Das unwirkliche Blau

Dieses Mal gehe ich nur wegen der Uecker-Fenster in den Dom.
Wie ein Wasserfall kommt das Blau auf mich zu, zerrissen, schräg und beinahe tosend. Hellblau und Weiß schimmern dazwischen, auch beim zweiten Fenster, das wie aus dem Rahmen gefallen scheint. Ein gotisches Fenster im gotischen Fenster, nur nach links runtergerutscht und so blau, wie man es sich nur vorstellen kann. Und hellblau. Und weiß eher hintergründig, doch wer kann sich da schon sicher sein.
„Das wird ja türkis“, sagt eine Frau neben mir und fingert auf dem Smartphone-Foto.
Bei mir wird alles Hellblaue auch türkis. Ich probiere es immer wieder mit dem Handy, verändere die Einstellungen und vermisse meine Kamera.  Ist das nun ein Trick Günther Ueckers oder ein farbspektrales Phänomen, das mein schlauer, alter Physiklehrer erklären könnte?

Ich höre ihn schon stöhnen: „Ach, Mädel …“

 

Ein Abschied

Wie von Geisterhand geschubst flog die Uhr aus meinem Umkleidespind, als ich in das Dunkel des Wäschefachs gegriffen hatte. Sie landete seitlich auf dem gefliesten Fußboden, und ich dachte zunächst nur: Sieh an, meine Uhr! Im Augenblick des Aufhebens zweifelte ich jedoch an meiner Wahrnehmung. Hatte mir die Sauna zu sehr zugesetzt? Fast alle Zahlen waren von ihren Plätzen auf dem Ziffernblatt gesprungen und tanzten zwischen den Zeigern herum. Ich schüttelte die Uhr vorsichtig – wie früher das Geduldsspiel mit den kleinen Kugeln, die in ihre Löcher kullern sollten. Da rutschten die 9 und die 11, die 3 und fast alle anderen Zahlen unter das Ziffernblatt, verabschiedeten sich gar auf ihrer Kehrseite und suchten sich einen Platz im Uhrwerk.
Schließlich blieb die Zeit stehen …

Tiefbau

Ein Schlund. Nach einem halben Meter knickt die Höhle zur Seite weg, so dass nicht erkennbar ist, wie sich das System von Gängen entfaltet und ob die Dachsfamilie gerade zu Hause ist.
Menschenkinder könnten hineinrutschen, doch kommen die Kleinen nicht auf diesen Hügel. Das schickt sich nicht.
Es ist ein Grab.
Martha und Hugo Berwald – jaja, der Bildhauer – wurden 1937 hier bestattet.
Nun jedoch scheint dieser Ort belebt zu sein.

 

 

Früh im Bus

Sie zieht mit ihrem Trolley viele Blicke auf sich, als sie hastig den Klappsitz ansteuert und sich auf das Polster fallen lässt.
Angekommen! Nicht wegrollen, Tasche!
Sie streift die Schuhe ab, fummelt die Socken von den Füßen, kramt in ihrem Hackenporsche, zieht ein anderes Paar Schuhe hervor und wühlt so lange, bis sie zwei ineinander verknotete Strümpfe gefunden hat. Sie zerrt die Socken auseinander, schlüpft eilig hinein und schiebt ihre Füße in die Schuhe.
Ausatmen.
Rausgucken.
Der Bus ist schon auf der Brücke.
Sie legt den Anorak ab, quält sich aus ihrem Pullover, kramt nach einem anderen, kann sich lange nicht entscheiden und sitzt eine Weile im Unterhemd, bevor sie sich für ein Langarm-Shirt entscheidet. Eine glitzernde Jacke, etwas schäbig, aber noch tauglich, zieht sie drüber. Dann fingert sie ein buntes Haarband hervor, mit dem sie die stumpfen Strähnen zusammendrückt.
In der Fensterscheibe kann sie sich sehen. Sie neigt den Kopf ein wenig.
Der Tag kann beginnen.

Schabbach. Hinter den Kulissen von HEIMAT

Schabbach gibt es nur im Film.
Der Drehort heißt Gehlweiler. Hier können Fans von Edgar Reitz auf Spurensuche gehen.
Ich bin also eingetaucht in die Welt der tiefen Zimmerdecken, unter denen die Sehnsüchte schmerzhafte Kreise ziehen.
Zunächst ist im Ort nichts wiederzuerkennen. Doch hat das Dorf im Hunsrück einen kurvigen Straßenabschnitt mit einer alten Schmiede und ein paar Wohnhäusern, vor denen nun Fototafeln aufgestellt sind. Die modernen Fassaden wurden 2012 für die Drehzeit des Films DIE ANDERE HEIMAT vollständig verkleidet und die Straße zu einer Suhle aufgeschüttet und breitgefahren.
So entstand eine Kolonie benachbarter Höfe mit lehmverputzten Fachwerkhäusern und einem matschigen Fahrweg, über dessen tiefe Spurrillen das Federvieh flattern konnte, als sei man im Jahr 1843.
Vier Monate haben die betroffenen Bewohner Gehlweilers hinter den Potemkinschen Fassaden ihr eigenes Leben irgendwie weitergeführt. Wenn es passte, haben sie mitgespielt.

