Fingerfertigkeiten

Mit sieben Jahren schon haben Mirko und sein Kumpel Holz gehackt, damals, in den siebziger Jahren. Mirko legte die klobigen Kaventsmänner auf den Klotz, der Kumpel schlug die Axt in das Holz, und Mirko sammelte die Scheite zusammen.
Die Lust ließ irgendwann etwas nach, die Aufmerksamkeit auch.

Hundert Mal war ich in seinem Laden, aber ich bemerke jetzt erst, dass Mirko ein Finger fehlt.
„Ich kaschier‘ das immer ein bisschen“, sagt er und macht mit der Rechten eine lockere Faust, das genügt schon.
Außer mir sind gerade keine Kunden da. Also streckt er die Finger wieder. Welch eine riesige Hand! Aber statt eines Zeigefingers ist da ein kurzer Rest.
Im Krankenwagen noch habe Mirko seine Mutter getröstet. Erst als der Arzt ihm nach der Operation eingestand, dass die beiden betroffenen Finger-Glieder nicht mehr zu gebrauchen waren, packte ihn das Entsetzen.
Es war schlimm. Das ist es manchmal immer noch. Aber nur beim Handschlag.
Beim Wieder-Schreiben-Lernen gab er sich mehr Mühe als zuvor und beeindruckte die Lehrerin. Ein bisschen wurde er zum Helden.
Seine Mutter holte später einmal ein altes Foto hervor, auf dem Mirko – noch unversehrt – ein Glas Milch in der Rechten hält, und der Zeigefinger steht anscheinend nutzlos ab. „Als hätte der das schon geahnt, mein Junge.“
Mirko geht durch seinen Laden und lacht. Er braucht seine Hände. Und so wie sie sind, ist es gut.
Die zauberhaften Schalen, die er an seiner Töpferscheibe dreht, finden immer reißenden Absatz.

Müll-Schätze

Zwei Flaschendeckel, rot und blau,
einen Becher für Kakao,
verkohltes Holz – ein ganzer Ast,
Kippen, wohl ein Dutzend fast,
den Schnuller, den im weichen Sand
ein Kind einst nicht mehr wiederfand,
auch einen Picknick-Löffelstiel
und manches andere Utensil
hat jemand hier am Strand gesammelt,
das meiste war schon sehr vergammelt.
Finder oder Finderin
bewies Humor und Hintersinn,
hatte er/sie doch vor Stunden
ein rostrot Kistlein auch gefunden.
Da sollte alles rasch hinein,
drumrum vom Klappstuhl das Gebein,
das hier wohl wegen der Defekte
seit Wochen in den Büschen steckte.
Das Gleichnis wimmelt von Bezügen,
das mag dem Sehenden genügen.

ksh

Der Halt

In der Engen Gasse war eine Clematis an eine Hauswand gepflanzt worden. Zwei Sommer ist das bestimmt schon her. Als Rankhilfe sollten feine Stahlseile dienen, die – so hoch die Leiter reichte – den Weg nach oben wiesen, dann an einer verchromten Schraubhalterung abknickten und über die Gasse führten. Wie optimistisch!, hatte ich gedacht. Aber wenn die Pflanze es erst in Schaufensterhöhe geschafft haben würde, könnte sie sich auf diesem Weg auch weiter festkrallen. Abwarten.

Das Pflänzchen hat sich ins Zeug gelegt, jeden Haken an der Wand mit Umschlingungen begrüßt, die große Kurve genommen und bei der Gassenquerung sogar ein paar Verzweigungen entstehen lassen. Längst ist einer der Triebe am Haus gegenüber angekommen.
Dort fand er keinen Halt!
So schnell setzt auch niemand eine Bohrmaschine am alten Fachwerk an!
Doch es gab eine Lösung:

Bald also könnte die Clematis zum blühenden Gassen-Tor werden.

Der Schriftputzer

Meine Großmutter konnte Schönschrift. Nach ’45 entdeckte sie eine Marktlücke, schrieb – wie gedruckt – Erbauliches auf harte Pappen und klebte Schlaufen auf die Rückseite. So brachte sie sich und die beiden Kleinen durch.
Maschineschreiben konnte sie auch. Für’s Kontor und für die Leute, wenn jemand mal was getippt haben wollte.
Als ich endlich an ihre Schreibmaschine durfte, hat sie gesagt: „Besser gleich mit zehn Fingern!“ Irgendwann ging es. Ihre „Erika“ schrieb immer sauber, es gab keine verrutschten oder schmutzverklebten Buchstaben. Das war eben so bei meiner Großmutter.

