Interzonenjahre. Dritte Leseprobe

An der Elbe, 1945

[…] War Elsa aus einem Pullover herausgewachsen, hatte Mutter ihn manchmal Tante Anni gegeben, damit sie etwas Neues daraus strickte. Der Wollfaden wurde mit der Zeit härter und strippiger, aber für die Großtante war das Räufeln und Stricken immer wie Sport gewesen. Oft hatte sie eine ihrer Stuhllehnen mit alter Wolle umwickelt, damit die sich beim Trocknen dehnte. Dann erst hatte sie sie wieder aufgewickelt und dabei das Knäuel geschickt hochgehalten, so dass der Faden den aufgerollten Metern einfach hinterherrannte. Früher hatte Elsa die Großtante gern angefeuert …  schneller, schneller! Dann sah es so aus, als würde der Stuhl nur aus Garn bestehen und sich langsam selbst auflösen. Elsa brauchte nur zu blinzeln, um dabei solche komischen Szenen zu sehen. Irgendwann ließ sich die Großtante nicht mehr antreiben, weil sie kein Gaul wäre!
„Geh doch spielen“, sagte Tante Anni am Fenster.
„Ich spiel ja schon“, antwortete Elsa. […]

Aus dem dritten Kapitel

Interzonenjahre. Zweite Leseprobe

Unterwegs, 1945

[…] „Darf ich mal?“
Elsa nickte irritiert und überließ der Anderen ihre Hände – kalt, rauh und schmutzig. Vielleicht sollte sie etwas abgelenkt werden. Wenn die Frau die Kraft dazu hatte, sollte es Elsa recht sein.
Noch nie hatte ihr jemand die Hände massiert, jeden Finger, jedes Knöchelchen und sogar die Kuppen. Erstaunt ließ Elsa locker. Die kleinen Wülste, an denen sich die Lebenslinien auf dem Handteller entlang zogen, schienen zu reagieren, und Elsa kroch dichter an die junge Frau heran.
„Kannst du aus der Hand lesen?“
Die Frau schüttelte den Kopf.
„Wer kann das schon? Also so, dass es auch stimmt?“ Sie lachte. „Aber es gibt so viel Leben in den Händen und wenn du hier das Daumen-Dreieck ein bisschen knetest, dann tut das immer gut.“
Sogar Großmutter fingerte sich ihre Hände zurecht und suchte die Stelle.
Anni jedoch griff nach der Kerze, deren Messinghalter Elsa aus der Küche kannte, und flüsterte:
„Wir müssen das Licht löschen.“ […]

Aus dem zweiten Kapitel

Interzonenjahre. Erste Leseprobe

Königsberg, 1944

[…] Wenn Dieter kam, durfte er die alten Schuhe seines Vaters anbehalten, solange Elsa mit ihm in der Küche blieb. Er roch seine eigenen Füße nicht, aber Elsa konnte beim Einatmen das Bittersaure nicht wegfiltern. Vielleicht wurden Dieters Socken im Winter nicht gewaschen, weil er kein zweites Paar hatte. Großmutter holte das Bonbon-Glas aus dem Wohnzimmer. Mutters Laden hatte eine kleine Lieferung bekommen aus Borntuchen. Da gab es eine Frau, die Bonbons aus Rübensaft kochte. Früher, als fast noch Frieden gewesen war, hatte der kleine Dieter einmal alle Süßigkeiten weggenascht, die er bei Elsa gefunden hatte.
„Die müssen wir wegschließen, wenn der Bursche mal wiederkommt“, hatte Großmutter damals zu ihrer Tochter gesagt. Jetzt aber hatte sie das Glas extra auf den Tisch gestellt.
Dieter schloss beim Lutschen die Augen. „Rübe“, sagte er mit Kennermiene, „und Wiesenkräuter“.
Elsa schob sich auch einen Bonbon in den Mund, obwohl sie sich nichts aus Süßigkeiten machte. Wenn es nach ihr gegangen wäre, brauchte sie gar nichts essen. Sie hatte nie Hunger. Widerwillig kaute sie, was Großmutter für sie zusammenstellte. […]

(Aus dem ersten Kapitel)

