KALININGRADER NOTIZEN – Prolog

Auf das Leuchten hinter dem Grau solle ich achten und auf die menschliche Wärme,
hat mir jemand geraten, der lange hier war.
Ich will es von Beginn an tun. Vier Wochen sind kurz.
Oder: Vier Wochen könnten sonst sehr lang werden.
A. hat heute Geburtstag.  Dass ich dennoch fliege, wird der Familiennähe nichts anhaben. Allein das wärmt durch.

Na sowas!

Heute vor 31 Jahren habe ich Thomas Gottschalk getroffen. In Ostberlin. Ja, da gab es noch die Mauer, und ich hatte Mittagspause.
„Na sowas!“ im ZDF hatte ich geliebt!
Ich verstand nicht, warum die Menschen an ihm vorbeiliefen, ohne zu gucken.
Ich guckte. Und ich konnte kaum fassen, dass er es wirklich war – allein, wartend, in den Arkaden, die es nicht mehr gibt an der Friedrichstraße.
Blitzschnell zog ich meinen Taschenkalender hervor und reichte ihm auch einen Stift. Wenn ich irgendwann welche hätte, wollte ich das Autogramm noch meinen Kindern zeigen können.

Das habe ich jetzt getan. Im gleichen Karton wie die Kalender liegt auch mein altes Tagebuch. Mir wurde ganz heiß, als ich daraus vorlas. Meine Ängste von 1987. Die innige Freude über einen reparierten Kaltwasser-Anschluss in der besetzten Wohnung. Die Zweifel. Die Sehnsüchte.
Kein Wort über Thomas Gottschalk? Na sowas!

Innerer Monolog eines Notenblattes

Noten haben kurze Beine,
laufen stets im Takt davon,
gefügig trippelnd, dann à tempo,
Stück für Stück den Marathon.
Manche tragen wohl ihr Kreuz,
vom Halbton wissend, das System
setzt Zeichen allemal geschickt,
ein Doppelkreuz ist unbequem.
Zieht man rhythmisch in Betracht,
wann welcher Ton zu halten sei
und welcher gar nur angetippt
im Schwall gedruckter Drängelei,
dann naht wohl oft ein Funkenflug,
das Tongerüst beginnt zu schillern,
im Presto wird sanft angeregt,
fortissimo auf As zu trillern.
Die Melodie, am Höhepunkt,
verliebt sich in das Radikale,
wissend, dass das Ende naht,
was folgt, ist nur noch das Finale.
Sieh an, gedruckt steht hier: da capo,
erst dann wird sich wohl alles fügen –
und sei es nur zum Zeitvertreib,
aus Noten-Lust und zum Vergnügen.

ksh

B & B in Twyford, Hampshire

Her husband is a painter.
Schwer neigen sich seine Rosenblüten über die auf dem Doppelbett drapierte Kissenflut. Am Goldrahmen klebt dezent ein Preis, falls Gäste interessiert sind. Ebenso im Bad – eine Brücke in Winchester, der die Stromschnellen des Itchens nichts anhaben können.
Viel Wasser, in Öl gemalt.
Auf Knopfdruck nieselt es ein wenig aus dem Duschkopf, sehr fein, doch es eilt ja nicht, zumal das Fenster zum Garten weit geöffnet ist und die vertrauten Rosenstöcke es bis hier hinaufgeschafft haben.
What a wonderful day!

Merry Maidens, Cornwall

Bei Sonnenuntergang wirkt der Steinkreis noch magischer.
Da ist doch jemand!
Eine lange Vogelfeder zittert über einem geblümten Hutrand.
Einmal halb um den größten der Steine herumgegangen, sitzen da sogar zwei Männer. Schweigend.
Der Zweite strafft den mit keltischen Symbolen tätowierten Oberkörper und scheint den Energiefluss zu lenken, während der mit dem Blümchenhut sein Pink-Floyd-Shirt über dem mächtigen Bauch glatt zieht und munter Salzgebäck vor sich hin knuspert.

