Die Taufe. Am Fluss

Fiete hat extra die Schuhe mit den Klettverschlüssen ausgewählt. Er ist der Erste, der barfuß dasteht. Der Pastor neben ihm zieht seine Schnürschuhe und die Socken aus, ebenso der Pate auf der anderen Seite. Dann legen alle drei ihre Jacketts ab. Es geht los.

Wenn Fiete bei den Blaukreuzlern sagen konnte, dass er die ganze Woche nicht gesoffen hat, wurde ihm immer ganz warm beim Applaus der Gruppe. Das war etwas Anderes als die altbekannte Fusel-Wärme. Dann guckte er zum kleinen Gekreuzigten über der Tür und flüsterte: „Ja, du!“
Als das immer wieder passierte, wollte er die Taufe. Es sollte etwas Besonderes sein. Er war schließlich über fünfzig.
„Dann im Fluss“, sagte der Pastor.

Als sie bis zu den Knien im Wasser stehen, sind die Hosen schon bis oben nass. Fiete, zwischen Pastor und Paten, hält die Luft an. „Langsam“, flüstert der Pastor, „ich sag Bescheid.“
Am Ufer steht die Gemeinde um den Tisch mit dem Kreuz und den Tulpen. Das E-Piano kippelt auf den Grasnarben.
„Jetzt!“, ruft der Pastor, als das Wasser am Gürtel steht.
Fiete wird gepackt und mit einem kräftigten Ruck hinunter gedrückt. Als er wieder auftaucht, prustet er wie ein Walross und wischt sich den Schrecken aus dem Gesicht.
„Amen“, keucht er und verdrängt den Wunsch nach einem Schnaps.

Zwei bis drei Zentimeter

Im Posteingang meines Mailaccounts finde ich einen Namen aus Zeiten, in denen vom Internet noch keine Rede war. Als Bibliophilen kannte ich ihn. Und als Wortkünstler.
Es fühlt sich fast so an, als hätte Ringelnatz geschrieben.
Er sei nun uralt geworden und räume auf. Ob ich im Bücherregal noch zwei bis drei Zentimeter frei hätte? Und ob sein Gedrucktes überhaupt willkommen sei?
Drei Tage später wartet draußen im Briefkasten eine Büchersendung.
Zweieinhalb Zentimeter. Klar, dass er es wortwörtlich gemeint hatte.
Lürische Ybungen, ein nummeriertes Exemplar. Auf dem Cover wetteifern Ü und Y neben B und L, als läge immer alles so nahe beieinander wie im Buchstabenbeutel eines Scrabble-Spiels.
Liegt es ja auch.
Es kommt nur auf die Wahrnehmung an.

Sunihild Krabbe (1925-2019). Eine Gedenkminute

Wenn sie sich erhob, überragte sie alle. Erst recht die Mueßer Kinder damals in der alten Dorfschule. Mit deutlichen Ansagen und einem breiten Lächeln wird sie ihnen begegnet sein, und die Kleinen werden immer gewusst haben, woran sie bei ihr waren.

Sunihilds herb-würzige Aura, die sie umgab, wenn sie die Dinge anpackte*, hing ihr buchstäblich in den Röcken!
Zur Blütezeit der Kräuter kam sie mit dicken Sträußen von ihren langen Wanderungen, friemelte sie in kleinere Bünde um und hängte sie an den Haken, Nägeln und geeigneten Vorsprüngen in ihrer alten Küche zum Trocknen auf. Meist war im Kochtopf eine selbstgerührte Salbe noch nicht abgefüllt. Vielleicht war die auch nicht ganz fertig geworden, wie es sich so oft verhielt mit den Dingen, die erledigt, abgeheftet, weggelegt und wiedergefunden werden mussten. Sunihild war lieber draußen, wenn die Sonne schien. Erst, wenn sie die Lampe anknipsen musste, um noch ein bisschen was nachlesen zu können, machte sie es sich auf dem Kanapee gemütlich, über dem das große Ölgemälde vom Urgroßvater Otto Carsten Krabbe aufgehängt war, dem alten Rektor der Rostocker Universität.

