KALININGRADER NOTIZEN – Das Stadtfest in Selenogradsk

Ein Platzregen schien den Chorsängerinnen, Blumen-Menschen und Allerschönsten ihr Stadtfest vermasseln zu wollen.

Doch solch heftiges Wetter hält selten lange an und so konnten nach einer Stunde die tropfnassen Planen wieder von der Bühnentechnik gezogen werden.

Nadeshda gibt jedem ihrer Stoffpüppchen eine innige Botschaft mit. Dass damit nicht zu spaßen ist, glaube ich ihr aufs Wort.

Und dann waren da noch die Jungs am Strand, die nach archaisch anmutenden Ringkämpfen recht gern vor die Linse traten. Währenddessen war die Entscheidung, welches Mädchen die Wahl zur „Miss Kurort“ gewonnen hatte, schon gefallen.

Eigentlich war ich auf der Suche nach Hühnergöttern.

Selenogradsk am Fuße der Kurischen Nehrung. Früher Cranz.

KALININGRADER NOTIZEN – Der Aschmann-Park

Die Baumwipfel, die von meinem Fenster aus zu sehen sind, machen mich neugierig.
Das Grün scheint greifbar nahe zu sein. Über Umwege, entlang der endlosen Mauer des Militärkrankenhauses, führt ein Pfad in den Wald. Wilde Feuerstellen säumen den Weg und manches, was vergessen wurde wieder mitzunehmen, liegt locker herum oder klemmt in den Astgabeln.
Bis zur Lichtung will ich laufen. Es ist ein See. Und er erinnert mich verblüffend an den Faulen See zu Hause.

Feuermachen ist hier also verboten – wegen der Denkmäler von städtischer Bedeutung? Ich finde sie nicht. Aber Stufen gibt es noch.

Ein Trampelpfad führt um den See herum und dann zu einem Ausgang, den ich nun als offiziellen Eingang wahrnehme: Willkommen im MAX-ASCHMANN-PARK.
Schon bin ich wieder zwischen den Hochhäusern und stehe drei Ecken weiter vor dem bereits vertrauten Supermarkt.
Dann will ich’s wissen:
Max Aschmann, Weinhändler, hatte 1903 der Stadt Königsberg 100.000 Reichsmark für die Anlage eines Parks vermacht, der nach ihm benannt und nie veräußert werden sollte.

Früher hieß die heutige Park-Allee
Aschmann-Allee.

 

KALININGRADER NOTIZEN – Ein Zoobesuch

Gerhard, von dem hier früher schon die Rede war, hat als Kind den Zoo in Königsberg geliebt. Nie wieder hätte er einen schöneren gesehen.
Es war ein richtiger Vergnügungspark mit prunkvollen Gebäuden, Rollschuhbahn, Tierpark-Konditorei, Konzerthalle und Heimatmuseum.
Man konnte ganze Sonntage dort verbringen und wollte nicht wieder nach Hause.
Die Bombardierung hatten nur vier Tiere überlebt: ein Damhirsch, ein Dachs, ein Esel und ein Nilpferd.
Längst wird wieder gebrüllt, getrötet und geplantscht im Zoo.
Jedoch nicht überall.

Ein paar Tage später habe ich im Zoo Kontakt mit einem Strauß. Er zwinkert mir zu und bittet mich, doch einmal die alte Königsberg-Brille abzunehmen. Ich erfahre die Geschichte vom Nilpferd Hans, das überlebt hatte. Schwer verletzt war es von einem Soldaten, einem Tierarzt zu Friedenszeiten, gefunden worden. Fressen wollte Hans nicht. Trinken auch nicht. Das Tier wäre gestorben, wenn der Soldat nicht ein Heilmittel an ihm ausprobiert hätte: vier Liter Wodka gegen die Schmerzen und so viele Futterrüben, wie er auftreiben konnte. Und dann ein Einlauf, der sich gewaschen hatte! Diese Prozedur ließ Hans zwei Mal über sich ergehen. Dann ergriff er seine Chance und überlebte.

Tja, und auch heutzutage würden Zoo-Fans ganze Sonntage hier verbringen …

KALININGRADER NOTIZEN – Wo das Gras wächst

Das erste Arbeitsessen am Pregel-Ufer mit A. und Z. sowie meiner Mit-Stipendiatin C. schafft Momente, in denen ich die Abendsonne bitten möchte, einfach anzuhalten über dem Fluss. Der üppige Blumenstrauß, der nach Kamille hätte duften dürfen, steht zwischen uns. Spätsommerliche Wärme, kein Grau. Gleich dahinter die sogenannte Kant-Insel mit dem Dom. In der Dunkelheit, später, gehen wir daran vorbei, auch an den umzäunten Ausgrabungen mit Resten vom Schloss.

