Am Schreibtisch eines Jägers. Um 1900

Carl wird er geheißen haben und Janus sein Lieblingsrüde, der ihm auf den Gütern nicht von der Seite gewichen sein wird. Lud Carl zu Jagdgesellschaften ein, dann auf gedruckten Billetts, die er am Rand mit persönlichen Grüßen aufwertete. Bevor er den Federhalter zurücksteckte in die auf eine Schaufelgeweihplatte montierte Hirschhorn-Garnitur, ließ er den letzten Tintentropfen im struppigen Pinsel aus Wildschweinborsten verschwinden. So hatte alles seine Ordnung.
Auch für den Hund. Einen Moment später.
Janus! Platz!

Sonntags wird gescrabbelt

Herr P. steigt die Stufen in den dritten Stock hinauf und bewundert wieder einmal Frau S., die jeden Tag mehrfach auf dieser Treppe unterwegs ist. Mit 92! So alt ist er auch fast. Aber in seinem Haus gibt es einen Aufzug.
Frau S. erwartet ihn schon. Die blütenweiße Tischdecke ist glattgestrichen, der Glasteller mit den Haferkeksen steht bereit.
Scrabble ist Kult, ein X kein Problem. Selbst ein Y nicht. Französisch, Englisch, Latein – alle Sprachen aus der Schulzeit sind erlaubt. Ein Likörchen auch. Aber nur, wenn dann noch die roten Felder mit dem dreifachen Wortwert im Blick behalten werden, Frau S. kennt da kein Pardon.
Herr P. knabbert einen Keks hinweg und linst durch die Brille.
Gleich kommt sein Coup. Einen hat er sonntags immer.

 

Das Familienfest-Foto

Die Stühle sind vor der Wand aufgereiht. Eine Bank steht bereit für die Jubilare. Die Jugend muss nach hinten.
Hat jeder seinen Platz? Dann aber schnell!
Licht fehlt. In der Dämmerung ist das nun mal so. Und: Besser spät als nie!
Eine Leiter wird geholt und der Schirm der Hängelampe so gekippt, dass sie einen Scheinwerfer ersetzt. Paketklebeband hält ihn für eine Weile fest.
Niemand erinnert sich, wie der Selbstauslöser funktioniert. Fünf Fotos knipsen sich von allein. Schöne Fotos. Lauter fröhliche Gesichter. Aber einer fehlt.
Plötzlich klappt es doch. Zehn – neun – acht – sieben … Gerenne zur Stuhlreihe. Der Onkel ist verdeckt. Gleich …! Jetzt!
Nochmaaal!
Und nochmal!!!
Was für ein Spaß.

Wozu sind Kriege da

Udo war in der Stadt. Ein ganzes Hotel hatte er gemietet – welches, sollte geheim bleiben. Dennoch blieben einige Radfahrer stehen und starrten über den See. Irgendwo, hinter einem der Fenster, hätte Udo sich gerade am Kopf kratzen oder sonstwas schlürfen können.

(Und ich mach mein Ding
Egal was die ander’n labern …)

Nach der Generalprobe Sonntagnacht waren die Fan-Grüppchen in Wellen aus der Kongresshalle geschwappt. Ein Freak meinte zu wissen, warum es immer noch nicht ohne das Kabel ginge, dieser elend langen Strippe. Und das bei solch einer Show!
Zwei Mädchen sangen mein Lieblingslied.

… du musst das doch wissen,
kannst du mir das mal erklär‘n?

Innerlich summte ich mit. Dieses Antikriegslied, ein Gassenhauer, machte wieder einmal Gänsehaut.

 

Ein Irrtum

Morgens am See
lag ein Portmonee.
Ich radelte heran,
hielt schließlich sogar an,
bewunderte den Kroko-Style,
sorgte mich ein wenig, weil
es ja immer traurig ist,
wenn ein Mensch sein Geld vermisst.

Dann schauten mich zwei Augen an –
wie man sich doch irren kann!

