Auf dem Georgen-Parochial-Friedhof. Berlin

Treffen sich ein Skatbruder, ein Weinkenner und ein Dichter.
Eine schöne Geschichte dazu scheint zum Greifen nah. Was hecken sie miteinander aus?
Doch auf dem parochialen Gelände herrscht Diskretion. Wer noch diesseits unterwegs ist, kann nicht einfach am Stammtisch der Beigesetzten Platz nehmen.
Auch wenn die Lampe fürs Kopfkino gerade angeknipst ist. Das immerhin hat funktioniert.
Nochmals wird der Blick geschärft.
Und plötzlich ist es der mit dem Weinglas, der ins Plaudern kommt – und das ist gar in Stein gemeißelt:

 

 

Das Puppenlager

Hinter der Glasscheibe – ein Panoptikum. Würde man all die Seelen auch noch hören können, wäre es kaum auszuhalten. Erst recht, wenn man eigentlich kein Blut sehen kann. Doch die Schnittwunde unter dem Ohr, tief rein in den Kiefer, hat eine magische Wirkung.  Auch die drei übergroßen blassen Gesichter – verkniffener Mund / gefletschte Zähne / haltloser Schrei – hallen zauberhaft wider. Die Schauspielschule Ernst Busch verstaut ihre Puppen-Sammlung sichtbar, sodass man aus dem Foyer Blickkontakt aufnehmen kann mit Monstern und Unholden, Liebchen und Kröten.
Goodbye den Gehenkten. Und einen Gruß an all die Marionetten, Handpuppen und Masken in den Regalen, für deren Bekanntschaft man einen Lager-Schlüssel gebraucht hätte.

Zirkeltraining im Fitnessstudio

An jedem Gerät hat man nur eine Minute Trainingszeit. Ist diese abgelaufen, muss man abspringen, das Handtuch schnappen, die Griffzonen abwischen und weiter. Beim Beinbeuger ist allerdings auch das Querstangenpolster emporzurammen, sonst kommt der Nächste nicht auf den Sitz. Da gibt’s schon mal Trainer-Schelte, wenn das jemand vergisst!
Ich erreiche den Beinbeuger, die Querstange steckt regelwidrig unten fest. Ich beuge mich über das Gerät zum Arretiergriff, der sich eigentlich nur im Sitzen händeln lässt, und ruckel die Stange Loch für Loch zurück.
Ich schelte nicht.
Ich bin ja kein Trainer.
Ich guck‘ aber kurz, wer das war.
Die Frau ist etliche Jahre älter und putzt gerade die Griffe an der Maschine, auf der sich hinterer Oberschenkel und Gesäßmuskel quasi die Hand reichen. Ich ahne, wie sich ihr musculus gluteus maximus gerade anfühlt. Schön, wenn der Schmerz nachlässt. Und wenn jemand alles dransetzt, um HUNDERT zu werden.

Ein Missverständnis

Wo mochte meine Postsendung abgegeben worden sein?
Ich kannte keinen TOMI BLAU in der Nachbarschaft. Aber vielleicht würde ich ihn ja kennenlernen, wenn er mir das Paket bringt? Die Online-Abfrage am Abend ergab auch: BLAU, TOMI.
Niemand kam.
Immerhin wurde mir am Telefon zugesichert, dass nun der Fahrer kontaktiert werde.
Am nächsten Tag klingelte er tatsächlich und übergab kopfschüttelnd das Paket, nachdem er einmal beherzt in unseren Papierabfall gegriffen hatte.
Sei das etwa nicht eindeutig gewesen?!
Und ich hätte auch selbst mal in der BLAUEN TONNE nachschauen können!
Wo er Recht hat, … hat er wohl Recht.

