Das Pinnwandgeständnis

Wer ein letztes Mal das leergeräumte Elternhaus betritt, schreibt darüber. Wenn er denn schreibt. Mir scheint, es gibt sogar ein spezielles Genre – Das Ende einer Ära – so oft habe ich entsprechende Abschiedstexte gelesen oder auch Fotoausstellungen gesehen.
Der Blick ist unglaublich frei und doch erfüllt vom sanften Drunter und Drüber ineinander verhakelter Geschichten und Erinnerungen. Plötzlich fühle also auch ich mich von diesem Genre angezogen, doch alles Pathetische versage ich mir.
Auch in diesem Haus hallt jeder Schritt nach. Ich versuche, geräuschlos noch einmal durch alle Räume zu gehen und weiß doch, dass die Türen ihre Eigenarten behalten haben: die zum Bad knackt, eine andere quengelt, die zum Arbeitszimmer flüstert sich über die verrutschten Teppichwellen hinweg. Doch nein, dieser Teppich ist nicht mehr da, und jetzt schweigt diese Tür beim Öffnen. Das ist tatsächlich neu.
Geschafft!, denke ich.
Was ist mit der Geheimtür in der Wandvertäfelung? In der „Butz“, wie wir sagten? Da steht das Einbauregal noch, und als ich blind über das obere Brett streiche, spüre ich eine Briefmarke unter den Fingern.
Die philatelistische Leidenschaft meiner Eltern wurde mir nicht vererbt. Dennoch klemme ich diese Marke – eine ausländische aus längst vergangenen Zeiten – in ein Steckfach an meinem Handy, um sie zu Hause mit der Lupe untersuchen zu können. Und dann wird auch sie ihr weiteres Dasein an meiner Pinnwand fristen.
Denn nun ist sie im doppelten Sinne historisch. Und vielleicht auch symbolisch für ein Ende …