KALININGRADER NOTIZEN – speak dating

Nicht speed dating.
Ich bin zu Gast in Kathrins Deutschkurs bei den Fortgeschrittenen in der Uliza Bramsa. Die Bänke sind dunkelbraun, schmaler als ich es kenne und an drei Seiten verschlossen wie ein Schränkchen, so dass man die Beine nicht ausstrecken kann. Einen Spalt breit bleibt die Tür offen, sie schließt nun mal nicht richtig.
Es geht um das Für und Wider sozialer Netzwerke.
Lea neben mir, eine strahlende Schönheit, sieht aus wie unter zwanzig, aber sie studiert im 12. Semester Medizin, möchte Gynäkologin werden und spricht ein engagiertes Deutsch. Vladimir, so alt wie ich, hat vier Kinder und ist weder bei Facebook noch sonstwo, aber in der Familie sei das natürlich ein Thema.
Es zieht durch die geschlossenen Fenster, auch Kathrin in ihrer dünnen Bluse streift jetzt ein bedrucktes Sweatshirt über. Mein Tuch wollte ich eigentlich in den Anorak-Ärmel stecken, weil es nicht zum Pulli passt. Jetzt bin ich froh, dass ich es überhaupt umgebunden habe. Jedes der Mädchen ist farblich abgestimmt gekleidet.
Ich komme beim thematischen speak dating mit fast allen ins Gespräch und staune, dass plötzlich 145 Unterrichtsminuten (ohne Pause!) vergangen sind.

KALININGRADER NOTIZEN – Swetlogorsk (Rauschen)

Der bildhafte Ausdruck vom Rauschen in Rauschen ist arg untertrieben. So hohe Wellen habe ich noch nie erlebt.
Bei einer Sturmflut (2012) hat der berühmte Badeort seinen legendären Strand hergeben müssen.

Der Wasserturm mit seinen Nebengebäuden ist jetzt ein Sanatorium für Militärangehörige. Hoch darf dort niemand mehr. Ich habe in die Einrichtung kurz hineingeschaut. Wie lange mag dort aber noch jemand hinausschauen können?

KALININGRADER NOTIZEN – Ein Buchstabenrätsel

Der Botanische Garten im Maraunenviertel wirkt schon etwas herbststruppig. Doch alles, was gerade blüht, rafft sich nochmal auf und leuchtet in der Nachmittagssonne. Art und Gattung sind nachlesbar auf kleinen Schildchen, die an die Zweige gebunden sind.

Vor hundert Jahren war dies die Stadtgärtnerei, und der Chef hieß offensichtlich Kaeber
(+ 25.03.1919). Tastend versuche ich, die abgeschliffenen Buchstaben vor dem Wort DIREKTOR zu erahnen. Was sollte hier denn verborgen bleiben? Irgendwann wird das Bild klarer:  Es handelt sich um ein G, ein A, eindeutig ein R, wahrscheinlich ein T, ein E und folglich ein N …

KALININGRADER NOTIZEN – Die Konduktorinnen

Schwarzfahren geht hier nicht. In jedem Bus gibt es eine Assistentin, die vor allem eines haben muss: ein rasant funktionierendes Personengedächtnis. Erst wenn die Türen geschlossen sind, kommt sie auf die neuen Passagiere zu, kassiert, schüttet das Wechselgeld in die offene Hand und fingert an der Ticketrolle, um einen Fahrschein abzureißen. Bis zur nächsten Haltestelle muss sie einmal durch sein, denn dann ändert sich das Bild. Selbst im Berufsverkehr entkommt ihr niemand.