Die Verflossenen

D. hat vor zwei Jahren ihren Vater verloren, plötzlich, bei einem Verkehrsunfall. Sie brauchte Zeit, all die Dinge, Verbindlichkeiten und Verträge zu ordnen, ja auch die Schätze und Illusionen, die Briefe und Fotos. Mit letzteren ist sie noch nicht ganz fertig.
Der Karton mit nach Lebensphasen sortierten Abzügen steht vor ihr.
D. freut sich, dass ich Lust habe, gemeinsam mit ihr die kleinen Foto-Stapel aus beschrifteten Umschlägen zu ziehen und auf dem Tisch auszubreiten.
Die Ehe mit D.‘s Mutter war nur eine Phase. Es gab ein Davor und ein Danach.
D. zeigt mir ein Papp-Mäppchen mit Passfotos.
„Das ist spannend!“, flüstert sie, „hier sind die Verflossenen …“
Ganz oben ein Foto der Mutter. Sehr jung, sehr glücklich – mit einer Notiz auf der Rückseite: So sieht mich der Bahnhofsautomat in Rouen.
Drei junge Frauen tragen eine Brille und sehen dadurch strenger aus. Eine andere schaut versonnen in die Kamera. Und ein junges Mädchen lächelt so gewinnend, dass wir beide zurückschmunzeln. D. kennt sie alle nicht, nur die Mutter.
Ich schiebe die Passbilder behutsam in das Mäppchen zurück.
„Mama wieder nach oben“, bittet D.
Natürlich.

Beim Dokumentenservice

Mein Reisepass ist abgelaufen, wie man so sagt.
Also habe ich mir einen Termin im Stadthaus besorgt.
Dort wird auch das Foto gemacht. Ganz schnell mit dem Smartphone.
„Die meisten wissen nicht, dass sie lächeln dürfen“, sagt der Beamte.
Ich lächle.
Der Praktikant im Hintergrund schmunzelt.
Die Daten stimmen noch. Ich unterschreibe. Auf Glas. Erfolglos.
„Nicht da, wo es hinkommt. Auf dem breiten Balken da drüber! Das sehen die meisten nicht.“
Ja, ich auch nicht.
„Sie bekommen den neuen Pass bei der Tag-und-Nacht-Dokumentenabholstelle.“ Er zeigt ein Foto von einer besonderen Tür neben dem Stadthaus-Eingang. „Aber erst, wenn Sie die SMS mit dem Code haben.“
Es klingt abenteuerlich.
„Das kostet jetzt siebzig Euro. Ohne Expresszuschlag. Und sechs Euro für das Foto.“
Ich lächle immer noch, wahrscheinlich vesehentlich, und bezahle.
Fertig.
„So, du übernimmst“, sagt der Beamte zum Praktikanten, der zweifelnd die Hände hebt, „du kannst das!“
Jetzt schmunzle ich.

Mund zu

Eine Kundin:    Ich möchte ein Mund-Pflaster.
Apothekerin:   Was es alles gibt!
Eine Kundin:    Weil ich immer durch den Mund atme.
Apothekerin:   Ich googel schon.
Eine Kundin:    Nachts vor allem..
Apothekerin:   Das können Sie auch für die Nase haben!
Eine Kundin:    Ich schnarch‘ aber durch den Mund.
Apothekerin:   Wie Sie wollen!
Eine Kundin:    Danach geht’s ja nicht …

 

Genauer hingeschaut

Das Vorsatzblatt der Familienbibel hängt nur noch an wenigen Stellen fest. Am zerknitterten Rand – abgegriffen, abgeknickt, abgerissen – fehlen ein paar Fingerbreiten. Dabei ist gerade dieses fragile Blatt interessant wegen der handgeschriebenen Einträge, deren erster so alt ist wie die Bibel selbst. Der 30jährige Krieg war gerade vorbei.
Nun ist in etwa geklärt, was dort steht auf lateinisch. Keine Familiengeheimnisse, sondern eine editorische Notiz zu den Bearbeitern, Korrektoren und sonstwie Beteiligten. Mit Eigenem hätten sie das Alte und Neue Testament und die gängigen Beigaben auch noch klug ergänzt.
Genau darunter, in anderer Schrift und mit harten Worten – Protest!
Vide …!
Lege …!
Ja, ein hämisches „sieh nur!“ und  ein ruppiges „lies das!“ Um dich dann verächtlich abzuwenden! (Warum auch immer).
So große Spannungen konnte das Papier wohl nicht aushalten.

Diese Bibel wird geschont seit dem Ableben einer Großtante, die einige Lesezeichen stecken gelassen hatte und recht praktisch veranlagt war: An gewissen Stellen mit merkbaren Seitenzahlen waren nämlich pikante Notizen untergebracht. Das Buch erzählt eben noch mehr Geschichten als in ihm aufgeschrieben sind. Und hier und dort fand sich auch ein Fünfzig-Mark-Schein für schlechte Zeiten.