Genauer hingeschaut
Das Vorsatzblatt der Familienbibel hängt nur noch an wenigen Stellen fest. Am zerknitterten Rand – abgegriffen, abgeknickt, abgerissen – fehlen ein paar Fingerbreiten. Dabei ist gerade dieses fragile Blatt interessant wegen der handgeschriebenen Einträge, deren erster so alt ist wie die Bibel selbst. Der 30jährige Krieg war gerade vorbei.
Nun ist in etwa geklärt, was dort steht auf lateinisch. Keine Familiengeheimnisse, sondern eine editorische Notiz zu den Bearbeitern, Korrektoren und sonstwie Beteiligten. Mit Eigenem hätten sie das Alte und Neue Testament und die gängigen Beigaben auch noch klug ergänzt.
Genau darunter, in anderer Schrift und mit harten Worten – Protest!
Vide …!
Lege …!
Ja, ein hämisches „sieh nur!“ und ein ruppiges „lies das!“ Um dich dann verächtlich abzuwenden! (Warum auch immer).
So große Spannungen konnte das Papier wohl nicht aushalten.
Diese Bibel wird geschont seit dem Ableben einer Großtante, die einige Lesezeichen stecken gelassen hatte und recht praktisch veranlagt war: An gewissen Stellen mit merkbaren Seitenzahlen waren nämlich pikante Notizen untergebracht. Das Buch erzählt eben noch mehr Geschichten als in ihm aufgeschrieben sind. Und hier und dort fand sich auch ein Fünfzig-Mark-Schein für schlechte Zeiten.
Leben im Bestattungshaus. Eine Lesung
Plate. Christian Scheffel, der Chef, empfängt schon auf dem Vorplatz: „Hier sind Sie richtig.“ So ein junger Bestatter!
Vor dem Wandbild, das in Pastellfarben behutsam den Weg in die Ewigkeit zeigt, steht mein Lesetisch. Es gibt so viele Stuhlreihen wie ein großes Dorf auch für eine Beerdigung braucht. Man kennt sich. Gut sogar.
Eine hohe Decke. Ein Harmonium. Die Klappe bleibt zu.
Zwei Mikrofone. Beim Soundcheck schiebt der Tonmann die Regler routiniert auf seinem Tablet. Leif kommt etwas später, wird umringt. Tennemann zieht Leute an.
Dabei ist er hier der Moderator. Er versucht, die Erwartungen zu lenken. Getränke gibt es, Würstchen auch. Während der ersten Geschichte bereue ich, nicht doch eins genommen zu haben. Der Magen hatte sonst immer bis nach der Lesung gewartet. Doch hier ist alles anders.
Eine Dame fragt, ob Robbie nun sterben muss. Das offene Ende macht ihr zu schaffen. À propos Fundmunition. Da kann der Herr aus der ersten Reihe auch was erzählen als Brunnenbauer! Und die Plattdütsche Deern links ebenfalls. Tennemann regelt den Verkehr der Wortmeldungen.
Dann komme ich mit meinem „Faust-Schlag“. Und schließlich, nach der Pause, mit „Oma“. Es ist meine Lieblingsgeschichte, sie handelt von einem Abschied nach der Trauerfeier. Eigentlich unfassbar. Da ist man sich einig. Große Stille im Bestattungshaus.
Wie hieß das Motto? LESEN BIS ZULETZT.
Besser kann es nicht passen.
HERZKASPERTHEATER – Lesen bis zuletzt …
… im Rahmen der Plater Winterlesungen
am 23.03.2026 um 19:30 Uhr
Ort: Plate, Blumen- und Bestattungshaus Scheffel
Moderation: Leif Tennemann
Veranstalter: Jugendförder- und Kulturverein Plate
„Arbeiter des Meeres“
Ich hatte nicht geahnt, dass es solche Männer wie Repins Wolgatreidler noch gibt. Rolf Nobel ist ihnen in seiner Fotoreportage im indischen Alang sehr nahe gekommen. Das Tau, das die Männer rechts geschultert haben, hängt zwischen ihnen durch. Es wird an Land gebracht, wie auch die schwere Schiffskette, während der Koloss schon feststeckt zum Abwracken.
Die Wolgatreidler dagegen sind einzeln in breiten Riemen angeschirrt und schleppen mit größter Mühe einen Lastkahn ans Ufer. Dieser wird dort entladen und hat den Rest seines Schiffslebens noch vor sich.
In Alang jedoch ist Endstation. Die Eisenfresser sind die Werftbesitzer.
Rolf Nobel schreibt dazu: […] Tagsüber ist der Schrottplatz ein Schlachtfeld. Flammen züngeln, schwarze Rußwolken verdunkeln den Himmel, ein Höllenlärm dröhnt in den Ohren. Arbeitsunfälle, auch tödliche, sind in Alang keine große Sache. Wo so viele Menschen täglich in Badelatschen zwischen scharfkantigem Schrott herumlaufen, wo sie mit Gas und Feuer ölige Schiffsteile zerlegen, unter tonnenschweren Lasten arbeiten und die Plastikummantelung von Kabeln mit gefährlichen Weichmachern verbrennen, sind Verletzungen und Krankheiten auf der Tagesordnung. „Schicksal“, sagt Sona Ram Jain, einer der 60 Werftbosse, „das ist Bestimmung“. […]
Frühe Paparazzi
Es war vielleicht wie in einem Sonntagabend-„Tatort“. Nur, dass der natürliche Tod der Hauptperson erst geduldig abgewartet werden musste. Die beiden Fotografen Willy Wilcke und Max Priester logierten Ende Juli 1890 in der Nähe des Gutes Friedrichsruh, wo Otto von Bismarck sich durch seine letzten Tage quälte. Den Förster des Hauses, Louis Spörcke, hatten sie schon bestochen. Der ließ ihnen prompt die Nachricht vom Tod des Reichskanzlers zukommen und half ihnen über die Fensterbank ins Sterbezimmer, als er gerade mit der Totenwache an der Reihe war. Das war am 31. Juli um 4 Uhr morgens, fünf Stunden nach Bismarcks letztem Atemzug.
