KALININGRADER NOTIZEN – Dokfilmtage. Begegnungen

Nach der Eröffnung der deutsch-russischen Dokumentarfilmtage – am Donnerstag im Dom – treffen sich die geladenen Gäste hinter der großen Leinwand.

Vor den Epitaphen ist ein köstliches Bufett aufgebaut. Filmemacher, Kulturprominente, Museumsdirektorinnen sowie Vertreterinnen von DAAD und Goethe-Institut finden zueinander oder finden einander wieder. Na, und zwei Stipendiatinnen sind auch dabei.

So lerne ich Anschelika Schpiljowa kennen, die junge Museumsdirektorin aus Sowjetsk, früher Tilsit. Z. deutet an, dass sie in letzter Zeit Dramatisches überstanden habe. Weil sie in einer Johannes-Bobrowski-Ausstellung zum 100. Geburtstag des Schriftstellers zwei Fotos gezeigt hat, die ihn in einer gewissen Uniform zeigten, sei sie vor einem Jahr wegen „faschistischer Propaganda“ entlassen worden. Das Museum sollte gar geschlossen werden. Sie habe gekämpft, erzählt sie selbst und lächelt bescheiden. Letztendlich sei sie, auch durch die Hilfe des SPIEGELs, wieder im Amt.

http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/152163746

KALININGRADER NOTIZEN – Spuren aus Glas und Papier

Zuerst dachte ich, es wäre ein Verkaufsstand. Aber es scheint sich um einen Teil des bizarren Gesamtkunstwerkes Kaliningrad zu handeln, was an der Honigbrücke gezeigt wird. Die Flaschen seien im Pregel-Fluss gefunden worden. Königsberger Originale. Und weil ich davon nicht lassen kann, läuft die Glasliebhaberin zu ihrer Einkaufstasche, die sie an einen Baum gelehnt hatte, und zieht eine Tüte mit alten Zeitungsfragmenten hervor, Grabungsfunde vom Schloss-Areal. Natürlich waren sie nass geworden und sind inzwischen brüchig, und ich wundere mich, dass sie sie aufblättert wie eine Ausgabe von heute.
Weihnachtswerbung. Sonderangebote. Als hätte es hier 1944 noch unbeschwerte Weihnachten gegeben…

KALININGRADER NOTIZEN – Im Postamt

Das Postamt ist gerade eine Baustelle – ohne Staubvorhang und Absperrung.
Ich ziehe Nummer 30 und darf sofort zum Schalter drei.
Als ich nun meinen Wunsch aufsagen will, fängt die Kreissäge an zu kreischen, und die Postbeamtin und ich können uns nur anschmunzeln. Dann ein zweiter Versuch. Sie versteht mich nicht. Ist taub geworden.
Einer der Bauarbeiter kratzt sich mit der stumpfen Seite seines Cuttermessers im Ohr und kommt auf mich zu. „Can I help you?“
Ich möchte keine Briefumschläge, sondern nur Marken.
Er lacht und sagt der Frau am Schalter drei, wieviel Post ich nach Deutschland schicken will. Hatte ich ihr das nicht eben schon mitgeteilt? Nun klebt sie die Marken mit einem Pritt-Stift gleich auf die Umschläge. Offene Karten sind nicht üblich. Ach so.
Und schon startet die Säge wieder …

KALININGRADER NOTIZEN – Der Omnibus

Sollte ich jemals einen russischen Oberleitungsbus casten müssen, hätte ich ihn gefunden! Ist es nicht reichlich abgefahren, ihm nur deshalb hinterher zu laufen?
Das schaukelnde Gefährt entfernt sich in Richtung Kreisverkehr. Als es dort einbiegt, habe ich die Kamera aus der Tasche gezupft.
Dann ahne ich schon, dass ich diesen Bus nicht mehr kriege. Aber er fährt tatsächlich einmal die Runde und bleibt an der остановка поликлиника stehen.

Das reicht mir schon. Die Linie 7 brauche ich gerade nicht.
Es ist nur die unerklärliche Freude an russischer Omnibus-Ästhetik.

KALININGRADER NOTIZEN – Das Stadtfest in Selenogradsk

Ein Platzregen schien den Chorsängerinnen, Blumen-Menschen und Allerschönsten ihr Stadtfest vermasseln zu wollen.

Doch solch heftiges Wetter hält selten lange an und so konnten nach einer Stunde die tropfnassen Planen wieder von der Bühnentechnik gezogen werden.

Nadeshda gibt jedem ihrer Stoffpüppchen eine innige Botschaft mit. Dass damit nicht zu spaßen ist, glaube ich ihr aufs Wort.

