Genauer hingeschaut

Das Vorsatzblatt der Familienbibel hängt nur noch an wenigen Stellen fest. Am zerknitterten Rand – abgegriffen, abgeknickt, abgerissen – fehlen ein paar Fingerbreiten. Dabei ist gerade dieses fragile Blatt interessant wegen der handgeschriebenen Einträge, deren erster so alt ist wie die Bibel selbst. Der 30jährige Krieg war gerade vorbei.
Nun ist in etwa geklärt, was dort steht auf lateinisch. Keine Familiengeheimnisse, sondern eine editorische Notiz zu den Bearbeitern, Korrektoren und sonstwie Beteiligten. Mit Eigenem hätten sie das Alte und Neue Testament und die gängigen Beigaben auch noch klug ergänzt.
Genau darunter, in anderer Schrift und mit harten Worten – Protest!
Vide …!
Lege …!
Ja, ein hämisches „sieh nur!“ und  ein ruppiges „lies das!“ Um dich dann verächtlich abzuwenden! (Warum auch immer).
So große Spannungen konnte das Papier wohl nicht aushalten.

Diese Bibel wird geschont seit dem Ableben einer Großtante, die einige Lesezeichen stecken gelassen hatte und recht praktisch veranlagt war: An gewissen Stellen mit merkbaren Seitenzahlen waren nämlich pikante Notizen untergebracht. Das Buch erzählt eben noch mehr Geschichten als in ihm aufgeschrieben sind. Und hier und dort fand sich auch ein Fünfzig-Mark-Schein für schlechte Zeiten.