KALININGRADER NOTIZEN – Russischer Aberglaube

Steht ein Alexander zwischen einer Kathrin und einer Katrin.
Als er das bemerkt, sagt er, dass er sich jetzt etwas wünschen dürfe!

Falls sein Wunsch ein kurzfristiger sein sollte, könnte ich sogar noch erfahren, ob er sich erfüllt hat – und ob das h dabei eine Rolle spielte.
Kathrin und ich sind uns einig: In Russland gibt es so viele Alexander, das sollten sich die Menschen zunutze machen!

KALININGRADER NOTIZEN – Dokfilmtage. Begegnungen

Nach der Eröffnung der deutsch-russischen Dokumentarfilmtage – am Donnerstag im Dom – treffen sich die geladenen Gäste hinter der großen Leinwand.

Vor den Epitaphen ist ein köstliches Bufett aufgebaut. Filmemacher, Kulturprominente, Museumsdirektorinnen sowie Vertreterinnen von DAAD und Goethe-Institut finden zueinander oder finden einander wieder. Na, und zwei Stipendiatinnen sind auch dabei.

So lerne ich Anschelika Schpiljowa kennen, die junge Museumsdirektorin aus Sowjetsk, früher Tilsit. Z. deutet an, dass sie in letzter Zeit Dramatisches überstanden habe. Weil sie in einer Johannes-Bobrowski-Ausstellung zum 100. Geburtstag des Schriftstellers zwei Fotos gezeigt hat, die ihn in einer gewissen Uniform zeigten, sei sie vor einem Jahr wegen „faschistischer Propaganda“ entlassen worden. Das Museum sollte gar geschlossen werden. Sie habe gekämpft, erzählt sie selbst und lächelt bescheiden. Letztendlich sei sie, auch durch die Hilfe des SPIEGELs, wieder im Amt.

http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/152163746

KALININGRADER NOTIZEN – Spuren aus Glas und Papier

Zuerst dachte ich, es wäre ein Verkaufsstand. Aber es scheint sich um einen Teil des bizarren Gesamtkunstwerkes Kaliningrad zu handeln, was an der Honigbrücke gezeigt wird. Die Flaschen seien im Pregel-Fluss gefunden worden. Königsberger Originale. Und weil ich davon nicht lassen kann, läuft die Glasliebhaberin zu ihrer Einkaufstasche, die sie an einen Baum gelehnt hatte, und zieht eine Tüte mit alten Zeitungsfragmenten hervor, Grabungsfunde vom Schloss-Areal. Natürlich waren sie nass geworden und sind inzwischen brüchig, und ich wundere mich, dass sie sie aufblättert wie eine Ausgabe von heute.
Weihnachtswerbung. Sonderangebote. Als hätte es hier 1944 noch unbeschwerte Weihnachten gegeben…

KALININGRADER NOTIZEN – Im Postamt

Das Postamt ist gerade eine Baustelle – ohne Staubvorhang und Absperrung.
Ich ziehe Nummer 30 und darf sofort zum Schalter drei.
Als ich nun meinen Wunsch aufsagen will, fängt die Kreissäge an zu kreischen, und die Postbeamtin und ich können uns nur anschmunzeln. Dann ein zweiter Versuch. Sie versteht mich nicht. Ist taub geworden.
Einer der Bauarbeiter kratzt sich mit der stumpfen Seite seines Cuttermessers im Ohr und kommt auf mich zu. „Can I help you?“
Ich möchte keine Briefumschläge, sondern nur Marken.
Er lacht und sagt der Frau am Schalter drei, wieviel Post ich nach Deutschland schicken will. Hatte ich ihr das nicht eben schon mitgeteilt? Nun klebt sie die Marken mit einem Pritt-Stift gleich auf die Umschläge. Offene Karten sind nicht üblich. Ach so.
Und schon startet die Säge wieder …

KALININGRADER NOTIZEN – Der Omnibus

Sollte ich jemals einen russischen Oberleitungsbus casten müssen, hätte ich ihn gefunden! Ist es nicht reichlich abgefahren, ihm nur deshalb hinterher zu laufen?
Das schaukelnde Gefährt entfernt sich in Richtung Kreisverkehr. Als es dort einbiegt, habe ich die Kamera aus der Tasche gezupft.
Dann ahne ich schon, dass ich diesen Bus nicht mehr kriege. Aber er fährt tatsächlich einmal die Runde und bleibt an der остановка поликлиника stehen.

Das reicht mir schon. Die Linie 7 brauche ich gerade nicht.
Es ist nur die unerklärliche Freude an russischer Omnibus-Ästhetik.

KALININGRADER NOTIZEN – Das Stadtfest in Selenogradsk

Ein Platzregen schien den Chorsängerinnen, Blumen-Menschen und Allerschönsten ihr Stadtfest vermasseln zu wollen.

Doch solch heftiges Wetter hält selten lange an und so konnten nach einer Stunde die tropfnassen Planen wieder von der Bühnentechnik gezogen werden.

Nadeshda gibt jedem ihrer Stoffpüppchen eine innige Botschaft mit. Dass damit nicht zu spaßen ist, glaube ich ihr aufs Wort.

Und dann waren da noch die Jungs am Strand, die nach archaisch anmutenden Ringkämpfen recht gern vor die Linse traten. Währenddessen war die Entscheidung, welches Mädchen die Wahl zur „Miss Kurort“ gewonnen hatte, schon gefallen.

Eigentlich war ich auf der Suche nach Hühnergöttern.

Selenogradsk am Fuße der Kurischen Nehrung. Früher Cranz.

KALININGRADER NOTIZEN – Der Aschmann-Park

Die Baumwipfel, die von meinem Fenster aus zu sehen sind, machen mich neugierig.
Das Grün scheint greifbar nahe zu sein. Über Umwege, entlang der endlosen Mauer des Militärkrankenhauses, führt ein Pfad in den Wald. Wilde Feuerstellen säumen den Weg und manches, was vergessen wurde wieder mitzunehmen, liegt locker herum oder klemmt in den Astgabeln.
Bis zur Lichtung will ich laufen. Es ist ein See. Und er erinnert mich verblüffend an den Faulen See zu Hause.

Feuermachen ist hier also verboten – wegen der Denkmäler von städtischer Bedeutung? Ich finde sie nicht. Aber Stufen gibt es noch.

Ein Trampelpfad führt um den See herum und dann zu einem Ausgang, den ich nun als offiziellen Eingang wahrnehme: Willkommen im MAX-ASCHMANN-PARK.
Schon bin ich wieder zwischen den Hochhäusern und stehe drei Ecken weiter vor dem bereits vertrauten Supermarkt.
Dann will ich’s wissen:
Max Aschmann, Weinhändler, hatte 1903 der Stadt Königsberg 100.000 Reichsmark für die Anlage eines Parks vermacht, der nach ihm benannt und nie veräußert werden sollte.

Früher hieß die heutige Park-Allee
Aschmann-Allee.