Die Verflossenen

D. hat vor zwei Jahren ihren Vater verloren, plötzlich, bei einem Verkehrsunfall. Sie brauchte Zeit, all die Dinge, Verbindlichkeiten und Verträge zu ordnen, ja auch die Schätze und Illusionen, die Briefe und Fotos. Mit letzteren ist sie noch nicht ganz fertig.
Der Karton mit nach Lebensphasen sortierten Abzügen steht vor ihr.
D. freut sich, dass ich Lust habe, gemeinsam mit ihr die kleinen Foto-Stapel aus beschrifteten Umschlägen zu ziehen und auf dem Tisch auszubreiten.
Die Ehe mit D.‘s Mutter war nur eine Phase. Es gab ein Davor und ein Danach.
D. zeigt mir ein Papp-Mäppchen mit Passfotos.
„Das ist spannend!“, flüstert sie, „hier sind die Verflossenen …“
Ganz oben ein Foto der Mutter. Sehr jung, sehr glücklich – mit einer Notiz auf der Rückseite: So sieht mich der Bahnhofsautomat in Rouen.
Drei junge Frauen tragen eine Brille und sehen dadurch strenger aus. Eine andere schaut versonnen in die Kamera. Und ein junges Mädchen lächelt so gewinnend, dass wir beide zurückschmunzeln. D. kennt sie alle nicht, nur die Mutter.
Ich schiebe die Passbilder behutsam in das Mäppchen zurück.
„Mama wieder nach oben“, bittet D.
Natürlich.