Eine Pizzeria in Palermo

Ein plötzlich einsetzender Wolkenbruch bringt alles durcheinander auf der Terrasse der Pizzeria. Die Papierdecken auf den unbeschirmten Tischen stehen sofort im Wasser. Ein Kellner springt von einem Serviettenhalter zum nächsten und türmt die klatschnassen Boxen auf sein Tablett.
Die Pasta – unter einem Schirm – war großartig.
Ich lege mein Besteck in die „Fertig!“-Position.
Die Kasse sei drinnen.
Ein paar Münzen liegen da einfach so rum.
Ach nein, sie klimpern gar nicht.

 

Anke und die Mucki-Bude

Anke spürt die Muskulatur ihrer Oberarme. Einfach so im Pulloverärmel. Auch ohne etwas zu tun. Das kommt vom Sport! Seit ein paar Monaten rackert sie sich im Fitnessstudio an den Geräten ab. Viele Sportsfreunde fangen zum Jahresbeginn an und kommen nach dem ersten Urlaub nicht wieder. So eine ist Anke nicht. Wenn, dann richtig. Sie ist schon ein alter Hase hier, hat Routine im Zirkeltraining und hört manchmal zu, wenn die Kursleiterin Neulingen die Trainingsprofile vorstellt. Dann macht Anke eine gute Figur, zieht richtig durch und genießt die Blicke und Kommentare im Rücken. Alle haben nur Vornamen.„Anke macht hier das Einsteigerprogramm“, erklärt die Trainerin heute einem Fremden.

Einsteiger? Mit diesen fortgeschrittenen Oberarmen?
Anke lässt sich nichts anmerken.
Ihre Zeit wird schon noch kommen.

Anfang Mai

Unsere Eltern haben nie eine Fahne herausgehängt.
Das fiel auf. Vor allem uns.
Wir zehnjährigen Schwestern wollten lieber nicht auffallen.
Aber wir wussten nicht, wo wir eine Fahne herbekommen sollten. Im Haus gab es weder eine rote noch eine mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz.
Und an der Fassade waren keine Fahnenstangenhalter.
Da mussten wir eben stark sein. In der Schule und bei den Leuten. Falls jemand gefragt hätte, warum wir keine Fahne haben.
Es hat nie jemand gefragt.
Nach ein paar Tagen waren die Häuser auch wieder kahl. Bis zum 7. Oktober, dem „Tag der Republik“.

Mit elf oder zwölf war es uns dann egal.

 

In Eile

Vermutlich ist es nicht ausdrücklich verboten, sich während des Fahrradfahrens die Brille zu putzen. Die Liste der unerlaubten Handlungen würde sonst zu lang werden. Und manchmal ist eben ganz plötzlich ein Glas verschmiert und man muss trotzdem unbedingt weiterfahren.
Natürlich bleibt die Brille auf der Nase, weil Bügel und Helmriemen immer in einem verzurrten Nebeneinander feststecken.  Im Anorak ist ein Taschentuch rasch gefunden und herausgefingert, ohne dass das Schlüsselbund dabei verloren geht. Und jetzt wird so lange das Glas gerieben bis die Sicht wieder klar ist. Welch eine wohltuende Prozedur. Es geht im Wäldchen bergab zum See hinunter. Leider nimmt der Fahrtwind das Tuch mit. Anhalten! Umdrehen! Die paar Schritte wieder bergauf schieben und das Stück Zellstoff aufheben! Doch da sprengt ein riesiger Schäferhund heran …

Der läuft zum Glück vorbei, will nur die Enten jagen. Das ist jetzt ganz deutlich zu sehen.

Neues vom Schriftputzer*

Es handelt sich bekanntlich um ein Utensil meiner Großmutter.
Nach vier Jahrzehnten auf dem Dachboden war es, eingewickelt in seine Gebrauchsanweisung, plötzlich aufgetaucht – völlig nutzlos für mich und dennoch mit einer gewissen Aura gesegnet. Meine Großmutter war Lehrerin im Maschineschreiben gewesen.
Wohin mit dieser „Reinigungsknetmasse“?
Es dauerte noch drei Jahre, bis ich Frank Osthoff mit der alten Schreibmaschine Gabriele an seiner mobilen TippStelle traf. Schlaue Sätze und Verse hat er getippt und getippt und getippt. Ja, er freute sich über den Schriftputzer, vielleicht weil auch er ein Nostalgiker ist und man solchen Kram dann aufhebt. Einfach so.

