D. hat vor zwei Jahren ihren Vater verloren, plötzlich, bei einem Verkehrsunfall. Sie brauchte Zeit, all die Dinge, Verbindlichkeiten und Verträge zu ordnen, ja auch die Schätze und Illusionen, die Briefe und Fotos. Mit letzteren ist sie noch nicht ganz fertig.
Der Karton mit nach Lebensphasen sortierten Abzügen steht vor ihr.
D. freut sich, dass ich Lust habe, gemeinsam mit ihr die kleinen Foto-Stapel aus beschrifteten Umschlägen zu ziehen und auf dem Tisch auszubreiten.
Die Ehe mit D.‘s Mutter war nur eine Phase. Es gab ein Davor und ein Danach.
D. zeigt mir ein Papp-Mäppchen mit Passfotos.
„Das ist spannend!“, flüstert sie, „hier sind die Verflossenen …“
Ganz oben ein Foto der Mutter. Sehr jung, sehr glücklich – mit einer Notiz auf der Rückseite: So sieht mich der Bahnhofsautomat in Rouen.
Drei junge Frauen tragen eine Brille und sehen dadurch strenger aus. Eine andere schaut versonnen in die Kamera. Und ein junges Mädchen lächelt so gewinnend, dass wir beide zurückschmunzeln. D. kennt sie alle nicht, nur die Mutter.
Ich schiebe die Passbilder behutsam in das Mäppchen zurück.
„Mama wieder nach oben“, bittet D.
Natürlich.
Beim Dokumentenservice
Mein Reisepass ist abgelaufen, wie man so sagt.
Also habe ich mir einen Termin im Stadthaus besorgt.
Dort wird auch das Foto gemacht. Ganz schnell mit dem Smartphone.
„Die meisten wissen nicht, dass sie lächeln dürfen“, sagt der Beamte.
Ich lächle.
Der Praktikant im Hintergrund schmunzelt.
Die Daten stimmen noch. Ich unterschreibe. Auf Glas. Erfolglos.
„Nicht da, wo es hinkommt. Auf dem breiten Balken da drüber! Das sehen die meisten nicht.“
Ja, ich auch nicht.
„Sie bekommen den neuen Pass bei der Tag-und-Nacht-Dokumentenabholstelle.“ Er zeigt ein Foto von einer besonderen Tür neben dem Stadthaus-Eingang. „Aber erst, wenn Sie die SMS mit dem Code haben.“
Es klingt abenteuerlich.
„Das kostet jetzt siebzig Euro. Ohne Expresszuschlag. Und sechs Euro für das Foto.“
Ich lächle immer noch, wahrscheinlich vesehentlich, und bezahle.
Fertig.
„So, du übernimmst“, sagt der Beamte zum Praktikanten, der zweifelnd die Hände hebt, „du kannst das!“
Jetzt schmunzle ich.
Am Faulen See
Mund zu
Eine Kundin: Ich möchte ein Mund-Pflaster.
Apothekerin: Was es alles gibt!
Eine Kundin: Weil ich immer durch den Mund atme.
Apothekerin: Ich googel schon.
Eine Kundin: Nachts vor allem..
Apothekerin: Das können Sie auch für die Nase haben!
Eine Kundin: Ich schnarch‘ aber durch den Mund.
Apothekerin: Wie Sie wollen!
Eine Kundin: Danach geht’s ja nicht …
Froschperspektive
Genauer hingeschaut
Das Vorsatzblatt der Familienbibel hängt nur noch an wenigen Stellen fest. Am zerknitterten Rand – abgegriffen, abgeknickt, abgerissen – fehlen ein paar Fingerbreiten. Dabei ist gerade dieses fragile Blatt interessant wegen der handgeschriebenen Einträge, deren erster so alt ist wie die Bibel selbst. Der 30jährige Krieg war gerade vorbei.
Nun ist in etwa geklärt, was dort steht auf lateinisch. Keine Familiengeheimnisse, sondern eine editorische Notiz zu den Bearbeitern, Korrektoren und sonstwie Beteiligten. Mit Eigenem hätten sie das Alte und Neue Testament und die gängigen Beigaben auch noch klug ergänzt.
Genau darunter, in anderer Schrift und mit harten Worten – Protest!
Vide …!
Lege …!
Ja, ein hämisches „sieh nur!“ und ein ruppiges „lies das!“ Um dich dann verächtlich abzuwenden! (Warum auch immer).
So große Spannungen konnte das Papier wohl nicht aushalten.
Diese Bibel wird geschont seit dem Ableben einer Großtante, die einige Lesezeichen stecken gelassen hatte und recht praktisch veranlagt war: An gewissen Stellen mit merkbaren Seitenzahlen waren nämlich pikante Notizen untergebracht. Das Buch erzählt eben noch mehr Geschichten als in ihm aufgeschrieben sind. Und hier und dort fand sich auch ein Fünfzig-Mark-Schein für schlechte Zeiten.
Leben im Bestattungshaus. Eine Lesung
Plate. Christian Scheffel, der Chef, empfängt schon auf dem Vorplatz: „Hier sind Sie richtig.“ So ein junger Bestatter!