Jetzt weiß ich auch, warum! Die Reinigungsknetmasse „Schriftputzer“ für siebzig Pfennige lag noch bei ihren Sachen. Langsam wird das rotbraune Stück warm in meiner Hand. Wie man es richtig auf die Typen legt, um diese vom Farbschmutz zu befreien, steht in der Beschreibung. Der geknitterte Zettel, der seit Jahrzehnten um die Knete gewickelt war, fühlt sich inzwischen wie Ölpapier an.

Ich habe heute wieder etwas von meiner Großmutter gelernt, fast vierzig Jahre nach ihrem Tod.

Eine Vogelgeschichte

„Du hast ja ’nen Vogel“, sagte Renate und verschwand zwischen den Leuten im Konzertfoyer.
’nen Vogel! Das hatte lange niemand zum Doktor gesagt. Wegen einer Lappalie!
Vor 62 Jahren hatte er mit Renate Abitur gemacht. Damals war sie eine kesse, wilde Hübsche gewesen und er ein schmaler, schüchterner Klassik-Fan.
Wenn sie sich nun sahen, dann im Konzert, seit etlichen Spielzeiten schon. Sie waren sich niemals zu nahe gekommen. Und jetzt sowas!
Leicht verstimmt half der Doktor seiner Gattin in den Mantel und knöpfte den eigenen zu.
Vielleicht hatte Renate ein Ventil gebraucht, so etwas kannte er doch auch.
Schwamm drüber.

Als am nächsten Tag das Telefon klingelte, dachte der Doktor schon gar nicht mehr an den Vogel. Doch Renate hatte die halbe Nacht nicht schlafen können! Das musste sie ihm doch sagen.
Und dann war alles wieder gut.

Katzenjammer

Im Wartezimmer der Tierklinik sitzt ein Mann ohne Anhang. Kein Katzenkorb, keine Hundeleine.
Was hat er nur?
Unser Kater tobt durch seinen Behälter, rollt sich dann in eine Ecke und drückt dabei schwarze Fellwülste durch die Sicht-Schlitze. Er hatte sich gegen diese Kiste gewehrt, als ginge es zum Schafott. Grollend und fauchend gibt er zu verstehen: Dieses Ding ist seiner nicht würdig!
Er kann die uralte Korbkiste mit eisenbeschlagener Deckelklappe nicht sehen, doch schweigt er kurz, als sie in gehörigem Abstand abgestellt wird. Der Besitzer zieht den Impfpass aus der Jackentasche.
„Miiiiiiiiieeeeez“, wimmert es in höchsten Tönen aus der Korbkiste.
„Rrrrrroooooaaaaahhh“, kommt es aus unserem Katzenbehälter. Drei Tage hat der Kater nichts gefressen, aber brüllen kann er immer noch wie ein Löwe.
Kein Mensch sagt etwas.
„Kkkkkkccccchhhhhhhh …“, faucht unser Tier.
Ich zucke zusammen. Es ist aber nur die Behandlungstür, die geöffnet wird.
Eine Angestellte ruft im Ton der Bällebad-Aufsicht: „Der Brutus möchte bitte ABGEHOLT werden.“
Da springt der Mann ohne Anhang auf und verschwindet durch jene Tür.
Wenig später trippelt Mops Brutus an kurzer Leine munter durchs Wartezimmer.
Der Kater versteht.
Es gibt ein Leben nach der Kiste.

Die Hürde

Es ist Zeit.
Er will mit dem Tagebuchschreiben beginnen.
Am besten sachlich: Was, wann, wo – Zahnarzt, Theaterbesuch, PKW-Durchsicht …
Doch erscheint ihm dies zu knochig. Einen Terminkalender führt er ja sowieso!
Also braucht seine Idee eine Form, eine handfeste am besten, damit die Gedanken kommen.
Ein Notizbuch, in Leder gebunden? Aber sicher. Dann macht das Schreiben Spaß!
Geschöpftes Papier wäre schön, Bütten also.
Das edle Fachgeschäft kannte er bisher nur von außen.
Einmal dort, gönnt er sich auch noch den Füllfederhalter, der so teuer ist wie das Jahresabo seiner Tageszeitung. Wenn schon, denn schon. Oder: Neues Jahr, neues Glück, neues Schreibwerkzeug.
Er bezahlt mit Karte.
Das Büchlein wird schonend in Seidenpapier gewickelt.

