Nix für Vegetarier

Die leckeren Petermännchen-Knacker eines Schweriner Fleischers sind fast so schmal wie Bifis, also nur zum Reinbeißen.
Nun wurde gemunkelt, dass die sogenannte Kochsalami, quasi die blass-rosa Litfasssäule unter den Würsten, aus dem gleichen Pott stamme wie die würzigen Würmer. Damit wäre sie also klappstullentauglich!
Das wollte ich nun genauer wissen.
– „Eine Kochsalami bitte!“ (Sie musste erst von hinten geholt werden).
– „Wollen Sie ihn bestechen?“
– „Wen denn???“
– „Na, Ihren Hund!“
– „Warum?“
– „Wegen der Tabletten?“
– „Ich hab gar keinen Hund! – Ich will die Wurst auf’s Brot.“
Tatsächlich schmeckt sie wie die Petermännchen-Knacker!

Dabei klingt doch Kochsalami wie etwas reizlos Zusammengeblubbertes, mit dem sich nicht mal mein Kater hätte bestechen lassen.

 

Feedback-Kultur

„Nicht gemeckert ist genug gelobt!“
Das hat jemand gesagt. Ich war dabei.
Schweigen, wenn auch nur für einen Moment.
In der Nachkriegszeit soll dieser Spruch gelegentlich am Mittagstisch zu hören gewesen sein. Die Hausfrau hätte bei zu viel Lob übermütig werden können! Schwamm drüber.
Heute taugen diese Worte immerhin für das Nachfühlen einer gewissen Balance zwischen Schmeichelei und Bräsigkeit.
Meist liegt die Wahrheit ja doch in der Mitte.

 

Tyler Mitchell oder DEICHTORHALLEN II

Ein paar Ausstellungsminuten von den humorvoll-übergriffigen Collagen (Diop/Shulman)* entfernt kreuzen plötzlich ganz nah colored Füße im Sand auf. Mitten im Bild – eine gerahmte Öffnung, die seltsam in eine andere Welt weist. Wie ein Zugfenster, das als unregelmäßige Glasfläche dem Betrachter einen Spiegel vorhält.
Beim Schwimmer, drei Schritte weiter, steht, wer innehält, selbst mit im Wasser, lässt sich umarmen oder wegschieben, je nach Laune.

Im Vergleich zu dem Aufwand, mit dem Diop & Shulman das „Anonymous Project“ geradezu verzauberten, leben und funktionieren Mitchells Collagen quasi im Vorübergehen.

*siehe Minutentext vom 16.07.26

Entdeckung in den Hamburger DEICHTORHALLEN

Der senegalesische Fotograf Omar Victor Diop ist ein kreativer Schelm – und natürlich viel mehr als das. Hat er sich doch – ein halbes Jahrhundert nachdem ahnungslose weiße Amerikaner ihre Partys, Picknicks und Stelldicheins knipsten – per Fotomontage einfach in die Situation hineingebastelt. Als Schwarzer! Brav schmunzelnd sitzt er neben einem kreischenden Pärchen auf der Couch, zerlegt beim Picknick für die betagte Lady einen Hummer oder staunt, auf dem Teppich fläzend, mit einem jungen Mädchen über angesagte Schallplatten. Es sieht wirklich so aus, als wäre er dabei gewesen – in einer Zeit, in der sich genau das wegen der gelebten Rassentrennung wohl niemals zugetragen hätte.
Die Originale stammen aus einer Sammlung von Amateur-Dias aus den 1950er und 1960er Jahren, die der britische Künstler Lee Shulman als „Anonymous Project“ verwaltet. Diop und Shulman werden beim Anfertigen der Collagen ihren Spaß gehabt haben. So definieren sie die Macht des Bildes und der Erinnerung neu und erzeugen so die Illusion einer nahezu vollkommenen Harmonie*.

*aus dem Ausstellungstext
https://www.monopol-magazin.de/lee-shulman-omar-victor-diop-zeitreise

https://2026.phototriennale.de/

Auf dem Georgen-Parochial-Friedhof. Berlin

Treffen sich ein Skatbruder, ein Weinkenner und ein Dichter.
Eine schöne Geschichte dazu scheint zum Greifen nah. Was hecken sie miteinander aus?
Doch auf dem parochialen Gelände herrscht Diskretion. Wer noch diesseits unterwegs ist, kann nicht einfach am Stammtisch der Beigesetzten Platz nehmen.
Auch wenn die Lampe fürs Kopfkino gerade angeknipst ist. Das immerhin hat funktioniert.
Nochmals wird der Blick geschärft.
Und plötzlich ist es der mit dem Weinglas, der ins Plaudern kommt – und das ist gar in Stein gemeißelt:

 

 

Das Puppenlager

Hinter der Glasscheibe – ein Panoptikum. Würde man all die Seelen auch noch hören können, wäre es kaum auszuhalten. Erst recht, wenn man eigentlich kein Blut sehen kann. Doch die Schnittwunde unter dem Ohr, tief rein in den Kiefer, hat eine magische Wirkung.  Auch die drei übergroßen blassen Gesichter – verkniffener Mund / gefletschte Zähne / haltloser Schrei – hallen zauberhaft wider. Die Schauspielschule Ernst Busch verstaut ihre Puppen-Sammlung sichtbar, sodass man aus dem Foyer Blickkontakt aufnehmen kann mit Monstern und Unholden, Liebchen und Kröten.
Goodbye den Gehenkten. Und einen Gruß an all die Marionetten, Handpuppen und Masken in den Regalen, für deren Bekanntschaft man einen Lager-Schlüssel gebraucht hätte.