Jetzt aber wurde es in der TippStelle Zeit für einen Frühjahrsputz. Frank erinnerte sich an die Spezialknete meiner Großmutter, las die Gebrauchsanweisung und legte los.
Was für ein glücklicher Tag für Gabriele!

*Siehe: Minutentexte vom 6.2.2020 und vom 26.8.2023

Nach Ostern

Freudestrahlend drängt die Sonne zwischen den Bäumen hindurch. Alles will sie mit Farben beleben, so heißt es.
Doch ein Freund ist gestorben.
Diese Kunde erschöpft alle Sinne und bedeckt die Welt mit einem grauen Schleier.
Wie zäh der doch ist.
Und wie gut auch.
Weil es jetzt Stille braucht zum Innehalten.

Jeder macht sich sein Bild

In Ausstellungen fotografiert man nicht. Das ist wie ein Gesetz.
No flash steht manchmal auf kleinen Schildern. Dann ist es erlaubt. Jedoch ohne Blitz!
Bei CDF zücken alle ihre Smartphones.
Unendlich ist der Himmel über dem grünschwarzen Meer. Möwen und Schaumkronen sind winzig getupft. Am Mönch gucke ich mich fest und erinnere mich an die Lektüre, in der die ganze Last der Trauer beschrieben ist, die Caspar David Friedrich erdrückt haben muss.
Ich krame verstohlen mein Smartphone hervor und mache ein Foto. Mit zwei Fingern ziehe ich den Ausschnitt größer – bis ich meine, mehr zu erkennen.
Der Mann am Meer wirkt sehr jung, fast knabenhaft. Vermutlich ist er barfuß. Jetzt könnte ich mir sogar ein Gesicht dazu vorstellen.

So viel Nähe war sicher nicht vorgesehen. Und mit unserem Voyeurismus hat Friedrich nicht gerechnet.

Im Wahn

Der Regionalzug ist rappelvoll am Sonntagnachmittag, weiterrücken geht nicht mehr, vorsichtig vorbeischlängeln auch nicht. Überall stehen Koffer und Körper an Körper. Wer sitzt, hat Glück.
Ein Mann wedelt mit den Armen und verkündet lauthals, er heiße Andreas Soundso. Dann hält er sich an der nächsten Gepäckablage fest, schwingt seinen Oberkörper weit in eine Viererzone und schreit, dass er gerade Frust schiebe und alle staunen würden, wie schnell jetzt ein paar Fressen poliert würden.
Einem Rentner an der Gangseite kommt er so nahe, dass er nur eine halbe Armlänge bräuchte um auszuführen, was er in bildhafter Fäkalsprache gerade prophezeit hat.
Sonst ist Stille im Waggon.
Aber Andreas Soundso schreit ja nur. Er tut nichts. Irgendwie ist das klar.
Dennoch schiebt sich der Rentner Bluetooth-Kopfhörer in die Ohren und schließt die Augen.
„Potsdam!“ Soundso findet ein Adjektiv, das diese Stadt verhöhnt, will eigentlich aber wissen, ob er die Station schon verpasst hat.
„Verpasst, ey, hörst du?“, grölt er und schimpft den Rentner einen Hurensohn, der sich seine Ohrstöpsel …
„Nein“, sagt plötzlich eine Frau ruhig und fest. „Nicht verpasst! Sie sind im falschen Zug.“
Beim nächsten Halt bildet sich ein Spalier, damit es Andreas Soundso auch wirklich bis nach draußen schafft.
Potsdam liegt am anderen Ende der Welt.

Else und Hans

– Möchtest du noch einen Tee, Hansel?
– Hab‘ noch.
Ein Waffelröllchen dazu?
Ich faste doch.

– Kann ich auch mal in deine Zeitung gucken?
Das machste doch schon.
Blätter‘ mal bitte weiter.
Steht aber überall was von Kriegen.
Dann lass.