Königsberger Marzipan

Nachdem Pavel in Kaliningrad vor mehr als vier Wochen bei der Почта России einen Brief nach Deutschland aufgegeben hatte, kündigte er ihn mir als Osterpost an.
Und ich wartete.
Auch das orthodoxe Osterfest verstrich.
War in diesen Zeiten der Postdienst gefährdet? Wohl ja. – Und schließlich dann doch nicht.
Am letzten April-Morgen überreichte mir eine DHL-Botin das in einer Formular-Tüte der Russischen Post straff verklebte Päckchen.
Ungeduldige wie ich nehmen eine Schere, natürlich.
„Der Weg des Marzipans in Preußen“. Ein wundervoll gestaltetes Büchlein, gerade erschienen. Die vielen Details wären mir vor Jahren schon lieb gewesen zu wissen, weil Hanni und Elsa doch vernarrt waren in Königsberger Marzipan.

Ja, genau deshalb, wird  Pavel gedacht haben …  in Kaliningrad, Russland, 2022.

 

Stoff mit Strippen

Kurz nach zehn. Erstmals zog ich in der Stadt meine selbstgenähte Stoffmaske über die Nase, platzierte die beiden Schleifen am Hinterkopf und betrat einen Laden. Die Verkäuferin am Tresen wandte sich ab und zeigte mir ihren Rücken in grobem Strick.
„Nicht mal einen Spiegel haben wir“, seufzte es aus ihrer Richtung.
„Ich seh sowieso nichts“, sagte eine zweite Stimme.
Auch meine Brille war sofort beschlagen gewesen. Ich wartete darauf, dass die Antibeschlag-Beschichtung meiner Gläser ihren Dienst tat. In Kochtopfnähe funktionierte sie.
Am Tresen hörte ich unbeherrschtes Kichern. „Du siehst aus …!“
Ich nahm die Brille ab und hatte freien Blick auf die Verkäuferinnen, die an ihren Masken herumzupften. Es waren bunte Läppchen, an die sie Strippen genäht hatten, so wie ich, und sie feierten ahnungslos ihre Maskerade.

Das ist jetzt zwei Jahre her.

Frankenhorst. Eine neue Erfahrung

Ich hatte noch nie einen Esel geführt und staunte, wie er neben mir her trottete an der kurzen Leine, die ich dann lockerte, so wie Charlotte es vor mir mit ihrem Esel auch tat. Bis zum Gertrudenhof hinauf wollten wir. Der verschlungene Pfad war mir aus Kindheitstagen sehr vertraut, obwohl er sich zig Mal verändert hatte, mit jedem Sturm. ALLE MÄRCHEN SPIELTEN HIER. Ich legte eine Hand auf das borstige Rückenfell meines Begleiters und spürte wohltuende Wärme. Das frische Grün am Wegrand lockte. Beide Esel fingen plötzlich an zu grasen. Nach einer Weile zog Charlotte ihre Leine straff. Das genügte. Ich jedoch versuchte es mit gutem Zureden. Gelacht haben wir später darüber. Wer war die Chefin im Gespann?
Nach der Rückkehr, als ich das Halfter abstreifen wollte, die Schnalle schon geöffnet hatte und mein Esel die Ohren gerade so schön nach hinten gelegt hatte, halfen wieder die Worte nicht. Einfach drüberziehen, sagte Charlotte. Ach so. Und ich sah den gelenkigen Eselsohren zu, die sich zunächst aufrichteten und dann überraschend mühelos nach vorn sanken.

An einem Esel würde es nie gelegen haben.

Poivre. Damals in Ventspils

Ich mochte es, wenn Zühal mich ansprach. Sie kam aus Paris und artikulierte meinen Vornamen so, dass ich mich wie die Deneuve fühlte.  Zühal verkörperte eine Mischung aus Noblesse und fröhlichem Pragmatismus.  Im Handumdrehen zauberte sie Drei-Gänge-Menüs pour deux. Sie lachte dabei und zeigte mir nebenher, wie scharf ein Ingwer-Aufguss werden sollte, damit er bei Erkältungen half.
„Au citron, Catherine!“ Die Presse stand immer auf dem Tisch.
Mit einer eleganten Handbewegung reichte sie mir dann das Honigglas.  Einen Esslöffel pro Tasse, aber nicht in den kochenden Sud!
„Où est le poivre?“
Das war der Clou. Pfeffer! Frisch aus der Mühle.
Die Wirkung setzte  immer sofort ein.
Ich konnte nicht genug davon bekommen – ob mit oder bald ohne Halsweh – kaufte viel zu viel von allem und  hinterließ meinen Nachfolgern im Autorenhaus ein knorriges Riesen-Ingwer-Gebilde.

Manchmal denke ich an Zühal.  Freunde braucht man auf der ganzen Welt.