Schlossbucht am Morgen

Eigentlich wollte ich kein Bild ersteigern.
Nur das eine, vielleicht. Für den guten Zweck der Schelfkirchensanierung.
Macht nicht Zugucken auch Spaß? Mit Achim Schuster? Klar. Er hat Platz geschaffen in seinem Atelier.
Dieses eine, die Schlossbucht am Morgen, leuchtet mir gleich entgegen. Alle Bieter scheinen nur darauf zu warten, dass es aufgerufen wird. Dieses eine mit den Schilfhalmen im Gegenlicht, auf denen die Ähren erkennbar sind, ganz fein. Eine Täuschung, natürlich. Es ist perfekt. Auch die Spiegelung der Bäume im bewegten Wasser. Magisch.
Jetzt! Das erste Gebot. Ja, so heißt das.
Ich zücke mein Bieterkärtchen und gehe drüber. Natürlich versagt die Stimme. Gleich ist es weg. Nein, noch nicht. Ich wiederhole mein Gebot, diesmal deutlich genug.
Zum Ersten. Zum Zweiten. Zum Dritten.
Und der Hammer fällt.

Alter Schwede

Wintersonne in der Hafencity. Kleine Eisschollen, auf denen putzige Wasservögel als Mitfahrer ausharren, eilen mit der Strömung in Richtung Elbphilharmonie. Doch sind wir zu Fuß mindestens genauso schnell.
Die Anzeige Nils Landgren – 70 – A Birthday Celebration  leuchtet über den Vorplatz.
Rolltreppe. Stufen. Ausblicke. Gänge.
Der Jubilar sagt selbst, dass man sich verlaufen kann in der Elphi!
Er lacht, die rote Posaune schwenkend, seine Band und die Hamburger Symphoniker in weitem Bogen hinter sich.
Dann setzt er an zum ersten Ton, und die Vorfreude auf den Landgren-Sound, der immer so sanft einem anderen Horizont entgegenperlt, entlädt sich in einer inneren Weite, die den ganzen Abend anhält. The story of my life.
Mir ist die Resonanz seiner maßvoll ungeölten Stimme so vertraut wie einst die selbstverständliche Gegenwart eines Vaters. Spielerisch ertastet er jene kleinen Schollen, von denen ich ahne, dass sie auch mich tragen könnten. Somewhere.
Happy birthday, Nils Landgren.

Das „i“ im Klo ODER Heim-Alltag

Christel ist über 80 und kann sich nur noch wundern. Dass sie Alzheimer hat, hat sie schon vergessen. An der Tischkante klebt ihr Name in fetten Buchstaben. Woher wissen die, dass sie hier immer sitzt? Zwischen den anderen … Dusseligen? Nein, sie findet kein besseres Wort. Das ist sowieso schwierig mit den Wörtern, seit ihr Gedächtnis sie immer wieder im Stich lässt und sie mit dem Rolldings laufen muss. Das rollt immer schon los, und sie weiß gar nicht, in welche Richtung. Manchmal, auf dem Weg in ihr Zimmer, kommt sie an einem Bad vorbei. Wieder wundert sie sich. Niemals würde sie TOILETTE mit „i“ schreiben. Sie ist gespannt, was Mutti dazu sagt, wenn die mal wieder kommt. Oder der Onkel, von dem sie als Kind Schach gelernt hat.
Matt ist sie. So matt. Auch wenn sie sich jeden Tag vornimmt, zu Hause das Kräuterbeet durchzuhacken, heute wird das wieder nichts. Sei’s drum.

