Vom Heimkommen. Der Weg 2018

Im Flugzeug soll es ein Fensterplatz sein, damit ich die Frische Nehrung sehe, an der ich vor Jahren mit der Fähre vorbeigefahren bin. Da gab es noch keine Romanfigur, die ich über das Haff schicken musste.
Die Sonne hatte ihren großen Aufgang noch nicht, aber die absurd schmale Landzunge liegt sichtbar unter uns.
Am Ufer von Pillau soll im Februar 1945 ein Posten gestanden haben, der auf den Abstand zwischen den Fuhrwerken achtete. Irgendwann wird er machtlos gewesen sein. Ich muss das Roman-Fahrzeug so durch diese Hölle schicken, dass es hier noch keinen Schaden nimmt.
Fast zu schnell sind wir in Berlin. Und es sind nur wenige Schritte, die ich überhaupt zu Fuß gehen muss. Der Zug nach Hause ist pünktlich.
Irgendwann werde ich auch wieder ganz angekommen sein.

KALININGRADER NOTIZEN – time is over – конец

Die vier Wochen waren zu kurz.
Ich habe sie genossen und erst spät gemerkt, dass da ja auch eine Uhr tickte.

Die KALININGRADER NOTIZEN klappen nun einfach zu.
Und siehe da: Die Uhr tickt weiter.
Übrigens auch der NotizBlog – im gemütlichen Zehn-Tage-Rhythmus,
jeweils am 6., 16. und 26. eines Monats.

до свидания!  Goodbye!  Bis bald …

KALININGRADER NOTIZEN – speak dating

Nicht speed dating.
Ich bin zu Gast in Kathrins Deutschkurs bei den Fortgeschrittenen in der Uliza Bramsa. Die Bänke sind dunkelbraun, schmaler als ich es kenne und an drei Seiten verschlossen wie ein Schränkchen, so dass man die Beine nicht ausstrecken kann. Einen Spalt breit bleibt die Tür offen, sie schließt nun mal nicht richtig.
Es geht um das Für und Wider sozialer Netzwerke.
Lea neben mir, eine strahlende Schönheit, sieht aus wie unter zwanzig, aber sie studiert im 12. Semester Medizin, möchte Gynäkologin werden und spricht ein engagiertes Deutsch. Vladimir, so alt wie ich, hat vier Kinder und ist weder bei Facebook noch sonstwo, aber in der Familie sei das natürlich ein Thema.
Es zieht durch die geschlossenen Fenster, auch Kathrin in ihrer dünnen Bluse streift jetzt ein bedrucktes Sweatshirt über. Mein Tuch wollte ich eigentlich in den Anorak-Ärmel stecken, weil es nicht zum Pulli passt. Jetzt bin ich froh, dass ich es überhaupt umgebunden habe. Jedes der Mädchen ist farblich abgestimmt gekleidet.
Ich komme beim thematischen speak dating mit fast allen ins Gespräch und staune, dass plötzlich 145 Unterrichtsminuten (ohne Pause!) vergangen sind.

KALININGRADER NOTIZEN – Swetlogorsk (Rauschen)

Der bildhafte Ausdruck vom Rauschen in Rauschen ist arg untertrieben. So hohe Wellen habe ich noch nie erlebt.
Bei einer Sturmflut (2012) hat der berühmte Badeort seinen legendären Strand hergeben müssen.

Der Wasserturm mit seinen Nebengebäuden ist jetzt ein Sanatorium für Militärangehörige. Hoch darf dort niemand mehr. Ich habe in die Einrichtung kurz hineingeschaut. Wie lange mag dort aber noch jemand hinausschauen können?

KALININGRADER NOTIZEN – Ein Buchstabenrätsel

Der Botanische Garten im Maraunenviertel wirkt schon etwas herbststruppig. Doch alles, was gerade blüht, rafft sich nochmal auf und leuchtet in der Nachmittagssonne. Art und Gattung sind nachlesbar auf kleinen Schildchen, die an die Zweige gebunden sind.

Vor hundert Jahren war dies die Stadtgärtnerei, und der Chef hieß offensichtlich Kaeber
(+ 25.03.1919). Tastend versuche ich, die abgeschliffenen Buchstaben vor dem Wort DIREKTOR zu erahnen. Was sollte hier denn verborgen bleiben? Irgendwann wird das Bild klarer:  Es handelt sich um ein G, ein A, eindeutig ein R, wahrscheinlich ein T, ein E und folglich ein N …

KALININGRADER NOTIZEN – Die Konduktorinnen

Schwarzfahren geht hier nicht. In jedem Bus gibt es eine Assistentin, die vor allem eines haben muss: ein rasant funktionierendes Personengedächtnis. Erst wenn die Türen geschlossen sind, kommt sie auf die neuen Passagiere zu, kassiert, schüttet das Wechselgeld in die offene Hand und fingert an der Ticketrolle, um einen Fahrschein abzureißen. Bis zur nächsten Haltestelle muss sie einmal durch sein, denn dann ändert sich das Bild. Selbst im Berufsverkehr entkommt ihr niemand.

20 Rubel sind umgerechnet etwa 24 Cent.

KALININGRADER NOTIZEN – Die Homelins

Seit Anfang Juni erst sitzt er – sichtbar – auf der Bernsteinbrücke und lässt sich von den Kaliningradern Glanz auf die Glatze streicheln. Es ist der Großvater der Familie Homelin, ein alter Meister in der Bernsteinwerkstatt der Zwerge.
Das Großmütterlein wird seinen Platz in der Nähe des Dohnaturms finden. Und dann sollen noch fünf Homelins folgen, verteilt in der Stadt. Es sind Hausgeister, die hier schon seit Jahrhunderten – unsichtbar – ihr magisches Werk am Bernstein leisten. Nach und nach werden sie sich jetzt den Menschen zeigen.
Sie haben sich noch nie für Politik interessiert, und das wird wohl auch so bleiben.

KALININGRADER NOTIZEN – Noch Appetit auf frischen Fisch?

Mindestens eine der XXL-Flaschen hat ein richtiger Angler immer dabei!
Irgendwie schafft es auch jeder Fisch durch die schmale Öffnung.
Lebend? Wahrscheinlich. Habe ich doch eine Flasche auch schwanken sehen – wegen Überfüllung und einer kleinen Unwucht, die durch einen Knick entstanden war.
Ehe die Flaschen platzen, werden sie nach Hause getragen. Und an fangfaulen Tagen lädt der Kiosk ein.

 

KALININGRADER NOTIZEN – Noch ein Alexander.

Alexander schreibt für die „Komsomolskaja Prawda“. Von drei Fragen war zunächst die Rede, ich rechnete mit dem Woher, Warum und Wohin. Das Licht stand noch günstig, also zuerst das Foto – mit der berühmten Ruine vom Haus der Räte im Hintergrund. Okay. Dann spürte ich, wie gut er vorbereitet war: Ob alle Orte aus meinem NotizBlog auch im Roman vorkämen? (Nein.) Welche denn genau? Und was das denn überhaupt für eine Geschichte wäre? Und welches Kaliningrad ich darstellen möchte?
Er wollte das Tuch lüften, das auf dem Unveröffentlichten so lange liegen bleiben darf, bis es fertig ist.
Also – was könnte bis jetzt überhaupt von Interesse sein?
Dass ich bei meinen Königsberg-Recherchen recht schnell die Kaliningrader ins Herz schließe und dass ich endlich einmal vier Wochen am Stück Zeit zum Schreiben habe – dank eines Aufenthaltsstipendiums im Austauschprogramm des Künstlerhauses LUKAS in Ahrenshoop. Und dass ich glücklich bin, gerade jetzt hier zu sein …