Zirkeltraining im Fitnessstudio

An jedem Gerät hat man nur eine Minute Trainingszeit. Ist diese abgelaufen, muss man abspringen, das Handtuch schnappen, die Griffzonen abwischen und weiter. Beim Beinbeuger ist allerdings auch das Querstangenpolster emporzurammen, sonst kommt der Nächste nicht auf den Sitz. Da gibt’s schon mal Trainer-Schelte, wenn das jemand vergisst!
Ich erreiche den Beinbeuger, die Querstange steckt regelwidrig unten fest. Ich beuge mich über das Gerät zum Arretiergriff, der sich eigentlich nur im Sitzen händeln lässt, und ruckel die Stange Loch für Loch zurück.
Ich schelte nicht.
Ich bin ja kein Trainer.
Ich guck‘ aber kurz, wer das war.
Die Frau ist etliche Jahre älter und putzt gerade die Griffe an der Maschine, auf der sich hinterer Oberschenkel und Gesäßmuskel quasi die Hand reichen. Ich ahne, wie sich ihr musculus gluteus maximus gerade anfühlt. Schön, wenn der Schmerz nachlässt. Und wenn jemand alles dransetzt, um HUNDERT zu werden.

Ein Missverständnis

Wo mochte meine Postsendung abgegeben worden sein?
Ich kannte keinen TOMI BLAU in der Nachbarschaft. Aber vielleicht würde ich ihn ja kennenlernen, wenn er mir das Paket bringt? Die Online-Abfrage am Abend ergab auch: BLAU, TOMI.
Niemand kam.
Immerhin wurde mir am Telefon zugesichert, dass nun der Fahrer kontaktiert werde.
Am nächsten Tag klingelte er tatsächlich und übergab kopfschüttelnd das Paket, nachdem er einmal beherzt in unseren Papierabfall gegriffen hatte.
Sei das etwa nicht eindeutig gewesen?!
Und ich hätte auch selbst mal in der BLAUEN TONNE nachschauen können!
Wo er Recht hat, … hat er wohl Recht.

Die Verflossenen

D. hat vor zwei Jahren ihren Vater verloren, plötzlich, bei einem Verkehrsunfall. Sie brauchte Zeit, all die Dinge, Verbindlichkeiten und Verträge zu ordnen, ja auch die Schätze und Illusionen, die Briefe und Fotos. Mit letzteren ist sie noch nicht ganz fertig.
Der Karton mit nach Lebensphasen sortierten Abzügen steht vor ihr.
D. freut sich, dass ich Lust habe, gemeinsam mit ihr die kleinen Foto-Stapel aus beschrifteten Umschlägen zu ziehen und auf dem Tisch auszubreiten.
Die Ehe mit D.‘s Mutter war nur eine Phase. Es gab ein Davor und ein Danach.
D. zeigt mir ein Papp-Mäppchen mit Passfotos.
„Das ist spannend!“, flüstert sie, „hier sind die Verflossenen …“
Ganz oben ein Foto der Mutter. Sehr jung, sehr glücklich – mit einer Notiz auf der Rückseite: So sieht mich der Bahnhofsautomat in Rouen.
Drei junge Frauen tragen eine Brille und sehen dadurch strenger aus. Eine andere schaut versonnen in die Kamera. Und ein junges Mädchen lächelt so gewinnend, dass wir beide zurückschmunzeln. D. kennt sie alle nicht, nur die Mutter.
Ich schiebe die Passbilder behutsam in das Mäppchen zurück.
„Mama wieder nach oben“, bittet D.
Natürlich.

Beim Dokumentenservice

Mein Reisepass ist abgelaufen, wie man so sagt.
Also habe ich mir einen Termin im Stadthaus besorgt.
Dort wird auch das Foto gemacht. Ganz schnell mit dem Smartphone.
„Die meisten wissen nicht, dass sie lächeln dürfen“, sagt der Beamte.
Ich lächle.
Der Praktikant im Hintergrund schmunzelt.
Die Daten stimmen noch. Ich unterschreibe. Auf Glas. Erfolglos.
„Nicht da, wo es hinkommt. Auf dem breiten Balken da drüber! Das sehen die meisten nicht.“
Ja, ich auch nicht.
„Sie bekommen den neuen Pass bei der Tag-und-Nacht-Dokumentenabholstelle.“ Er zeigt ein Foto von einer besonderen Tür neben dem Stadthaus-Eingang. „Aber erst, wenn Sie die SMS mit dem Code haben.“
Es klingt abenteuerlich.
„Das kostet jetzt siebzig Euro. Ohne Expresszuschlag. Und sechs Euro für das Foto.“
Ich lächle immer noch, wahrscheinlich vesehentlich, und bezahle.
Fertig.
„So, du übernimmst“, sagt der Beamte zum Praktikanten, der zweifelnd die Hände hebt, „du kannst das!“
Jetzt schmunzle ich.