Zu Hause traut er sich nicht.
Was, wenn er sich nun verschriebe?
Dann wäre alles verdorben.

Im neuen Taschenkalender sind schon die nächsten Arzttermine notiert.
Er nimmt seinen Bleistift und schreibt für heute ein: Tagebuch gekauft.

Am Weihnachtsmorgen

Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will.
Deshalb schleicht die Mutter am frühen Weihnachtsmorgen wie eine Katze die alte Treppe hinab. Auch die vertraut knarrenden Stufen in der Kurve müssen diesmal schweigen.
Vor den Streifen des Morgenrots hebt sich die Silhouette des Weihnachtsbaums ab. Gestern stand er im vollen Licht, geschmückt mit den glitzernden Schätzen mehrerer Generationen. So wie früher, als das Kindlein noch klein war.
Jetzt studiert es in der Großstadt und kommt selten ins Haus.
Still, still, still, falls es ausschlafen will.
Als das Morgenrot weit über den Gärten in ein gelbes Glühen wechselt, öffnet sich hinter der Wiese die Pforte im Zaun. Das Kindlein! Es joggt locker über den Rasen, hat die große Runde um den See schon hinter sich und bringt frische Luft ins Weihnachtszimmer.
Die Zeiten haben sich geändert.

Im Licht der Vormittagssonne. Eine Begegnung

Im Seitenflügel einer Hamburger Kirche waren Figuren ausgestellt, Seelenvögel und Himmelswächterinnen. Eine Fotografin nutzte das günstige Licht der Vormittagssonne, schlich die Perspektiven ab und drückte immer wieder auf den Auslöser. Dass niemand ins Bild lief, stellte ihre couragierte Begleiterin sicher.
Die fragte ich, wo in der Kirche die Karten für das groß angekündigte Konzert verkauft würden.
Sie stutzte: „Das weiß ich nicht. Ich bin doch die Künstlerin!“
Gabriele von Lutzau.
Nein, ich kannte sie wirklich nicht und wünschte ihr viel Erfolg.
„Wieso? Den habe ich!“, sagte sie.
Noch besser, dachte ich und schaute ihr noch ein wenig zu.
Die Seelenvögel und Himmelswächterinnen stehen für die Opfer des Anschlags in Utøya. Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Über das Internet erwarb ich die Konzertkarten – und ein bisschen mehr Kenntnis über die Künstlerin. Wurde sie doch selbst oft ein Engel genannt. Der Engel von Mogadischu. Sie war jene Stewardess, die den Passagieren der entführten „Landshut“ filmreif beigestanden hatte.
Das Wort Erfolg war viel zu klein gedacht.

Von der Ewigkeit

Niederschlesien, 1944. Onkel Fritz war an einem Stromschlag gestorben. Die kleine Margarete hatte sein Kettenkarussell immer so geliebt. Tante Lisa, die gar keine richtige Tante war, aber egal, nahm sie gern mit an sein schönes Grab.
Die große Marmorplatte war mit einem Globus verziert, auf dem Margarete viele Orte eingraviert sah – für die Ewigkeit. Die Sechsjährige hatte einen Sinn für erhabene Momente, beobachtete die Witwe und nahm dann selbst ein Stöckchen, mit dem sie sanft auf die Platte klopfte. Laut rufen durfte sie nicht auf dem Friedhof, deshalb flüsterte sie: „Onkel Fritz, ich bin da, hörst du mich?“
Nicht allzu weit gab es für das Kind noch ein Grab: das vom Bruder Ernstel, der viel schwächer auf die Welt gekommen war als sein Zwilling Dieter.

Fünfzig Jahre später führte eine Busreise Margarete, Dieter und die Mutter nach Niederschlesien. Auf dem Friedhof fanden sie die Gräber von Ernstel und der Nonne, die der Mutter bei den Geburten geholfen hatte.
Margarete wollte noch zu Onkel Fritz und seinem Globus. Sie suchte und fand schließlich nur noch die überwucherte Gruft. Den Marmor mit dem Globus hatte sich jemand mitgenommen. Onkel Fritz war auch nicht mehr da.
Sie hatte immer gedacht, eine Ewigkeit währte viel länger.