Das Gemeinschaftsprojekt

Die neunjährige Nachbarstochter schreibt Piratengeschichten. Oft kommen auch Tiere vor, je nachdem. Sie möchte gern gemeinsam an einer Geschichte arbeiten, zu zweit also.
Die Vorstellung von vier Beinen in der Lücke unter dem Schreibtisch ist nicht gerade inspirierend. Also einigen wir uns auf eine gemeinsame Geschichte – Tag eins schreibt sie und Tag zwei ich. Zwei Hasen kommen darin vor, ein Kater und ein Schreibhäuschen.
Abends habe ich schon Lust: Am zweiten Tag war alles anders. Wolken hingen ganz tief über den Apfelbäumen, die zwei Hasen verkrochen sich im hintersten Winkel ihrer Bude und dem Kater zitterte der Schwanz. Gewitterstimmung…
Als wir uns wiedersehen, ist beim Nachbarskind das Farbband eingetrocknet. Die alte „brother“, elektrisch schon, bremst aus.
Am Wochenende kann sie endlich ausdrucken. Eine halbe Seite – und dann hat sie Platz für eine Illustration. Tag eins.
Wir lesen einander vor und tauschen die Blätter.
Kein großer Akt.
Das Projekt ist gelungen.

Am Görslower Ufer

Am 19.12.1945, als die kleine Heidi von nebenan ihren ersten Nachkriegsgeburtstag feierte und das Central-Café gerade wiedereröffnet war, schwappten die Wellen des Schweriner Sees wie eh und je ans Görslower Ufer. Die Buchen dort standen stramm in der milden Dezemberbrise, als einer der Russen sein Messer zückte. Es war scharf und noch nicht lange in seinem Besitz.
Hier und jetzt wollte er den ersten Schnitt probieren.
Er setzte die Klinge an die Rinde und hielt mit der Fingerkuppe nur sanft dagegen, weil er an etwas Butterweiches dachte. Doch es war eine Buche. Hart. Also griff der Russe anders zu und sägte mit der Schneide, kratzte und schabte. 19. XII. 1945г.
Вадим hieß er wohl.
Die Rinde versteckt ihn allmählich.

G. G.

Im Opernchor, früher, war er immer sofort zu erkennen gewesen, sogar in Mönchskutte. Er hat in jeder Rolle alles gegeben, vielleicht noch einen Tick mehr.
Nun, mit neunzig, sitzt er im ersten Rang. Ein wenig gebeugt, doch nicht müde, erhebt er sich zur Begrüßung. Er kennt so viele.
Ob er das Oratorium von heute auch einmal mitgesungen hätte?
„Was denken Sie? In so einem langen Leben?“ Er winkt ab.
Und ob es ihm gefiele, dass dazu getanzt werde?
„Warum nicht, wenn doch alles so schön ist: Das Theater. Die Bühne. Der Vorhang.“

Am nächsten Tag steht er mit seinem Hund an der dicht befahrenen Straße. Wie so oft.
Er hält die Leine kurz und wartet.
Als die knappe Lücke endlich kommt, schleichen sie hinüber.

Ostpreußen, Spätherbst 1937

Der dreijährige Gerhard sollte ab jetzt in den Kindergarten gehen.
Er hatte keine Ahnung von Erzieherinnen und Ringelreihn.
Am ersten Tag empfing ihn ein einäugiger Kriegsveteran, der Hausmeister.
Er half gelegentlich aus. Und er hatte seine eigenen Methoden.
„Kinder, die nicht artig sind, müssen zu den Fledermäusen.“
Zauber-zauber, plötzlich hatte er eine in der Hand, ein nacktes, knochiges Tierlein mit Zähnen.
„Die sind immer hungrig und fressen kleine Kinder. Denn sie wollen einmal riesengroße Drachen werden!“
Gerhard setzte sich durch und ging nie wieder in einen Kindergarten.

NEU – in der Drogerie

„Das kannst du nicht kaufen“, flüstert die Kassiererin.
Sie ist ein wenig aus dem Takt geraten.
„Darf ich das denn so mitnehmen?“, fragt das kleine Mädchen.
„Das brauchen wir noch!“ Die junge Frau stützt sich am Gummipolster des Laufbandes ab.
„Aber wozu denn?“, will das Kind wissen.
„Zum Markieren der Ware.“
„Ich brauch das aber auch.“
„Möchtest du einen Luftballon?“
Das Mädchen schüttelt den Kopf.
„Ich nehm‘ das jetzt mit!“
Die Kassiererin schließt kurz die Augen und greift nach der Ware hinter dem nächsten Trennstab.
Da steckt das knallrote Plastikschild mit den drei Buchstaben schon im Namensfeld des Schulranzens: NEU.