Und dann waren da noch die Jungs am Strand, die nach archaisch anmutenden Ringkämpfen recht gern vor die Linse traten. Währenddessen war die Entscheidung, welches Mädchen die Wahl zur „Miss Kurort“ gewonnen hatte, schon gefallen.

Eigentlich war ich auf der Suche nach Hühnergöttern.

Selenogradsk am Fuße der Kurischen Nehrung. Früher Cranz.

KALININGRADER NOTIZEN – Der Aschmann-Park

Die Baumwipfel, die von meinem Fenster aus zu sehen sind, machen mich neugierig.
Das Grün scheint greifbar nahe zu sein. Über Umwege, entlang der endlosen Mauer des Militärkrankenhauses, führt ein Pfad in den Wald. Wilde Feuerstellen säumen den Weg und manches, was vergessen wurde wieder mitzunehmen, liegt locker herum oder klemmt in den Astgabeln.
Bis zur Lichtung will ich laufen. Es ist ein See. Und er erinnert mich verblüffend an den Faulen See zu Hause.

Feuermachen ist hier also verboten – wegen der Denkmäler von städtischer Bedeutung? Ich finde sie nicht. Aber Stufen gibt es noch.

Ein Trampelpfad führt um den See herum und dann zu einem Ausgang, den ich nun als offiziellen Eingang wahrnehme: Willkommen im MAX-ASCHMANN-PARK.
Schon bin ich wieder zwischen den Hochhäusern und stehe drei Ecken weiter vor dem bereits vertrauten Supermarkt.
Dann will ich’s wissen:
Max Aschmann, Weinhändler, hatte 1903 der Stadt Königsberg 100.000 Reichsmark für die Anlage eines Parks vermacht, der nach ihm benannt und nie veräußert werden sollte.

Früher hieß die heutige Park-Allee
Aschmann-Allee.

 

KALININGRADER NOTIZEN – Ein Zoobesuch

Gerhard, von dem hier früher schon die Rede war, hat als Kind den Zoo in Königsberg geliebt. Nie wieder hätte er einen schöneren gesehen.
Es war ein richtiger Vergnügungspark mit prunkvollen Gebäuden, Rollschuhbahn, Tierpark-Konditorei, Konzerthalle und Heimatmuseum.
Man konnte ganze Sonntage dort verbringen und wollte nicht wieder nach Hause.
Die Bombardierung hatten nur vier Tiere überlebt: ein Damhirsch, ein Dachs, ein Esel und ein Nilpferd.
Längst wird wieder gebrüllt, getrötet und geplantscht im Zoo.
Jedoch nicht überall.

Ein paar Tage später habe ich im Zoo Kontakt mit einem Strauß. Er zwinkert mir zu und bittet mich, doch einmal die alte Königsberg-Brille abzunehmen. Ich erfahre die Geschichte vom Nilpferd Hans, das überlebt hatte. Schwer verletzt war es von einem Soldaten, einem Tierarzt zu Friedenszeiten, gefunden worden. Fressen wollte Hans nicht. Trinken auch nicht. Das Tier wäre gestorben, wenn der Soldat nicht ein Heilmittel an ihm ausprobiert hätte: vier Liter Wodka gegen die Schmerzen und so viele Futterrüben, wie er auftreiben konnte. Und dann ein Einlauf, der sich gewaschen hatte! Diese Prozedur ließ Hans zwei Mal über sich ergehen. Dann ergriff er seine Chance und überlebte.

Tja, und auch heutzutage würden Zoo-Fans ganze Sonntage hier verbringen …

KALININGRADER NOTIZEN – Wo das Gras wächst

Das erste Arbeitsessen am Pregel-Ufer mit A. und Z. sowie meiner Mit-Stipendiatin C. schafft Momente, in denen ich die Abendsonne bitten möchte, einfach anzuhalten über dem Fluss. Der üppige Blumenstrauß, der nach Kamille hätte duften dürfen, steht zwischen uns. Spätsommerliche Wärme, kein Grau. Gleich dahinter die sogenannte Kant-Insel mit dem Dom. In der Dunkelheit, später, gehen wir daran vorbei, auch an den umzäunten Ausgrabungen mit Resten vom Schloss.

Vor zwei Monaten hatte man diese Fläche für das Public Viewing zur Weltmeisterschaft gebraucht. Die zunächst geplante Glasabdeckung wäre schön gewesen, aber man entschied sich, die Kellerruinen für die paar Wochen  zuzuschütten und zu planieren. Die Fans werden sowieso nur Augen für die Leinwand gehabt haben.
Es soll eine Sache von wenigen Tagen gewesen sein, die Trümmer wieder auszugraben. Das Gras auf den ruinösen Mauern hat sich bereits erholt.