Ich war schon mit den Füßen drin …

… was wahrlich keine Kunst ist bei diesen Temperaturen. Es fühlt sich fast schon wie Sommer an, wie immer an warmen Apriltagen. Und wieder ist da der Wunsch, keinen Moment dieser Übergänge zu verpassen.
In der Nische am Strand liegend sind alle Sinne hellwach. Kleine Sandklumpen lösen sich von den Füßen. Je weiter die Zehen sich eingraben, umso kälter wird es.
Dieses Zwitschern – nicht weit, im Wald! So viel chorischen Gesang hab ich hier noch nie gehört. Dazu das Anrollen der Wellen. Jede behauptet sich selbst. Für einen Moment nur.
Nein, Stille gibt es nicht, obwohl die Menschen fehlen.
Aber dort kommen zwei Kinder! Hinter der übernächsten Buhnenreihe sind sie schon. Zwei kleine Mädchen.
Noch sind sie nicht zu hören. Vielleicht aber bald, wenn ich die Augen schließe.
Ich warte …
„Meiner hat sieben.“
„Sieben gibt’s aber nicht.“
„Na, guck doch!“
„Jetzt fliegt er weg.“
Ob es wieder viele Marienkäfer gibt im Sommer? Vielleicht ist dies schon ein Zeichen.
Motorengeknatter nähert sich plötzlich. Ein Traktor mit einer Hubschaufel rollt über den Strandzugang, humpert zum Wasser, dreht eine Runde zwischen den Buhnen, greift in den dicken Tang-Teppich und tuckert mit voller Ladung zurück. Minuten später nimmt er die zweite große Schippe. Am Strand mehren sich die Reifenspuren.
Große Reinigung. Irgendwann wird es nämlich doch wieder Urlauber hier geben. Und Ballspiele, Strandzelt-Gelächter, Kühlboxen und Mütter, die ihre Kinder eincremen. Ein ganz normaler Sommer eben. Oder Spätsommer.

 

Ostern 2020

Was macht man nun mit all den Eiern,
wenn gar verboten ist das Feiern?
Lass sich niemand irreführen,
wie war das mit den Kühlschranktüren
und dem allen wohlbekannten
riesengroßen Elefanten?
Auf und rein und zugemacht!
Die Leute geben selber Acht,
nicht nur auf materielles Gut,
das Warten haben sie im Blut.
Auf dass der Kelch zieht bald vorbei,
dann sind sie letzlich wieder frei …

(Doch alle Welt – weiß Gott! – betrauert,
dass dies noch Ewigkeiten dauert).

Seid umschlungen …

… Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt!
Unsere Straße ist hundert Jahre alt, hinter den Reihenhäusern stoßen die Terrassen an Efeu-bewachsene halbhohe Mauern. Die schaffen Abgrenzung und sind dennoch kein Hindernis, wenn man miteinander kann und will.
Jetzt wollen wir. Musizieren! Singen! Gemeinsam mit Anderen, die davon wissen.
Dem achtzigjährigen Hobbygeiger im übernächsten Haus ist das Wort flashmob neu, aber für die Ode „An die Freude“ braucht er keine Noten. Die Sängerin nebenan lächelt zu ihm hinauf, da er bereits fertig am Fenster steht.
Auf der anderen Seite trommeln die Kinder schon vor der Zeit auf ihren Blumentöpfen und noch ein Haus weiter wird eine Flöte gestimmt.
Schon diese Momente kriechen unter den Anorak und landen kribbelnd auf der Haut. Mein Schal ist zu dick, doch die Geige findet ihren Platz. Es wird Zeit.
Achtzehn Uhr.
Freude. Schöner. Götterfunken. Oben am Fenster ist vom Klavier ein wenig zu hören. Gesang und Geige sind sich nahe. Die Blumentopf-Trommler gewittern gehörig und hinter dem übernächsten Efeu linkerhand gibt die muntere Flöte alles.
Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein …
Wie denkwürdig, dass ausgerechnet eine Krise uns diese innigen Minuten beschert hat.

REGEN + grün. Eine Frühlingsgeschichte aus anderen Zeiten*

Das Fahrrad hatte im Regen gestanden, und ich nehme das klatschnasse grüne Sattelmützchen mit ins Restaurant. Hier spricht, wer kann, am besten italienisch. Es schmeckt vorzüglich.
Das Sattelmützchen trocknet allmählich auf den Garderobenhaken.
Es wird beim Abschied vergessen und später sehr vermisst.
Am Tag darauf, wieder dort, hängt es nicht mehr am Haken und liegt auch nicht auf dem Boden. Also frage ich die Männer am Tresen nach dem verschwundenen Sattelmützchen.
Wie sagt man sonst dazu? Oder besser: Wie nennt man es in Italien?
Regen und grün – das versteht der drahtige Kellner und verschwindet im Hinterzimmer bei den Fundstücken.
Er scheint zu suchen.
Es dauert.
Er kommt wieder.
Und er trägt ihn wie eine Trophäe: Einen knallgrünen Regenschirm.
Na sowas. Fast richtig!

*… die erst zwei Wochen her sind

Stopp-Tanz

Früher, beim Kinderfasching, rockten wir den Partykeller der Schule. Die selbstgebastelte Diskokugel warf zitternde Lichtflecken um sich. Prinzessin und Cowboy, Schornsteinfeger und Rotkäppchen tanzten und starrten dabei auf die Hand des Discjockeys.
Stopp-Tanz war angesagt. Man musste schon vorab erahnen, wann der Regler runtergezogen würde. Wer dann nicht verharrte, schied aus.
Ich habe die Füße kaum vom Boden gelöst. Im Ernstfall stand es sich besser auf beiden Beinen.
Stopp!
Dem Schornsteinfeger rutschte der Zylinder. Raus!
Rotkäppchen kippelte auf dem linken Bein. Raus!
Der Diskjockey ließ sich von den anderen auf der Club-Couch bei der Auslese helfen.
Stille. Wir waren nur noch wenige, die in ihrer letzten Haltung verharrten. Ein paar Momente. Und eigentlich nur, um im Spiel zu bleiben. Mit irrem Herzklopfen.

