein Damen-Anorak. Dem Urlauber entfährt ein Fluch. Die Fahrzeugpapiere, die Autoschlüssel!
Die Wirtin, rundlich und knallhart optimistisch, hat vornehmlich mit Stammkunden zu tun:
„Dieser Anorak gehört Frau Ebeling. Ihr Mann ist gerade los. Da hat der sich wohl geirrt!“
Endlich kommt Frau Ebeling von der Toilette. Sie begreift sofort, gibt dem Faltenensemble auf ihrer Stirn eine grimmige Note, brummt „das haben wir gleich!“ und verlässt das Bistro.
Minuten später stürmt sie erneut herein, die Jacke des Urlaubers wie eine Trophäe vor sich her tragend. Schlurfend folgt ihr ein Greis im Hemd.
„Entweder ist er in der einen Buchhandlung oder in der anderen“, erklärt sie.
Der Urlauber hüllt sich erleichtert in seine Jacke, Herr Ebeling mürrisch in die andere. Mag er doch nicht so recht Reue bekennen. Statt einer Entschuldigung lässt er also eine Drohung hören:
„Nicht, dass da meine Brille noch drin ist, junger Mann!“

Wer weiß …

Mit beiden Beinen soll man fest auf dem Boden stehen, am besten in bequemen Schuhen, dann kippt man nicht um. Was da auch komme.
In der Engen Gasse, zwischen Musikhaus und Kneipe, baumeln nun mehrere Paar Schuhe in der Luft.
Der leiseste Windstoß bringt sie in Bewegung, das Wetter hat ihnen zugesetzt. Ich wüsste so gern, wer sich von diesen Tretern trennen musste und jetzt vielleicht barfuß herumläuft!
Der Gastwirt öffnet seine Schotten und gerät ins Plaudern.
Die Schuhe? Die seien von denen, die ihre Zeche nicht bezahlt haben.

Ob die dann noch mit beiden Beinen fest auf dem Boden …?