Vor dem Wandbild, das in Pastellfarben behutsam den Weg in die Ewigkeit zeigt, steht mein Lesetisch. Es gibt so viele Stuhlreihen wie ein großes Dorf auch für eine Beerdigung braucht. Man kennt sich. Gut sogar.
Eine hohe Decke. Ein Harmonium. Die Klappe bleibt zu.
Zwei Mikrofone. Beim Soundcheck schiebt der Tonmann die Regler routiniert auf seinem Tablet. Leif kommt etwas später, wird umringt. Tennemann zieht Leute an.
Dabei ist er hier der Moderator. Er versucht, die Erwartungen zu lenken. Getränke gibt es, Würstchen auch. Während der ersten Geschichte bereue ich, nicht doch eins genommen zu haben. Der Magen hatte sonst immer bis nach der Lesung gewartet. Doch hier ist alles anders.
Eine Dame fragt, ob Robbie nun sterben muss. Das offene Ende macht ihr zu schaffen. À propos Fundmunition. Da kann der Herr aus der ersten Reihe auch was erzählen als Brunnenbauer! Und die Plattdütsche Deern links ebenfalls. Tennemann regelt den Verkehr der Wortmeldungen.
Dann komme ich mit meinem „Faust-Schlag“. Und schließlich, nach der Pause, mit „Oma“. Es ist meine Lieblingsgeschichte, sie handelt von einem Abschied nach der Trauerfeier. Eigentlich unfassbar. Da ist man sich einig. Große Stille im Bestattungshaus.
Wie hieß das Motto? LESEN BIS ZULETZT.
Besser kann es nicht passen.
HERZKASPERTHEATER – Lesen bis zuletzt …
… im Rahmen der Plater Winterlesungen
am 23.03.2026 um 19:30 Uhr
Ort: Plate, Blumen- und Bestattungshaus Scheffel
Moderation: Leif Tennemann
Veranstalter: Jugendförder- und Kulturverein Plate
„Arbeiter des Meeres“
Ich hatte nicht geahnt, dass es solche Männer wie Repins Wolgatreidler noch gibt. Rolf Nobel ist ihnen in seiner Fotoreportage im indischen Alang sehr nahe gekommen. Das Tau, das die Männer rechts geschultert haben, hängt zwischen ihnen durch. Es wird an Land gebracht, wie auch die schwere Schiffskette, während der Koloss schon feststeckt zum Abwracken.
Die Wolgatreidler dagegen sind einzeln in breiten Riemen angeschirrt und schleppen mit größter Mühe einen Lastkahn ans Ufer. Dieser wird dort entladen und hat den Rest seines Schiffslebens noch vor sich.
In Alang jedoch ist Endstation. Die Eisenfresser sind die Werftbesitzer.
Rolf Nobel schreibt dazu: […] Tagsüber ist der Schrottplatz ein Schlachtfeld. Flammen züngeln, schwarze Rußwolken verdunkeln den Himmel, ein Höllenlärm dröhnt in den Ohren. Arbeitsunfälle, auch tödliche, sind in Alang keine große Sache. Wo so viele Menschen täglich in Badelatschen zwischen scharfkantigem Schrott herumlaufen, wo sie mit Gas und Feuer ölige Schiffsteile zerlegen, unter tonnenschweren Lasten arbeiten und die Plastikummantelung von Kabeln mit gefährlichen Weichmachern verbrennen, sind Verletzungen und Krankheiten auf der Tagesordnung. „Schicksal“, sagt Sona Ram Jain, einer der 60 Werftbosse, „das ist Bestimmung“. […]
Frühe Paparazzi
Es war vielleicht wie in einem Sonntagabend-„Tatort“. Nur, dass der natürliche Tod der Hauptperson erst geduldig abgewartet werden musste. Die beiden Fotografen Willy Wilcke und Max Priester logierten Ende Juli 1890 in der Nähe des Gutes Friedrichsruh, wo Otto von Bismarck sich durch seine letzten Tage quälte. Den Förster des Hauses, Louis Spörcke, hatten sie schon bestochen. Der ließ ihnen prompt die Nachricht vom Tod des Reichskanzlers zukommen und half ihnen über die Fensterbank ins Sterbezimmer, als er gerade mit der Totenwache an der Reihe war. Das war am 31. Juli um 4 Uhr morgens, fünf Stunden nach Bismarcks letztem Atemzug.
Die Fotografen waren besessen. Sie stellten gar des Reichskanzlers Wecker auf 23:20 Uhr zurück, setzten das Magnesium-Blitzlicht in Gang und schossen eines der berühmtesten Fotos der Pressegeschichte, mit dem sie zu viel Geld kommen wollten. Schon am 2. August hatten sie in zwei Berliner Zeitungen eine Anzeige zum Verkauf des Fotos geschaltet.
Bismarcks Sohn Herbert hatte davon Wind bekommen und handelte. Er sorgte für die Beschlagnahmung des Fotos. Die Paparazzi wurden angeklagt und in einem spektakulären Prozess zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt.
Erst 1952 gelangte das Foto*, abgedruckt in der Frankfurter Illustrierten, an die Öffentlichkeit.
*zu sehen auch in der aktuellen Ausstellung „Bekrönte Händler“ im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus















