KALININGRADER NOTIZEN – Die Konduktorinnen

Schwarzfahren geht hier nicht. In jedem Bus gibt es eine Assistentin, die vor allem eines haben muss: ein rasant funktionierendes Personengedächtnis. Erst wenn die Türen geschlossen sind, kommt sie auf die neuen Passagiere zu, kassiert, schüttet das Wechselgeld in die offene Hand und fingert an der Ticketrolle, um einen Fahrschein abzureißen. Bis zur nächsten Haltestelle muss sie einmal durch sein, denn dann ändert sich das Bild. Selbst im Berufsverkehr entkommt ihr niemand.

20 Rubel sind umgerechnet etwa 24 Cent.

KALININGRADER NOTIZEN – Die Homelins

Seit Anfang Juni erst sitzt er – sichtbar – auf der Bernsteinbrücke und lässt sich von den Kaliningradern Glanz auf die Glatze streicheln. Es ist der Großvater der Familie Homelin, ein alter Meister in der Bernsteinwerkstatt der Zwerge.
Das Großmütterlein wird seinen Platz in der Nähe des Dohnaturms finden. Und dann sollen noch fünf Homelins folgen, verteilt in der Stadt. Es sind Hausgeister, die hier schon seit Jahrhunderten – unsichtbar – ihr magisches Werk am Bernstein leisten. Nach und nach werden sie sich jetzt den Menschen zeigen.
Sie haben sich noch nie für Politik interessiert, und das wird wohl auch so bleiben.

KALININGRADER NOTIZEN – Noch Appetit auf frischen Fisch?

Mindestens eine der XXL-Flaschen hat ein richtiger Angler immer dabei!
Irgendwie schafft es auch jeder Fisch durch die schmale Öffnung.
Lebend? Wahrscheinlich. Habe ich doch eine Flasche auch schwanken sehen – wegen Überfüllung und einer kleinen Unwucht, die durch einen Knick entstanden war.
Ehe die Flaschen platzen, werden sie nach Hause getragen. Und an fangfaulen Tagen lädt der Kiosk ein.

 

KALININGRADER NOTIZEN – Noch ein Alexander.

Alexander schreibt für die „Komsomolskaja Prawda“. Von drei Fragen war zunächst die Rede, ich rechnete mit dem Woher, Warum und Wohin. Das Licht stand noch günstig, also zuerst das Foto – mit der berühmten Ruine vom Haus der Räte im Hintergrund. Okay. Dann spürte ich, wie gut er vorbereitet war: Ob alle Orte aus meinem NotizBlog auch im Roman vorkämen? (Nein.) Welche denn genau? Und was das denn überhaupt für eine Geschichte wäre? Und welches Kaliningrad ich darstellen möchte?
Er wollte das Tuch lüften, das auf dem Unveröffentlichten so lange liegen bleiben darf, bis es fertig ist.
Also – was könnte bis jetzt überhaupt von Interesse sein?
Dass ich bei meinen Königsberg-Recherchen recht schnell die Kaliningrader ins Herz schließe und dass ich endlich einmal vier Wochen am Stück Zeit zum Schreiben habe – dank eines Aufenthaltsstipendiums im Austauschprogramm des Künstlerhauses LUKAS in Ahrenshoop. Und dass ich glücklich bin, gerade jetzt hier zu sein …

KALININGRADER NOTIZEN – Ein Bibliotheksbesuch

Die Tschechow-Bibliothek, lichtdurchflutet, modern und anheimelnd, hat beinahe Clubcharakter. Deutlich sichtbar: Die Leute kommen gern.

Als ich vor dem Regal mit der deutschsprachigen Ostpreußen-Literatur stehe, spüre ich hier erstmals eine tickende Uhr.
Manche der in den Büchern veröffentlichten Dokumente sind mir schon bekannt, andere deuten die Existenz von Nischen an, die zu erkunden interessant sein könnte. Und ich weiß, dass sich diese Erkenntnis stets erneuert. Also suche ich mir einen gemütlichen Leseplatz …
Wieder einmal zeigt sich, wie schwer es ist, eine selbstbewusste Balance zu halten zwischen Recherche und Schreibtrieb.

KALININGRADER NOTIZEN – Pionersk

Wer in der Kindheit einige Zeit damit verbracht hat, seinen Pionierknoten zu perfektionieren, stutzt vielleicht.

Denn der Ortsname klingt nach Disziplin, Unterordnung und nach einem Zaun.
Doch, irgendwie schon!
Aber das ehemalige Fischerdorf liegt an der Ostsee, also fahre ich hin.
Appell. Die Schirme sind angetreten.

Und hier ist schon der Zaun.
Das Gästehaus des russischen Präsidenten ist gut bewacht.

Ein anderer Thron mit Ausblick steht an der Steilküste – dort, wo abgerissen und schon wieder neu gebaut wird.

Der Rammhammer übertönt alle Wellengeräusche –
immer bereit.

KALININGRADER NOTIZEN – Russischer Aberglaube

Steht ein Alexander zwischen einer Kathrin und einer Katrin.
Als er das bemerkt, sagt er, dass er sich jetzt etwas wünschen dürfe!

Falls sein Wunsch ein kurzfristiger sein sollte, könnte ich sogar noch erfahren, ob er sich erfüllt hat – und ob das h dabei eine Rolle spielte.
Kathrin und ich sind uns einig: In Russland gibt es so viele Alexander, das sollten sich die Menschen zunutze machen!

KALININGRADER NOTIZEN – Dokfilmtage. Begegnungen

Nach der Eröffnung der deutsch-russischen Dokumentarfilmtage – am Donnerstag im Dom – treffen sich die geladenen Gäste hinter der großen Leinwand.

Vor den Epitaphen ist ein köstliches Bufett aufgebaut. Filmemacher, Kulturprominente, Museumsdirektorinnen sowie Vertreterinnen von DAAD und Goethe-Institut finden zueinander oder finden einander wieder. Na, und zwei Stipendiatinnen sind auch dabei.

So lerne ich Anschelika Schpiljowa kennen, die junge Museumsdirektorin aus Sowjetsk, früher Tilsit. Z. deutet an, dass sie in letzter Zeit Dramatisches überstanden habe. Weil sie in einer Johannes-Bobrowski-Ausstellung zum 100. Geburtstag des Schriftstellers zwei Fotos gezeigt hat, die ihn in einer gewissen Uniform zeigten, sei sie vor einem Jahr wegen „faschistischer Propaganda“ entlassen worden. Das Museum sollte gar geschlossen werden. Sie habe gekämpft, erzählt sie selbst und lächelt bescheiden. Letztendlich sei sie, auch durch die Hilfe des SPIEGELs, wieder im Amt.

http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/152163746