*nachzulesen in HINTER DEN LIGUSTERHECKEN, S. 69 ff.

März. Am Strand

Die anfangs forsche Wellenzunge
dreht gemächlich Stein für Stein,
im straffen Sog kriecht sie zurück,
ich sink mit beiden Füßen ein.

Der Sand hat mich bald festgezurrt,
fersentief, als wär’s August,
zwei kühne Male freigespült,
lauf ich los – (in wilder Lust?).

Ach was, es ist noch viel zu kalt!
Wann wird ein klammer Strandfuß trocken?
Frühlingspathos liegt mir nicht,
ich bin ein Freund gestrickter Socken.

ksh

Der Heiratsantrag

Vor neunzig Jahren fuhr Heinz von Berlin nach Mecklenburg. Er wollte Betty, seiner Liebsten, endlich auf Knien einen Antrag machen und bei ihren Eltern den bestmöglichen Eindruck hinterlassen. Trotz seines Heuschnupfens.
Die Freundinnen aus dem Dorf gurrten und giggelten um ihn herum. Dass Betty so einen am Haken hatte. Einen Beamten gar!
Œwer – ´n lütt bäten Platt mößt hei nu ok snacken!
Sie neckten ihn, weil er sie nicht verstand. Un so ´n schieren Kierl!
Betty hakte Heinz und de Dierns unter und los ging’s durch das ganze Dorf.
Auf dem Weg zum See fühlte Heinz einen Niesanfall nahen. Er zog seine Hand hervor und versuchte, die Mädchen mit seinem ersten plattdeutschen Satz zu beeindrucken:
„Mi juckt de Noors!“
Sie kreischten. Betty gab ihm einen Klaps auf den Hinnersten. „Dat is de Noors. Wat du woll meenst, dat is de Näs, mien Heinzing!“

Beim Kardiologen. Ein Schiebetür-Geheimnis

Das Untersuchungszimmer ist fensterlos.
Die wechselnden Nordsee-Fotos auf dem Monitor hellen den schmalen Raum ein wenig auf, aber Heinrich hat die Serie bereits hundert Mal gesehen.
Dass er mit 40 schon hierher muss, findet er unangemessen früh.
Seit einer halben Stunde fallen ihm auf der Liege immer wieder die Augen zu. Die Schiebetür zum Nachbarraum ist einen Spalt breit geöffnet.
Nebenan treten zwei Frauen vom Personal ein. Unterdrücktes Kichern und das Rascheln von Zellstoff lassen Heinrich hellwach werden. Endlich ist etwas los hier – zumindest in Hörweite.
„Brauchst nur den Reißverschluss ein bisschen aufmachen, das reicht.“
„Du schmierst mich voll!“
„Natürlich. Wir wollen doch was sehen!“
Stille. Geradezu prickelndes Schweigen. Heinrich hebt den Kopf, damit ihm nichts entgeht.
„Guck mal, das sind zwei!“
„Quatsch!“
„Echt jetzt.“
„Du hast ja keine Ahnung.“
Heinrich bedauert, dass die Schiebetür mit einem Ruck geschlossen wird.
Wenig später kommt eine der Ärztinnen durch genau diese Tür und wendet sich Heinrich zu.
„Sie haben lange gewartet.“
Er hebt kurz die Schultern an, räuspert sich und bemerkt feine Knitter in ihrem Kittelstoff. Dann ist sie es also. Wirklich mit ZWEIEN? Das hätte er gern gewusst.

