Neuigkeiten ODER Der erste Frühlingstag

Das Fahrrad sieht nicht nach Frühling aus. Klümpchenweise hängt der Streugut-Matsch noch unterm Schutzblech, am Kettenblatt und an den Radnaben – ach, überall!  – wie nach einem Sandbahnrennen im Platzregen. Einen Moment lang schwanke ich zwischen aufkeimendem Putz-Aktionismus und Schulterzucken. Es könnte bald wieder schneien!
Doch auf der Terrasse steht die Sonne, bei den Nachbarn linkerhand hängen Kleider auf der Leine, und es riecht so sehr nach Komm-raus-und-fühl-mal, dass ich plötzlich sogar mit der Zahnbürste den Winter von meinem Fahrrad putzen würde. Mal schauen, wer noch draußen ist, mit wem ich anknüpfen kann an eine Herbstplauderei. Es ist doch so viel passiert! Doch ich hocke allein vor meinem umgedrehten Fahrrad und habe bald das Muster der Kette auf dem Handrücken. Die Nachbarskinder rechts sind nicht da. Im Herbst waren sie in einem Alter, in dem sie immer wieder ein lautstarkes Hallo durch die Hecke riefen.
Als ich mit dem Speichenputzen beginne, höre ich den Kleinen nebenan doch durch den Garten flitzen. „Hal-lo!“, kreischt er. Na endlich. Meine Gelenke knacken, als ich aufstehe. Da ist er! Und seine Schwester, die dieses Jahr in die Schule kommt, folgt. Sie bemerkt mich und schreitet plötzlich wie eine Königin, die Gelegenheit nutzend, eine neue Art von Cool-Sein auszuprobieren. Dabei gibt es etwas Dringendes mitzuteilen, so viel ist klar.
„Hal-lo“, unterbricht das Brüderchen ihr wohlgesetztes Schweigen.
„Zweiter Zahn raus!“, sagt sie beiläufig, doch laut genug, und verschwindet im Haus. Es ist alles gesagt.

Leipzig, 8. Februar 2021

Der Winzling wurde vorgestern geboren. Was für ein Wunder, denkt seine Mutter und betrachtet fasziniert die Mimik des kleinen Gesichts. Wenn das Kind gähnt, dann gähnt der ganze Körper, wenn es seufzt, vibrieren auch die Schultern ein wenig.
Schade, dass Eile geboten ist.
In diesen Zeiten verbringt niemand seine erste Lebenswoche ohne Not in einer Klinik. Erst recht nicht, wenn zu Hause eine dreijährige Schwester wartet.
Die Stadt ist zugeschneit, Straßenbahnen fahren nicht und bei den Taxis nimmt keiner ab. Die Familie ist sonst nur mit dem Fahrrad unterwegs. Zu Fuß ist der Weg einer Wöchnerin nicht zuzumuten. Jeder Schritt tut noch weh, wie das nun mal so ist. Zwei Kilometer.
Sie schmunzelt, als sie das Foto sieht, das ihr Mann ihr gerade zugeschickt hat. Er hat alles vorbereitet.
Eine Stunde später sind sie schon unterwegs. Der junge Vater hat sich den Winzling vor den Bauch geschnallt und eine extra weite Jacke angezogen. Sie passt.
„Jetzt siehst du aus wie Mama“, lacht die Tochter an seiner Hand. Für sie ist heute kein Platz auf dem Schlitten. Da sitzt die Mutter weich gepolstert und hält ihre Tasche fest.
Noch ein paar Kreuzungen, dann sind sie zu Hause. Zum ersten Mal zu viert.

Fünf Minuten. Ein Besuch vom Kundendienst

„Firma Soundso. Die Waschmaschine …?“
„Steht im Keller.“
Der Mechaniker schafft es mit dem XXL-Werkzeugkoffer gerade so um die Ecke.
„Wo läuft’s denn?“
„Ist immer alles nass.“
„Kann nicht sein.“
Schon beim Kurzprogramm ist gleich die ganze Front gesprenkelt. Stopp.
Er zieht die Dosierschublade heraus und schiebt einen Schraubenzieher tief in die Öffnung, bis der linke Arm nicht mehr weiterkommt. Da pfeift das Handy, die rechte Hand ist noch frei.
„Ja, aber erst morgen. Mit Michi. Wegen der Wendeltreppe. Tschüs.“
Er stochert und nickt.
„Sag ich doch.“
Sagte er nicht.
„Was denn?“
„Der Zulauf ist dicht.“
Er stochert, zieht den Arm wieder hervor. Kleine Abdrücke sind auf der Haut geblieben.
„Lappen?“
Er wischt die Vorderfront trocken und die Fliesen unter der Waschmaschine. Sie zieht Wasser.
„Jetzt stimmt auch der Schwall in der Trommel.“
Welch ein Glück.
Wieder oben drückt er das Rechnungsformular an die Türzarge. Der Kuli schreibt nicht, weil die Spitze nach oben zeigt. Kein Zulauf. Ganz einfach. Aber ich sage nichts.
Immerhin hat er ein Kartenlesegerät.

