Stralsund

Ich hatte befürchtet, wir würden im Regen stehen vor dem Stralsunder Lyrikfenster. Doch ich war nicht ortskundig. Der Schaukasten hängt wettergeschützt in einem Durchgang zum Kultur-Hof. „Unter dem Wal“, wie Anke vom Sund immer schreibt.
Der Wind kündigte das Unwetter bereits an, er nahm mir fast die Worte aus dem Mund, und wir hatten unsere Mühe mit der schweren Scheibe. Der Text über den Pflaumen-Opa*, der seine reiche Ernte für eine Weile nur mit Mühe in der dünnen Tüte halten konnte, gelangte zu aller Freude sicher an seinen Platz. Daneben – die bildhafte Entsprechung aus der Speicherdruckerei.
Das Gewitter kam, als wir im Klabautermann unsere Fischsuppe vor uns hatten. Tropfen flitzten über die Fensterscheiben. Die Terrassengäste flohen in die Kneipe, alle rückten zusammen, atmeten, löffelten, schwitzten. Der Dunst stand noch zwischen den Leuten, als der Regen längst aufgehört hatte.
Draußen, am menschenleeren Kai, grüßte das letzte Licht. Ich hatte nichts mehr zu tragen und hätte den Sund umarmen können.
So wie der Pflaumen-Opa, als er endlich frei war von der ganzen Last.

*“Pflaumen“ ist am 16.09.2022 in diesem NotizBlog als Minutentext erschienen.

Günter, Elisabeth, Claus und die Anderen

Vielen jungen Leuten gehörte diese Wiese.
So will ich es mal sagen.
Denn auf dieser Wiese habe ich sie sehen können.
Ihre Namen. Manche Daten.
Günter Blisse war fast 18, Elisabeth Kwasigrock zwei Jahre älter, Claus Wottrich schon dreißig.

Ich habe mir manchmal überlegt, was aus ihnen noch hätte werden können. Oder wer sie vielleicht gewesen waren.
2300 Gräber befinden sich unter dem Rasen auf dem Schweriner Alten Friedhof. Auf mehr als 225 Messingtafeln konnte man die Namen lesen.
Bis Metalldiebe sich die Grabstellen vornahmen. Sie gingen systematisch vor, kamen mehrmals und wurden vielleicht nur nicht fertig.
Die Friedhofsverwaltung ließ nun auch die verbliebenen Messingplatten sichern.

Jetzt sind alle Sockel blind.

 

Lyrikfenster in Stralsund

FUNDSTÜCK TRIFFT FUNDSTÜCK im Lyrikfenster Stralsund

Es geht um meinen Text „Pflaumen“.

Das Lyrikfenster befindet sich in der Altstadt Stralsund in einem öffentlich zugänglichen Schaukasten. Bereits seit einem Jahr wird das Lyrikfenster durch die Stralsunder Autorin Anke vom Sund bespielt und ist zu einem besonderen Ort für Kunst im öffentlichen Raum und Begegnung geworden.

Seit März 2026 kooperieren die Stralsunder Autorin Anke vom Sund und das Speicherhaus für Druckkunst Stralsund in dem Projekt FUNDSTÜCK TRIFFT FUNDSTÜCK. 

Die Idee dabei ist, dass Texte von Autor:innen aus MV und Drucke aus dem Speicherhaus für Druckkunst jeden Monat neu im Lyrikfenster  „gematcht“ werden. Sie werden nicht füreinander geschaffen, sondern finden zueinander und werden jeweils einen Monat im Lyrikfenster ausgestellt.

Nix für Vegetarier

Die leckeren Petermännchen-Knacker eines Schweriner Fleischers sind fast so schmal wie Bifis, also nur zum Reinbeißen.
Nun wurde gemunkelt, dass die sogenannte Kochsalami, quasi die blass-rosa Litfasssäule unter den Würsten, aus dem gleichen Pott stamme wie die würzigen Würmer. Damit wäre sie also klappstullentauglich!
Das wollte ich nun genauer wissen.
– „Eine Kochsalami bitte!“ (Sie musste erst von hinten geholt werden).
– „Wollen Sie ihn bestechen?“
– „Wen denn???“
– „Na, Ihren Hund!“
– „Warum?“
– „Wegen der Tabletten?“
– „Ich hab gar keinen Hund! – Ich will die Wurst auf’s Brot.“
Tatsächlich schmeckt sie wie die Petermännchen-Knacker!

Dabei klingt doch Kochsalami wie etwas reizlos Zusammengeblubbertes, mit dem sich nicht mal mein Kater hätte bestechen lassen.

 

Feedback-Kultur

„Nicht gemeckert ist genug gelobt!“
Das hat jemand gesagt. Ich war dabei.
Schweigen, wenn auch nur für einen Moment.
In der Nachkriegszeit soll dieser Spruch gelegentlich am Mittagstisch zu hören gewesen sein. Die Hausfrau hätte bei zu viel Lob übermütig werden können! Schwamm drüber.
Heute taugen diese Worte immerhin für das Nachfühlen einer gewissen Balance zwischen Schmeichelei und Bräsigkeit.
Meist liegt die Wahrheit ja doch in der Mitte.

