Nachrichten aus Barth

Im Barther Flüchtlingsheim gab es einen Mord.
Die Zeitungsfotos von der Straße mit den DDR-Plattenbauten sind genau dort entstanden, wo ich vor zwei Jahren mit einer jungen Familie unterwegs war, um über sie zu schreiben.
Ich wollte alles verstehen: ihre Flucht, ihre Träume, ihre Möglichkeiten.
Was ich sofort spürte, war ihre Angst.
Ich weiß nicht, ob die drei aus der Nähe erlebten, was in ihrer Nachbarschaft geschah. Spätestens, als Polizeifahrzeuge die Straße in ein anderes Licht tauchten, wird die Nachricht bei der Familie angekommen sein: Ein Marokkaner hat seine Frau erstochen.
Ich sehe das versteinerte Gesicht der jungen Mutter, die ich kennengelernt hatte. Sie wird ihrem Kind die Haare kämmen und hoffen, dass es von all dem nichts mitbekommen hat.

Ein Parcours am See

In der Nähe gibt es eine Schule. Da passiert so manches, an dem das Umfeld teilhaben kann.
Nun hängen Zettel an den Bäumen zum See. In ungelenker Kinderschrift fordern sie alle zwanzig Meter zu einer neuen Mutprobe heraus.
Über ein Hindernis soll gesprungen werden. – Kein Problem.
Kastanienzielwurf? – Konnt‘ ich schon immer!
Aber dann – Schlangenessen?! Und vorher „Augen ferbinden“? Hilfe!!!

Sollte ich mich auf diesem Kanal nicht mehr melden, ist etwas schiefgegangen.

 

Die Faszination von Mausoleen

In Lenins Mausoleum bin ich nie gewesen, wohl aber bei Dimitroff, damals in Sofia. Da war er noch keine 30 Jahre tot. Das von Spots gezielt beleuchtete Gesichtchen über dem steifen Kragen war beim Vorübergehen kurz zu sehen gewesen. Präsenter war die Absperrkordel. Als ich mich bemühte, an etwas Feierliches zu denken, waren wir schon durch. Was sollte solch eine einbalsamierte Hülle auch preisgeben? Dimitroff hatte genug hinterlassen, was schlichtweg nachzulesen war. Natürlich.
Jetzt stehe ich an Ötzis Eiskammer, habe ihn hinter der Sichtscheibe – unbekleidet – recht nah vor mir und gucke mich an seinem Ellenbogen fest, auf dem ein Tröpfchen festgefroren ist. Vor 6000 Jahren hat er gelebt. Heute weiß man von seinen Gefäßverkalkungen und seiner Laktoseintoleranz und hat auch die Pfeilspitze, die ihn tödlich getroffen hatte, gefunden. Ich kann mich ehrfürchtig sattsehen – kurz vor Schließung des Museums, also der besten Besuchszeit. Denn auch in Bozen gibt es tagsüber Warteschlangen – wie in Moskau und damals in Sofia*. Die Kombination von Tod, Konservierung und Forscherdrang weckt bei vielen den Wunsch, ganz nah ranzugehen und innezuhalten.

* Dimitroff wurde im Sommer 1990 eingeäschert, sein Mausoleum 1999 gesprengt.

Pflaumen

Opa ist heute Pflaumenbote und fährt mit dem Bus. Jede Pflaume ist so groß wie eine Kinderfaust. Frisch vom Baum gepflückt hatte Opa mehrere Kilo in eine Tüte geschichtet. Nun umfasst er den Obstsack auf dem Schoß mit beiden Armen und versucht, die kleinen Erschütterungen während der Fahrt abzufangen. Beim Ampelrot stöhnt der Motor auf wie in einer Vorahnung. Zwei Pflaumen machen sich selbstständig und fluppen durch einen winzigen Riss in der Tüte. Opa neigt sich zum Gang und hebt die eine auf, während die andere kurz vor der Haltestelle von einer Ahnungslosen zerlatscht wird. Am nächsten Halt muss auch Opa aussteigen. Da er den tellergroßen Matsch nicht im Bus lassen kann, kickt er ihn gezielt in den Rinnstein und tritt erleichtert die zwei Stufen hinab.
Ist ja alles nochmal gutgegangen, denkt er.
Da prasselt ein ganzes Pflaumengeschwader auf die Straße. Was dort liegt, ist verloren.
Irgendwann hat Opa beide Hände frei, um sich am Kopf zu kratzen.