Die Kraft des Rituals

Zai An geht zurück nach China. Sie hat es sich reiflich überlegt und verschenkt ihre Bücher und Teeschalen.
Es gibt kein Abschiedsfest. Doch Stunden vor ihrer Abreise lädt sie die Freunde in den Park vor dem Institut ein. Zum Jīngāng gōng.
Dafür lehnt sie eine alte chinesische Musikbox, die mit ihren wenigen Knöpfen wunderbar einfach zu bedienen ist und ausschließlich buddhistische Klänge gespeichert hat, an die Platane.
Zai An macht sich zur sanften Melodie sehr gerade und streckt ihre schmalen Schultern. Die Freunde, im Kreis, tun es ihr gleich.  Sie schwingen ihre Arme weit und halten während einer Drehung inne, wie es einst gelehrt wurde.
Bei jeder Übung scheinen kleine Impulse entferntere Winkel des Körpers zu erreichen.
Das Ritual nimmt allem die Schwere.
Für Zai An beginnt so jeder Morgen. Für manche ihrer Freunde hier auch.
Das bleibt – selbst, wenn es kein Wiedersehen geben wird.

Einmal ausgeholfen

Das Postauto hielt mitten auf der Straße. Ein brünetter Lockenkopf schob sich aus dem Fahrerfenster. „Steh ich im Weg? Ich mach mal auf.“
Lächelnd stellte sich die Postfrau neben die offene Fahrertür. „Ich bin heute die Aushilfe hier.“
Als würden sich alle Hausnummern gerade hinter riesigen Sonnenblumen verstecken, fragte sie nach der Nummer 16. Und zur Nummer 40 müsste sie auch noch. Aber die liege wohl hinter der Absperrung.
„Ich dreh mal wieder um.“
Das war gar nicht so einfach.
Dann fiel ihr die Nummer 16 wieder ein. Ein Paket. Es war sogar jemand zu Hause.
Der gelbe Kasten schaukelte im ersten Gang weiter. Nach hundert Metern, kurz vor der Kreuzung, fand sich eine Parklücke – rein da!
Arme Aushilfe.
Was sie wohl sonst bei der Post zu tun hatte?
Wenig später klingelte es. Da stand sie, außer Atem, verschwitzt und dennoch lächelnd. Unter dem Arm hielt sie ein Päckchen.
„Sie kriegen doch auch was!“

Lieblingswörter

MALHEURESEMENT. Das ist Ludwigs Lieblingswort. UNGLÜCKLICHERWEISE.
Er hat es nicht auf das Pech abgesehen, aber er spürt nun mal gerade diese Silben wie den ausgeleierten Schaltknüppel eines alten Renault in der rechten Hand, während er sie ausspricht. Jungs und Autos.
Zuzanna dagegen erweitert derzeit ihren deutschen Wortschatz und hat das „ch“ für sich entdeckt. Nicht etwa in „ach“ oder „Krach“, sondern – dabei artikuliert sie so behaglich wie irgend möglich – in BÜBCHEN und KANINCHEN. Seit in den Gärten das Gemüse reift, zählt auch MEERRETTICH zu ihren Lieblingswörtern.
Wenn sie aber EICHHÖRNCHEN flüstert, dann scheint sogleich etwas Buschig-Weiches die eigene Haut zu streifen. Wörter kann man eben auch fühlen.

Perseiden

In der großen Nacht der Sternschnuppen hatte ich keine Zeit. Also mussten die Wünsche warten.
Am Freitag jedoch blieb ich abends einfach in der Hängematte liegen. Zuerst waren da nur Jupiter und Saturn, aber nach und nach formten sich die Sternbilder. Ganz nah kreuzten Fledermäuse mein Blickfeld, als wären sie betrunken.
Plötzlich kam auch in den Sternenhimmel Bewegung. Ein Licht-Punkt war unterwegs. Ich sortierte eilig meine Wünsche und verfolgte den Pfad. Wie dumm – so langsam war doch keine Sternschnuppe!
Plötzlich sah ich überall winzige gleitende Pünktchen.
Wer flog denn heute noch? Und dann in der Nacht zum Sonnabend? Während ich mir die unbequeme Flugzeugsitzhaltung in der Economy Class ausmalte, flitzte ein matt strahlendes Etwas über Nachbars Tanne hinweg.
Darf man sich auch noch etwas wünschen, wenn die Schnuppe schon wieder verschwunden ist?
Klar. Am besten gleich alles auf einmal.