Das Gleichgewicht … oder fifty-fifty 😉 / zum 14. Mai 2018

„Alles gut“, so sagt man schlicht,
will man Heikles sanft umgehen,
das solide Gleichgewicht
bleibt in einer Unwucht stehen.
Es kippelt und gebärdet sich,
als wär’s ein Werkzeug fremder Mächte,
mit Mut und Willen lediglich
kriegt man es in die Waagerechte.
Das Heikle aber wird nicht weichen,
das Gleichgewicht bleibt stets fragil,
fifty-fifty steh’n die Zeichen
und Schatten schärfen das Profil.

ksh

Was den Kater nicht stört

Martha fährt heute, den Katzenkorb auf dem Schoß, mit dem Bus nach Hause. Das Katerchen schläft. Die Bahnschranken sind geschlossen.
Der Busfahrer brummelt: „Ach du Scheiße!“ Und dann nochmal: „Scheiße!“
Zwischen den Schranken steht ein Fahrzeug, das allzu wagemutig ein wenig zu spät noch hinübergewollt hat. Der Mann ist schon ausgestiegen und rennt schreiend am Bahndamm entlang.
Der Busfahrer schaut in den Rückspiegel, er will den Abstand vergößern. Es könnte Scherbenflug geben. Die Smartphones schnellen in die Höhe, auf den meisten Bildern werden nur Köpfe drauf sein, verwackelt.
Das Katerchen lässt sich nicht stören, Martha weiß das.
Der Regionalzug leitet eine Vollbremsung ein und kommt in Sichtweite zum Stehen. Der Mann und der Lokführer diskutieren. Dann trabt der Mann zu seinem Auto zurück, lässt es ganz nahe an die Schranken rollen, stellt es parallel und kriecht unter der Schranke hindurch.
Im Schritttempo schleicht der Zug vorbei. Hinter den Scheiben drängen sich die Fahrgäste, ein Schiff wäre in Schlagseite geraten.
Im Bus raunen sich die Leute zu: „Passt durch!“
Das Katerchen gähnt.

Lost Places, Beelitz-Heilstätten

Fotosession. Ellen hatte sich die Tracht einer Krankenschwester aus dem Theaterfundus ausgeliehen. Der gestärkte Kragen, hochgeknöpft und rein, kontrastierte mit ihrem lasziven Lächeln. Sie stützte sich auf das verrostete Krankenbett-Gestänge, über dem die Reste einer OP-Lampe aus Vorkriegszeiten baumelten.
Ellen sah direkt in die Linse, veränderte im Takt der Auslösegeräusche minimal ihre Position, nur ihren Blick nicht.
Der Fotograf setzte das Licht neu und sortierte mit dem Fuß den Müll, der auch jetzt nicht in den Griff zu kriegen war, seit in der bewachten Klinik-Ruine nur noch Fotofreaks unterwegs waren.
Irgendwann sagte er: „Okay.“
Ellen schälte sich aus der Schwesterntracht und schlüpfte in Jeans und Pullover.
Die Immobilie sollte verkauft werden. Wenn sich diese Räume in Wohnungen und Ateliers verwandelten, würde von Urgroßvaters Krankenzimmer keine Spur mehr bleiben. Großmutter hatte ihr gezeigt, wo sein Bett gestanden hatte, als er sich 1940 hier die Seele aus dem Hals hustete.
Ellen blieb an einem Türrahmen stehen. Die Tapeten waren in ganzen Bahnen von den Wänden gerutscht. Das glaslose Fensterkreuz fand sie im Schutt auf dem Boden.
Jedes Mal war das Zimmer einen Schritt weitergekommen im Verfall.
Sie knipste es mit ihrem Smartphone und überlegte, ob sie sich heute ein Stück Tapete mitnehmen  sollte.

Lauben-Geheimnis

Für die Lampe an der Laube muss ein Kabel quer über den Hof verlegt werden.
Stechen, heben, schütten, stechen, heben, schütten.  Die Rinne wächst in Richtung Laube, schmal und lang. Der Kabelspaten hat nur ein fußbreites Blatt – selbstgebaut vom Urgroßvater, dem Mechaniker in der Familie, er starb kurz nach dem Krieg.
„Gleich bis ran an die Laube“, ruft die Großmutter.
Am Fundament geht der Stich nicht mehr in die Tiefe. Es stoppt. Hart. Nicht steinhart, eher dumpf und hölzern.
„Da ist was!“, sagt der Enkel.
Die Großmutter erstarrt.
„Und ich dachte, die Russen hätten das Silber mitgenommen!“
Der Enkel muss den großen Spaten holen,  die Schippe auch. Eine mit Beschlägen bewährte Kiste kommt zutage,  „Petroleum“ steht drauf.
Die Großmutter setzt sich.  Sie weiß, wie man Silber blank kriegt: mit Alufolie und Salz.
Als sie den Deckel aufgeklappt haben, finden sie in fleckige Lappen gewickelte Kostbarkeiten: Sägeblätter, Schrauben, Muttern und kleine Handbohrer. Und Nägel, massenhaft! Urgroßvaters Schätze, in Öl gehalten für Friedenszeiten.

 

Brennweiten, alltags

Mit dem Teleobjektiv lässt sich der Morgennebel auf dem See bis vor die Füße ziehen. Ein Blässhuhn fiept schrill, als wollte es den Graureiher warnen. Jeden Morgen stand er auf dem Totholz in Ufernähe, scharf und dunkel im Profil wie in einem Scherenschnitt. Ich sah schon immer das Foto. Heute sehe ich den Reiher nicht.
Ein Fotograf würde sich Zeit nehmen.
Ich verstaue die Kameratasche wieder im Fahrradkorb.
Gleich beginnt die Schicht.
Der Seitenständer knallt in die Waagerechte, Äste knacken beim Anfahren und lösen Hektik im Gebüsch aus. Ein Rehbock kreuzt meinen Weg – so nah, dass mein Teleobjektiv ihn glatt umgeschubst hätte.
Hätte! Hätte! …
… Fahrradkette!
(Ach ja, die braucht Öl, wie immer).