Eine, die aufpasst

Die Frau, die mir in der Straßenbahn gegenübersitzt, hat graue Struppelhaare mit orange-gelben Spitzen und erinnert an einen Igel. Als die Bahn anfährt, presst sie ihre Einkaufstasche an sich und verdeckt die mit Schwung gemalten Buchstaben Citybag.  „Da muss man ja aufpassen“, lacht sie, sucht bestätigende Blicke und nickt vor sich hin. Dann stellt sie die Tasche zwischen die Beine auf den Boden. So hat sie ihre Hände frei, wofür auch immer.
„Samstags ist es ja auszuhalten“, sagt sie ins Blaue hinein.
Niemand fragt, was sie meint.
„Keine Schulranzen in der Bahn“, antwortet sie trotzdem.
Stimmt. Mit dieser Linie bin ich damals schon zur Schule gefahren, und wir standen immer zu viert oder fünft, übrigens auch samstags. Aber da gab es die neue Haltestelle noch nicht, die meinen Weg zur Straßenbahn halbiert hätte.
Ich stehe auf.
Der mächtige Igel stürzt auf mich zu und hält mir beide Hände entgegen. „Die Kurve!“
Ich plumpse brav auf den geformten Sitz zurück und wage erst mich wieder zu erheben, als die Bahn schon bremst.
„Sehen Sie! Ich weiß das nämlich.“
Befriedigt streicht sie über ihre Stacheln.

Ein Wintergedicht aus K.

Wie weiße Blüten vom alten Holunder
schneit es Kristalle – ein Eiswinterwunder.
Im Himmel geformt, ganz ungestört,
wie es im Paradies sich gehört,
scheinen die Gärten üppig zu blühen,
derweil auf den Straßen die Männer sich mühen,
sie hacken und schaufeln, sie schwitzen und fegen,
ICH halte den Flocken die Nase entgegen.

Gennadi Rodin, übersetzt von Pavel Z., nachgedichtet von ksh

Vitalij Rodin, der Sohn des Kaliningrader Seemanns Gennadi Rodin, fand im väterlichen Nachlass überraschenderweise romantische Gedichte und vertonte sie. Seine Band Dirizhabl hat dieses Gedicht in einem Konzert spontan aufgeführt – der schönste Moment des Abends, wie Pavel Z. sich erinnert.

 

Klingelzeichen

In unserer alten Dorfschule durften wir Kinder das Lehrerzimmer nicht betreten. Wenn es doch drängte, dort an die Tür zu klopfen, hatten wir vor der Schwelle stehenzubleiben. Denn dieses von kaltem Rauch durchzogene Zimmer mit richtigen Gardinen an den Fenstern war das Refugium des Lehrpersonals.
Das Wort Konferenz werde ich immer mit den abgewetzten ocker-gelben Sitzpolstern der hier aufgereihten Stühle verbinden. Hier wurde über Schülerschicksale entschieden. Und hier war die Schulklingel, ein Schalter, der direkt neben dem für die Deckenlampe angebracht war.
Wenn mitten im Unterricht ein krächzendes Kurzklingeln ertönte, hatte ein Lehrer beim Lichtanknipsen nicht hingeguckt.
Die Schulsekretärin kümmerte sich um die richtigen Klingelzeichen. Sie ertönten exakt auf die Minute und in immer derselben Länge. Manchmal verstolperte sich das Signal, gerade zum Ende der Hofpause. Dann hatte ein Schüler als kleine Belohnung drücken dürfen.
Einmal in meinen drei Jahren an dieser Schule durfte auch ich. Mein Herz raste. Ich musste den Arm noch strecken, um mit dem Zeigefinger in die Höhe der beiden Schalter zu gelangen. Und dann drückte ich, bis die Fingerkuppe ganz weiß wurde. In der Unterstufe rannten die Kinder noch, wenn es klingelte. Ich sah es durch die Gardinen. Was für ein Zeichen.
„Reicht jetzt!“, murmelte die Sekretärin.

Geräusche, nachts

Als wenn auf den Dachpfannen gekegelt würde.
Oder eine Mülltonne durch den Garten gerollt.
Ratterdi-ratterdi-ratterdi.
Das Herzklopfen hört sich schon genauso an.
Da ist doch jemand!
Stille – – –
beim Blick über die Reihenhaus-Höfe.
Ganz hinten hängt eine rot leuchtende Lichterkette
an der Hecke durch. Warum jetzt noch?

Schaumwaffelweiche Bettschwere.
Ratterdi-ratterdi-ratterdi.
Marder?
Die klingen doch nicht wie Mülltonnenräder.
Dann ist es ja gut. Vielleicht.
Der Puls hat sich schon beruhigt.