Das Antlitz

(sehr frei nach E. Roth)

Ein Mensch begegnet Liese Frenz
in einer Videokonferenz.
Zwar kannte er sie vorher schon
von e-mails und vom Telefon,
doch war sein Eindruck jeweils fade,
jetzt aber findet er es schade,
dass aus aller Welt Kollegen
sind bei der Konferenz zugegen.
Der Mensch klickt sich gedankenlos
ihr Videobildchen extra groß.
Von Fadheit ist da keine Spur!
Er schaltet wie ertappt retour
und wedelt mit der Schreibtischmaus,
sieht sich nun selbst, die Stirne kraus,
am Kragen ist er falsch geknöpft,
auch wirkt er faltig und erschöpft.
Rasch korrigiert er, was nur geht,
denn mit dem Antlitz fällt und steht
des Menschen Wichtigstes – Präsenz (!)
in einer Videokonferenz.

ksh

Fluchtgepäck. Ein Nachtrag

Der rätselhafte Fluchtgefährte von Frau Kurz hat zwischen keine Zeitungsblätter mehr gewollt. Lange lag er einfach nur herum in seiner zerknitterten Versehrtheit.
Das hält man nicht aus.

Nun ist er bei Tisch immer zugegen. Doch bleibt er ein Fremder, natürlich.

Aus dem Fluchtgepäck

Winter fünfundvierzig in Ostpreußen. Frau Kurz musste eilig ein paar Sachen packen, entscheiden, was sie wohl brauchen würde in der Fremde.
Was sollte nur mit dem Bild geschehen?
Sie konnte es nicht zurücklassen.
Einen Moment lang wird sie gezögert haben, bis sie zum Brotmesser griff und den gütigen Gefährten aus dem Rahmen schnitt.
Das Stück Leinwand war zu groß für ihre Gepäckstücke. Also musste sie es vorsichtig falten, wobei das Knirschen beim Bröckeln der Farbe ihrem Gewissen heftig zugesetzt haben wird. Manchmal tut man Dinge, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Frau Kurz wird gehofft haben, dass das hübsche Gesicht verschont blieb.
Das Bild lag zwischen den alten Zeitungen, jahrzehntelang.
Wie hätte sie es auch wieder aufhängen sollen?

Weiße Pfeffernüsse

Neulich hielt ich das zerfledderte, handgeschriebene Rezeptbüchlein meiner Urgroßmutter Amanda in den Händen. Unter Stock- und Fettflecken ist noch erkennbar, wie fein sie einst die Feder geführt hatte.
Weiße Pfeffernüsse.  In Sütterlin. Sauber unterstrichen. Wer schreibt noch so fürs Auge?
Schon sah ich ein Stillleben-Foto vor mir:  das Rezept auf rotkarierter Monogramm-Tischdecke mit drapierten Backzutaten – Nelken, Muskatnuss und einem Ei im Mehlhäufchen. Die Ecke eines Holzbretts.  So sollte meine Weihnachtskarte in diesem Jahr aussehen.
Das Licht stand günstig, die Szenerie war schnell gebaut, nur das Ei rollte immer wieder weg.  Nie war alles gleichmäßig scharf, doch eines der Fotos gefiel mir.
Amanda fand also Eingang in meine Dezemberkorrespondenzen, jedesmal verriet ich die Herkunft des Rezepts.
Die erste Antwort kam von einem Freund aus Kaliningrad. Das Rezept sei nicht vollständig lesbar. Ob ich es für ihn einscannen würde?
Er kann  die Schrift entziffern und will die Weißen Pfeffernüsse sogar nachbacken!
Und ich?

*   *   *
… hatte das eigentlich auch längst vorgehabt.

Interzonenjahre. Achte (und letzte) Leseprobe

Schwerin, 1952

„Deine Mutter möchte ich sprechen.“
„Das ist noch nicht möglich. Sie ist krank.“ Das letzte Wort betonte sie
etwas, damit er es nicht erneut in Zweifel zog. Was wusste er denn
schon?
Sie war sich nicht sicher.
Höflich fragte sie nach seinem Namen.
Er käme vom Amt, hieße Soundso und wollte eigentlich nur das
Formular ausgefüllt haben für die Akten.
„Lassen Sie es hier, ich gebe es Mutter, wenn es ihr bessergeht.“
„Ein Wochenbett kann Monate dauern, so viel Zeit haben wir nicht.“
Elsa spürte einen fiebrigen Schauer imganzen Körper und vermutete
einen Moment sich verhört zu haben. Jedes Nachfragen würde sie
bloßstellen, doch sie sah das triumphierende Flackern im Blick ihres
Gegenübers und dessen Freude daran, sie überrascht zu haben mit
etwas Unaussprechlichem. Elsa fühlte sich so ahnungslos und nackt
wie lange nicht.

Aus dem achten Kapitel