 

Tyler Mitchell oder DEICHTORHALLEN II

Ein paar Ausstellungsminuten von den humorvoll-übergriffigen Collagen (Diop/Shulman)* entfernt kreuzen plötzlich ganz nah colored Füße im Sand auf. Mitten im Bild – eine gerahmte Öffnung, die seltsam in eine andere Welt weist. Wie ein Zugfenster, das als unregelmäßige Glasfläche dem Betrachter einen Spiegel vorhält.
Beim Schwimmer, drei Schritte weiter, steht, wer innehält, selbst mit im Wasser, lässt sich umarmen oder wegschieben, je nach Laune.

Im Vergleich zu dem Aufwand, mit dem Diop & Shulman das „Anonymous Project“ geradezu verzauberten, leben und funktionieren Mitchells Collagen quasi im Vorübergehen.

*siehe Minutentext vom 16.07.26

Entdeckung in den Hamburger DEICHTORHALLEN

Der senegalesische Fotograf Omar Victor Diop ist ein kreativer Schelm – und natürlich viel mehr als das. Hat er sich doch – ein halbes Jahrhundert nachdem ahnungslose weiße Amerikaner ihre Partys, Picknicks und Stelldicheins knipsten – per Fotomontage einfach in die Situation hineingebastelt. Als Schwarzer! Brav schmunzelnd sitzt er neben einem kreischenden Pärchen auf der Couch, zerlegt beim Picknick für die betagte Lady einen Hummer oder staunt, auf dem Teppich fläzend, mit einem jungen Mädchen über angesagte Schallplatten. Es sieht wirklich so aus, als wäre er dabei gewesen – in einer Zeit, in der sich genau das wegen der gelebten Rassentrennung wohl niemals zugetragen hätte.
Die Originale stammen aus einer Sammlung von Amateur-Dias aus den 1950er und 1960er Jahren, die der britische Künstler Lee Shulman als „Anonymous Project“ verwaltet. Diop und Shulman werden beim Anfertigen der Collagen ihren Spaß gehabt haben. So definieren sie die Macht des Bildes und der Erinnerung neu und erzeugen so die Illusion einer nahezu vollkommenen Harmonie*.

*aus dem Ausstellungstext
https://www.monopol-magazin.de/lee-shulman-omar-victor-diop-zeitreise

https://2026.phototriennale.de/

Auf dem Georgen-Parochial-Friedhof. Berlin

Treffen sich ein Skatbruder, ein Weinkenner und ein Dichter.
Eine schöne Geschichte dazu scheint zum Greifen nah. Was hecken sie miteinander aus?
Doch auf dem parochialen Gelände herrscht Diskretion. Wer noch diesseits unterwegs ist, kann nicht einfach am Stammtisch der Beigesetzten Platz nehmen.
Auch wenn die Lampe fürs Kopfkino gerade angeknipst ist. Das immerhin hat funktioniert.
Nochmals wird der Blick geschärft.
Und plötzlich ist es der mit dem Weinglas, der ins Plaudern kommt – und das ist gar in Stein gemeißelt:

 

 

Das Puppenlager

Hinter der Glasscheibe – ein Panoptikum. Würde man all die Seelen auch noch hören können, wäre es kaum auszuhalten. Erst recht, wenn man eigentlich kein Blut sehen kann. Doch die Schnittwunde unter dem Ohr, tief rein in den Kiefer, hat eine magische Wirkung.  Auch die drei übergroßen blassen Gesichter – verkniffener Mund / gefletschte Zähne / haltloser Schrei – hallen zauberhaft wider. Die Schauspielschule Ernst Busch verstaut ihre Puppen-Sammlung sichtbar, sodass man aus dem Foyer Blickkontakt aufnehmen kann mit Monstern und Unholden, Liebchen und Kröten.
Goodbye den Gehenkten. Und einen Gruß an all die Marionetten, Handpuppen und Masken in den Regalen, für deren Bekanntschaft man einen Lager-Schlüssel gebraucht hätte.

Zirkeltraining im Fitnessstudio

An jedem Gerät hat man nur eine Minute Trainingszeit. Ist diese abgelaufen, muss man abspringen, das Handtuch schnappen, die Griffzonen abwischen und weiter. Beim Beinbeuger ist allerdings auch das Querstangenpolster emporzurammen, sonst kommt der Nächste nicht auf den Sitz. Da gibt’s schon mal Trainer-Schelte, wenn das jemand vergisst!
Ich erreiche den Beinbeuger, die Querstange steckt regelwidrig unten fest. Ich beuge mich über das Gerät zum Arretiergriff, der sich eigentlich nur im Sitzen händeln lässt, und ruckel die Stange Loch für Loch zurück.
Ich schelte nicht.
Ich bin ja kein Trainer.
Ich guck‘ aber kurz, wer das war.
Die Frau ist etliche Jahre älter und putzt gerade die Griffe an der Maschine, auf der sich hinterer Oberschenkel und Gesäßmuskel quasi die Hand reichen. Ich ahne, wie sich ihr musculus gluteus maximus gerade anfühlt. Schön, wenn der Schmerz nachlässt. Und wenn jemand alles dransetzt, um HUNDERT zu werden.