20 Rubel sind umgerechnet etwa 24 Cent.

KALININGRADER NOTIZEN – Die Homelins

Seit Anfang Juni erst sitzt er – sichtbar – auf der Bernsteinbrücke und lässt sich von den Kaliningradern Glanz auf die Glatze streicheln. Es ist der Großvater der Familie Homelin, ein alter Meister in der Bernsteinwerkstatt der Zwerge.
Das Großmütterlein wird seinen Platz in der Nähe des Dohnaturms finden. Und dann sollen noch fünf Homelins folgen, verteilt in der Stadt. Es sind Hausgeister, die hier schon seit Jahrhunderten – unsichtbar – ihr magisches Werk am Bernstein leisten. Nach und nach werden sie sich jetzt den Menschen zeigen.
Sie haben sich noch nie für Politik interessiert, und das wird wohl auch so bleiben.

KALININGRADER NOTIZEN – Noch Appetit auf frischen Fisch?

Mindestens eine der XXL-Flaschen hat ein richtiger Angler immer dabei!
Irgendwie schafft es auch jeder Fisch durch die schmale Öffnung.
Lebend? Wahrscheinlich. Habe ich doch eine Flasche auch schwanken sehen – wegen Überfüllung und einer kleinen Unwucht, die durch einen Knick entstanden war.
Ehe die Flaschen platzen, werden sie nach Hause getragen. Und an fangfaulen Tagen lädt der Kiosk ein.

 

KALININGRADER NOTIZEN – Noch ein Alexander.

Alexander schreibt für die „Komsomolskaja Prawda“. Von drei Fragen war zunächst die Rede, ich rechnete mit dem Woher, Warum und Wohin. Das Licht stand noch günstig, also zuerst das Foto – mit der berühmten Ruine vom Haus der Räte im Hintergrund. Okay. Dann spürte ich, wie gut er vorbereitet war: Ob alle Orte aus meinem NotizBlog auch im Roman vorkämen? (Nein.) Welche denn genau? Und was das denn überhaupt für eine Geschichte wäre? Und welches Kaliningrad ich darstellen möchte?
Er wollte das Tuch lüften, das auf dem Unveröffentlichten so lange liegen bleiben darf, bis es fertig ist.
Also – was könnte bis jetzt überhaupt von Interesse sein?
Dass ich bei meinen Königsberg-Recherchen recht schnell die Kaliningrader ins Herz schließe und dass ich endlich einmal vier Wochen am Stück Zeit zum Schreiben habe – dank eines Aufenthaltsstipendiums im Austauschprogramm des Künstlerhauses LUKAS in Ahrenshoop. Und dass ich glücklich bin, gerade jetzt hier zu sein …

KALININGRADER NOTIZEN – Ein Bibliotheksbesuch

Die Tschechow-Bibliothek, lichtdurchflutet, modern und anheimelnd, hat beinahe Clubcharakter. Deutlich sichtbar: Die Leute kommen gern.

Als ich vor dem Regal mit der deutschsprachigen Ostpreußen-Literatur stehe, spüre ich hier erstmals eine tickende Uhr.
Manche der in den Büchern veröffentlichten Dokumente sind mir schon bekannt, andere deuten die Existenz von Nischen an, die zu erkunden interessant sein könnte. Und ich weiß, dass sich diese Erkenntnis stets erneuert. Also suche ich mir einen gemütlichen Leseplatz …
Wieder einmal zeigt sich, wie schwer es ist, eine selbstbewusste Balance zu halten zwischen Recherche und Schreibtrieb.

KALININGRADER NOTIZEN – Pionersk

Wer in der Kindheit einige Zeit damit verbracht hat, seinen Pionierknoten zu perfektionieren, stutzt vielleicht.

Denn der Ortsname klingt nach Disziplin, Unterordnung und nach einem Zaun.
Doch, irgendwie schon!
Aber das ehemalige Fischerdorf liegt an der Ostsee, also fahre ich hin.
Appell. Die Schirme sind angetreten.

Und hier ist schon der Zaun.
Das Gästehaus des russischen Präsidenten ist gut bewacht.

Ein anderer Thron mit Ausblick steht an der Steilküste – dort, wo abgerissen und schon wieder neu gebaut wird.

Der Rammhammer übertönt alle Wellengeräusche –
immer bereit.