Die Fotografen waren besessen. Sie stellten gar des Reichskanzlers Wecker auf 23:20 Uhr zurück, setzten das Magnesium-Blitzlicht in Gang und schossen eines der berühmtesten Fotos der Pressegeschichte, mit dem sie zu viel Geld kommen wollten. Schon am 2. August hatten sie in zwei Berliner Zeitungen eine Anzeige zum Verkauf des Fotos geschaltet.
Bismarcks Sohn Herbert hatte davon Wind bekommen und handelte. Er sorgte für die Beschlagnahmung des Fotos. Die Paparazzi wurden angeklagt und in einem spektakulären Prozess zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt.
Erst 1952 gelangte das Foto*, abgedruckt in der Frankfurter Illustrierten, an die Öffentlichkeit.
*zu sehen auch in der aktuellen Ausstellung „Bekrönte Händler“ im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus
Schlossbucht am Morgen
Eigentlich wollte ich kein Bild ersteigern.
Nur das eine, vielleicht. Für den guten Zweck der Schelfkirchensanierung.
Macht nicht Zugucken auch Spaß? Mit Achim Schuster? Klar. Er hat Platz geschaffen in seinem Atelier.
Dieses eine, die Schlossbucht am Morgen, leuchtet mir gleich entgegen. Alle Bieter scheinen nur darauf zu warten, dass es aufgerufen wird. Dieses eine mit den Schilfhalmen im Gegenlicht, auf denen die Ähren erkennbar sind, ganz fein. Eine Täuschung, natürlich. Es ist perfekt. Auch die Spiegelung der Bäume im bewegten Wasser. Magisch.
Jetzt! Das erste Gebot. Ja, so heißt das.
Ich zücke mein Bieterkärtchen und gehe drüber. Natürlich versagt die Stimme. Gleich ist es weg. Nein, noch nicht. Ich wiederhole mein Gebot, diesmal deutlich genug.
Zum Ersten. Zum Zweiten. Zum Dritten.
Und der Hammer fällt.
Alter Schwede
Wintersonne in der Hafencity. Kleine Eisschollen, auf denen putzige Wasservögel als Mitfahrer ausharren, eilen mit der Strömung in Richtung Elbphilharmonie. Doch sind wir zu Fuß mindestens genauso schnell.
Die Anzeige Nils Landgren – 70 – A Birthday Celebration leuchtet über den Vorplatz.
Rolltreppe. Stufen. Ausblicke. Gänge.
Der Jubilar sagt selbst, dass man sich verlaufen kann in der Elphi!
Er lacht, die rote Posaune schwenkend, seine Band und die Hamburger Symphoniker in weitem Bogen hinter sich.
Dann setzt er an zum ersten Ton, und die Vorfreude auf den Landgren-Sound, der immer so sanft einem anderen Horizont entgegenperlt, entlädt sich in einer inneren Weite, die den ganzen Abend anhält. The story of my life.
Mir ist die Resonanz seiner maßvoll ungeölten Stimme so vertraut wie einst die selbstverständliche Gegenwart eines Vaters. Spielerisch ertastet er jene kleinen Schollen, von denen ich ahne, dass sie auch mich tragen könnten. Somewhere.
Happy birthday, Nils Landgren.
Schlichte Erkenntnis
Jetzt
weiß ich,
wie das geht –
jemanden auf die Palme
bringen!
Das „i“ im Klo ODER Heim-Alltag
Christel ist über 80 und kann sich nur noch wundern. Dass sie Alzheimer hat, hat sie schon vergessen. An der Tischkante klebt ihr Name in fetten Buchstaben. Woher wissen die, dass sie hier immer sitzt? Zwischen den anderen … Dusseligen? Nein, sie findet kein besseres Wort. Das ist sowieso schwierig mit den Wörtern, seit ihr Gedächtnis sie immer wieder im Stich lässt und sie mit dem Rolldings laufen muss. Das rollt immer schon los, und sie weiß gar nicht, in welche Richtung. Manchmal, auf dem Weg in ihr Zimmer, kommt sie an einem Bad vorbei. Wieder wundert sie sich. Niemals würde sie TOILETTE mit „i“ schreiben. Sie ist gespannt, was Mutti dazu sagt, wenn die mal wieder kommt. Oder der Onkel, von dem sie als Kind Schach gelernt hat.
Matt ist sie. So matt. Auch wenn sie sich jeden Tag vornimmt, zu Hause das Kräuterbeet durchzuhacken, heute wird das wieder nichts. Sei’s drum.