Historische Momente

Im Fotogeschäft gibt es einen Räumungsverkauf. Alles muss raus. Wahrscheinlich wird der Laden neu vermietet. An der Hofeinfahrt lehnen edle Paneele mit jeweils zwei gucklochähnlichen Messingringen. Es könnten auch sehr spezielle Schranktüren sein. Aber wozu sollte man durch die hindurchschauen? Und was gab es dann zu sehen?
Die ganze Welt, sagt die Ladeninhaberin!
Doch werde die nun gerade aus dem Haus getragen.
Noch nie hatte ich ein Kaiserpanorama im Original gesehen. Dieses hier hatte einst der Urgroßvater der jetzigen Besitzerin betrieben. Auf zahlreichen historischen Stereofotos, die auf einer Glasplatte Dreidimensionalität suggerieren, lassen sich Skurrilitäten und Szenen aus fernen Ländern präsentieren. Wenn das große Holzrad, auf das die Fotos gesteckt werden, gedreht wird, erleben die Herrschaften vor den Gucklöchern „photoplastische naturwahre Rundreisen“.

Nein, das Kaiserpanorama werde natürlich nicht verramscht. Vorsichtig in Decken gehüllt darf es jetzt eine Weile zerlegt ausharren, bevor es anderswo wieder aufgebaut wird, um Neugierige zu verblüffen.

Die Belohnung

Ein Anruf. Der alte Mann freut sich. Welch sympathische Stimme! Welch charmanter Akzent!
Natürlich hat er eine Minute Zeit. Ha! Die drei Fragen beantwortet er doch mit links!
Das soll es schon gewesen sein?
Ach, er bekommt sogar eine Belohnung? Sechs Hefte gratis. Entweder von der einen oder der anderen oder der dritten Zeitschrift. Er soll sich entscheiden. Also gibt er sich einen Ruck.
Er will die gute Frau ja nicht aufhalten.
Eigentlich braucht er die nicht, aber dann nimmt er eben die Fernsehzeitschrift.
Ja, die Adresse muss er noch sagen. Natürlich.
Warum wird der Ton jetzt kühler, die Stimme streng?
Er hört das Wort Widerrufsbelehrung.
Hat er soeben ein Abonnement abgeschlossen – eines, vor dem ganz alte Leute immer gewarnt werden?
Er hat doch immer behauptet, ihm werde so etwas nicht passieren?!
Ist es aber.

 

 

 

Der Jongleur

Stau an der roten Ampel.
Immer noch ROT.
Auf der winzigen Verkehrsinsel zwischen den Fahrspuren steht ein Mann.
Ein faustgroßer Ball pendelt zwischen Ober- und Unterarm, schwingt sich auf den Handrücken, wechselt zum anderen Arm, kullert, steht, kullert, steht. Er erreicht die Schulter, rollt am Nacken vorbei und taucht vorn wieder auf. Magisch mit dem Körper verbunden, folgt der Ball allen Bewegungen und wechselt geschmeidig in die Gegenrichtung.
GELB.
GRÜN.
Schade.

Über den Tod hinaus. Ein Freundinnen-Geheimnis

Als Micha im Juni 1980 dreißig wurde, legte er Bratwürste auf den Grill und versuchte sich an einem Kartoffelsalat. Seine Mutter mit ihren tollen Salatrezepten war kurz zuvor an Krebs gestorben.  Und Oma, die der kranken Tochter immer gedroht hatte – wehe, wenn du vor mir gehst …! –  war bereits am Ostersonntag friedlich eingeschlafen, aus ihrer Sicht also rechtzeitig, wie Micha fand.
Doch wer sollte nun zum Feiern kommen? Die Kumpels waren noch nie hier gewesen. Also die Nachbarn. Irmgard von nebenan hatte ihm versprochen, ein Geheimnis zu lüften. Das über den Vater wohl. Kein Wort hatte Mutter je über ihn verloren.
Na? Er sah Irmgard neugierig an. Sie probierte erst den Salat. Dann schien sie plötzlich zu spüren, dass ihr das alles nicht zustand. Mit Michas Mutter war sie doch so eng gewesen.
„Du hast doch aber gesagt …“, hakte Micha nach.
Irmgard gab sich einen Ruck: „So viel kann ich wohl verraten: Er war anständig.“

Wie (fast) immer eine wahre Geschichte.