* DIE ANDERE HEIMAT: Chronik einer Sehnsucht.

Zwei Hornissen. Vielleicht auch drei

Zum Ende der Orchesterprobe sind alle etwas träge. Doch der Dirigent lässt noch nicht locker. Er holt mit beiden Armen aus, verharrt und tupft kurz und heftig Akzente in die Luft. Jeder hat seinen, sobald er dran ist. Reihum.
Sein Blick bleibt plötzlich am Kronleuchter hängen – zunächst nur neugierig. Dann lässt er die Arme sinken.
Nach und nach wenden sich die Köpfe der großen Lampe zu. Geigenbögen werden abgelegt. Eine Bratschistin zieht den Kopf ein. Stille – für ein paar Sekunden, in denen ich nicht herausfinde, ob sich da oben vielleicht die Decke aufgetan hat, wofür auch immer. Ich sitze nämlich gerade ungünstig und sehe gar nichts.

Was dem Einen das Herz in die Hose jagt, muss der Anderen erstmal genau gezeigt werden.

 

Heinrich Roller

 

Stenografie wollte ich eigentlich vor dem Studium gelernt haben – so wie mein Vater, der heute noch alles Wichtige zunächst in Kurzschrift verfasst. Das geht schnell und spart Platz.
Ich habe mich dennoch nie mit Steno beschäftigt. Es ging auch ohne.

An diesem Grab in Berlin irritierte mich zunächst die echte Vogelfeder, die jemand in den Kiel gesteckt hatte. Dann erst erfasste ich ihren Sinn. Die vor dem Grabstein stehende Muse scheint gerade einen Abbreviationskringel setzen zu wollen.
Heinrich Roller war einer der Väter der Stenografie.

 

Der Schriftputzer. Teil 2*

Der Schriftputzer meiner Großmutter (1903-1983) dient jetzt der TippStelle von Frank Osthoff, Köln. https://biskuitrollerückwärts.de/

*Teil 1 ist am 6. Februar 2020 im NotizBlog erschienen.

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Der Schriftputzer. Teil 1

Meine Großmutter konnte Schönschrift. Nach ’45 entdeckte sie eine Marktlücke, schrieb – wie gedruckt – Erbauliches auf harte Pappen und klebte Schlaufen auf die Rückseite. So brachte sie sich und die beiden Kleinen durch.
Maschineschreiben konnte sie auch. Für’s Kontor und für die Leute, wenn jemand mal was getippt haben wollte.
Als ich endlich an ihre Schreibmaschine durfte, hat sie gesagt: „Besser gleich mit zehn Fingern!“ Irgendwann ging es. Ihre „Erika“ schrieb immer sauber, es gab keine verrutschten oder schmutzverklebten Buchstaben. Das war eben so bei meiner Großmutter.
Jetzt weiß ich auch, warum! Die Reinigungsknetmasse „Schriftputzer“ für siebzig Pfennige lag noch bei ihren Sachen. Langsam wird das rotbraune Stück warm in meiner Hand. Wie man es richtig auf die Typen legt, um diese vom Farbschmutz zu befreien, steht in der Beschreibung. Der geknitterte Zettel, der seit Jahrzehnten um die Knete gewickelt war, fühlt sich inzwischen wie Ölpapier an.

Ich habe heute wieder etwas von meiner Großmutter gelernt, fast vierzig Jahre nach ihrem Tod.

Abfall

„Das sollt ihr doch nicht“, schimpft die Frau aus der Hagenower, „das ist Wurstpelle! Die kriegt ihr im Leben nicht verdaut.“ Dass sie mal ein Bauernhofkind war, ist noch herauszuhören.
„Ich komm jetzt mit dem Stock. Geht ja nicht anders. Wenn die Möwen sowas herschleppen?“
Sie stochert zwischen den Platschfüßchen nach der Pelle, aber da findet sich kein Loch zum Festmachen.
Viel länger als der Stock ist der ausgewachsene Schwanenhals. Und jetzt nähert sich schon der fauchende Schnabel.
„Du bist ja wie unser alter Ganter!“, staunt die Frau und richtet sich langsam auf.
„Ein Ganter ersetzt den Hofhund“, lacht sie dann und macht sich ganz groß.
Alle machen sich groß.

Und plötzlich hat die Frau die Pelle doch noch erwischt.