Das Pinnwandgeständnis

Wer ein letztes Mal das leergeräumte Elternhaus betritt, schreibt darüber. Wenn er denn schreibt. Mir scheint, es gibt sogar ein spezielles Genre – Das Ende einer Ära – so oft habe ich entsprechende Abschiedstexte gelesen oder auch Fotoausstellungen gesehen.
Der Blick ist unglaublich frei und doch erfüllt vom sanften Drunter und Drüber ineinander verhakelter Geschichten und Erinnerungen. Plötzlich fühle also auch ich mich von diesem Genre angezogen, doch alles Pathetische versage ich mir.
Auch in diesem Haus hallt jeder Schritt nach. Ich versuche, geräuschlos noch einmal durch alle Räume zu gehen und weiß doch, dass die Türen ihre Eigenarten behalten haben: die zum Bad knackt, eine andere quengelt, die zum Arbeitszimmer flüstert sich über die verrutschten Teppichwellen hinweg. Doch nein, dieser Teppich ist nicht mehr da, und jetzt schweigt diese Tür beim Öffnen. Das ist tatsächlich neu.
Geschafft!, denke ich.
Was ist mit der Geheimtür in der Wandvertäfelung? In der „Butz“, wie wir sagten? Da steht das Einbauregal noch, und als ich blind über das obere Brett streiche, spüre ich eine Briefmarke unter den Fingern.
Die philatelistische Leidenschaft meiner Eltern wurde mir nicht vererbt. Dennoch klemme ich diese Marke – eine ausländische aus längst vergangenen Zeiten – in ein Steckfach an meinem Handy, um sie zu Hause mit der Lupe untersuchen zu können. Und dann wird auch sie ihr weiteres Dasein an meiner Pinnwand fristen.
Denn nun ist sie im doppelten Sinne historisch. Und vielleicht auch symbolisch für ein Ende …

An den Landungsbrücken

Die Seifenblasenfrau hat sich günstig platziert. Sie pumpt kräftig, und eine schillernde Fontäne schießt aus ihrer kleinen Kanone. Manche Pusteln tun so, als wären sie gerade mit ihrer Zellteilung beschäftigt.
„Noch mehr?“, fragt die Seifenblasenfrau in die Runde und lädt freudig nach. Dann wischt sie die feuchten Hände an der Kniedecke ab und zieht das eigene Smartphone. Zack! Zack! Und jetzt ein Video. Dann nochmal: Zack!
„Ich hab’s“, jauchzt sie, „die Elphi in der Blase! Bei Sonnenuntergang, Leute!“
Zufrieden verstaut sie ihre Ausrüstung in einer Umhängetasche und streift die Handschuhe über.
Im nächsten Moment ist sie verschwunden. Samt Rollstuhl.

Der Engel

Im August fand ich im väterlichen Werkzeugschrank neben vielem anderen eine sehr besondere Schraube. Eine Flügelschraube, sagt man. Mit gusseisernen Feder-Flügeln. Wo konnte wohl das Gewinde hineingedreht werden? Ich pustete den Staub vom Knauf und blickte plötzlich in ein halbes Gesichtchen mit Nasenspitze, Mundwinkel und tieftraurigem Ein-Auge. Die andere Kopfhälfte war zugesetzt von irgendwas und verriet mir auch nichts über die Herkunft dieses – – –  ja, genau, dieses Engels!
Es war ein Engelsköpfchen mit Gewinde.

Jetzt, in der Adventszeit, fällt der Groschen.  Es muss mindestens drei solcher Schrauben gegeben haben. Sie waren die Helferchen im alten, schweren Weihnachtsbaumständer!

Bodecker & Neander. Eine Pantomime zum 6. Dezember

Das Paket mit Schleife ist viel größer als der Schuh.
Der Beschenkte kann sein Glück kaum fassen.
Doch lässt sich der Karton nicht gleich öffnen.
Das kommt von der Aufregung.
Der Beschenkte schlägt die großen Augen nieder und wartet, bis er wieder Luft kriegt. Da schnippt plötzlich der Deckel hoch und …
Etwas sorgsam in rotes Papier Verpacktes drängt aus dem Karton hervor, wird länger und größer und scheint doch nicht mehr als nur Papier zu sein. Der Beschenkte knüllt in bitterer Enttäuschung zunächst seine Augenbrauen und dann den roten langen Fetzen, so dass dieser eine Form annimmt und bald gar ein Wesen wird, das sich um seinen Hals schmiegt, sich liebkosend aufdrängt und nicht damit aufhört, bis der arme Kerl nur noch ROT sieht.
Weg! Weg! Weg! Das Knittermonster wird zum Ungeheuer, dem die zitternden Hände des unglücklich Beschenkten lange nicht beikommen können. Aber endlich – doch! Zack-zack zurück! In den Karton!
Ausatmen.
Abwarten.
Kann es das schon gewesen sein?
Ein Gedankenblitz bringt die linke Augenbraue zum Zucken.
Ganz vorsichtig wird der Deckel nochmals gelüftet.
Das zerknautschte Rote ist wieder zum stillen Papier geworden.
Und darunter liegt ein kleines Geschenk.