Vor zwei Monaten hatte man diese Fläche für das Public Viewing zur Weltmeisterschaft gebraucht. Die zunächst geplante Glasabdeckung wäre schön gewesen, aber man entschied sich, die Kellerruinen für die paar Wochen  zuzuschütten und zu planieren. Die Fans werden sowieso nur Augen für die Leinwand gehabt haben.
Es soll eine Sache von wenigen Tagen gewesen sein, die Trümmer wieder auszugraben. Das Gras auf den ruinösen Mauern hat sich bereits erholt.

KALININGRADER NOTIZEN – Prolog

Auf das Leuchten hinter dem Grau solle ich achten und auf die menschliche Wärme,
hat mir jemand geraten, der lange hier war.
Ich will es von Beginn an tun. Vier Wochen sind kurz.
Oder: Vier Wochen könnten sonst sehr lang werden.
A. hat heute Geburtstag.  Dass ich dennoch fliege, wird der Familiennähe nichts anhaben. Allein das wärmt durch.

Na sowas!

Heute vor 31 Jahren habe ich Thomas Gottschalk getroffen. In Ostberlin. Ja, da gab es noch die Mauer, und ich hatte Mittagspause.
„Na sowas!“ im ZDF hatte ich geliebt!
Ich verstand nicht, warum die Menschen an ihm vorbeiliefen, ohne zu gucken.
Ich guckte. Und ich konnte kaum fassen, dass er es wirklich war – allein, wartend, in den Arkaden, die es nicht mehr gibt an der Friedrichstraße.
Blitzschnell zog ich meinen Taschenkalender hervor und reichte ihm auch einen Stift. Wenn ich irgendwann welche hätte, wollte ich das Autogramm noch meinen Kindern zeigen können.

Das habe ich jetzt getan. Im gleichen Karton wie die Kalender liegt auch mein altes Tagebuch. Mir wurde ganz heiß, als ich daraus vorlas. Meine Ängste von 1987. Die innige Freude über einen reparierten Kaltwasser-Anschluss in der besetzten Wohnung. Die Zweifel. Die Sehnsüchte.
Kein Wort über Thomas Gottschalk? Na sowas!

Innerer Monolog eines Notenblattes

Noten haben kurze Beine,
laufen stets im Takt davon,
gefügig trippelnd, dann à tempo,
Stück für Stück den Marathon.
Manche tragen wohl ihr Kreuz,
vom Halbton wissend, das System
setzt Zeichen allemal geschickt,
ein Doppelkreuz ist unbequem.
Zieht man rhythmisch in Betracht,
wann welcher Ton zu halten sei
und welcher gar nur angetippt
im Schwall gedruckter Drängelei,
dann naht wohl oft ein Funkenflug,
das Tongerüst beginnt zu schillern,
im Presto wird sanft angeregt,
fortissimo auf As zu trillern.
Die Melodie, am Höhepunkt,
verliebt sich in das Radikale,
wissend, dass das Ende naht,
was folgt, ist nur noch das Finale.
Sieh an, gedruckt steht hier: da capo,
erst dann wird sich wohl alles fügen –
und sei es nur zum Zeitvertreib,
aus Noten-Lust und zum Vergnügen.

ksh

B & B in Twyford, Hampshire

Her husband is a painter.
Schwer neigen sich seine Rosenblüten über die auf dem Doppelbett drapierte Kissenflut. Am Goldrahmen klebt dezent ein Preis, falls Gäste interessiert sind. Ebenso im Bad – eine Brücke in Winchester, der die Stromschnellen des Itchens nichts anhaben können.
Viel Wasser, in Öl gemalt.
Auf Knopfdruck nieselt es ein wenig aus dem Duschkopf, sehr fein, doch es eilt ja nicht, zumal das Fenster zum Garten weit geöffnet ist und die vertrauten Rosenstöcke es bis hier hinaufgeschafft haben.
What a wonderful day!

Merry Maidens, Cornwall

Bei Sonnenuntergang wirkt der Steinkreis noch magischer.
Da ist doch jemand!
Eine lange Vogelfeder zittert über einem geblümten Hutrand.
Einmal halb um den größten der Steine herumgegangen, sitzen da sogar zwei Männer. Schweigend.
Der Zweite strafft den mit keltischen Symbolen tätowierten Oberkörper und scheint den Energiefluss zu lenken, während der mit dem Blümchenhut sein Pink-Floyd-Shirt über dem mächtigen Bauch glatt zieht und munter Salzgebäck vor sich hin knuspert.