Es wurde Stopp gesagt. Runtergeregelt. Verharren wir also.
Bald geht der Tanz wieder weiter.

Fingerfertigkeiten

Mit sieben Jahren schon haben Mirko und sein Kumpel Holz gehackt, damals, in den siebziger Jahren. Mirko legte die klobigen Kaventsmänner auf den Klotz, der Kumpel schlug die Axt in das Holz, und Mirko sammelte die Scheite zusammen.
Die Lust ließ irgendwann etwas nach, die Aufmerksamkeit auch.

Hundert Mal war ich in seinem Laden, aber ich bemerke jetzt erst, dass Mirko ein Finger fehlt.
„Ich kaschier‘ das immer ein bisschen“, sagt er und macht mit der Rechten eine lockere Faust, das genügt schon.
Außer mir sind gerade keine Kunden da. Also streckt er die Finger wieder. Welch eine riesige Hand! Aber statt eines Zeigefingers ist da ein kurzer Rest.
Im Krankenwagen noch habe Mirko seine Mutter getröstet. Erst als der Arzt ihm nach der Operation eingestand, dass die beiden betroffenen Finger-Glieder nicht mehr zu gebrauchen waren, packte ihn das Entsetzen.
Es war schlimm. Das ist es manchmal immer noch. Aber nur beim Handschlag.
Beim Wieder-Schreiben-Lernen gab er sich mehr Mühe als zuvor und beeindruckte die Lehrerin. Ein bisschen wurde er zum Helden.
Seine Mutter holte später einmal ein altes Foto hervor, auf dem Mirko – noch unversehrt – ein Glas Milch in der Rechten hält, und der Zeigefinger steht anscheinend nutzlos ab. „Als hätte der das schon geahnt, mein Junge.“
Mirko geht durch seinen Laden und lacht. Er braucht seine Hände. Und so wie sie sind, ist es gut.
Die zauberhaften Schalen, die er an seiner Töpferscheibe dreht, finden immer reißenden Absatz.

Müll-Schätze

Zwei Flaschendeckel, rot und blau,
einen Becher für Kakao,
verkohltes Holz – ein ganzer Ast,
Kippen, wohl ein Dutzend fast,
den Schnuller, den im weichen Sand
ein Kind einst nicht mehr wiederfand,
auch einen Picknick-Löffelstiel
und manches andere Utensil
hat jemand hier am Strand gesammelt,
das meiste war schon sehr vergammelt.
Finder oder Finderin
bewies Humor und Hintersinn,
hatte er/sie doch vor Stunden
ein rostrot Kistlein auch gefunden.
Da sollte alles rasch hinein,
drumrum vom Klappstuhl das Gebein,
das hier wohl wegen der Defekte
seit Wochen in den Büschen steckte.
Das Gleichnis wimmelt von Bezügen,
das mag dem Sehenden genügen.

ksh

Der Halt

In der Engen Gasse war eine Clematis an eine Hauswand gepflanzt worden. Zwei Sommer ist das bestimmt schon her. Als Rankhilfe sollten feine Stahlseile dienen, die – so hoch die Leiter reichte – den Weg nach oben wiesen, dann an einer verchromten Schraubhalterung abknickten und über die Gasse führten. Wie optimistisch!, hatte ich gedacht. Aber wenn die Pflanze es erst in Schaufensterhöhe geschafft haben würde, könnte sie sich auf diesem Weg auch weiter festkrallen. Abwarten.

Das Pflänzchen hat sich ins Zeug gelegt, jeden Haken an der Wand mit Umschlingungen begrüßt, die große Kurve genommen und bei der Gassenquerung sogar ein paar Verzweigungen entstehen lassen. Längst ist einer der Triebe am Haus gegenüber angekommen.
Dort fand er keinen Halt!
So schnell setzt auch niemand eine Bohrmaschine am alten Fachwerk an!
Doch es gab eine Lösung:

Bald also könnte die Clematis zum blühenden Gassen-Tor werden.

Der Schriftputzer

Meine Großmutter konnte Schönschrift. Nach ’45 entdeckte sie eine Marktlücke, schrieb – wie gedruckt – Erbauliches auf harte Pappen und klebte Schlaufen auf die Rückseite. So brachte sie sich und die beiden Kleinen durch.
Maschineschreiben konnte sie auch. Für’s Kontor und für die Leute, wenn jemand mal was getippt haben wollte.
Als ich endlich an ihre Schreibmaschine durfte, hat sie gesagt: „Besser gleich mit zehn Fingern!“ Irgendwann ging es. Ihre „Erika“ schrieb immer sauber, es gab keine verrutschten oder schmutzverklebten Buchstaben. Das war eben so bei meiner Großmutter.

Jetzt weiß ich auch, warum! Die Reinigungsknetmasse „Schriftputzer“ für siebzig Pfennige lag noch bei ihren Sachen. Langsam wird das rotbraune Stück warm in meiner Hand. Wie man es richtig auf die Typen legt, um diese vom Farbschmutz zu befreien, steht in der Beschreibung. Der geknitterte Zettel, der seit Jahrzehnten um die Knete gewickelt war, fühlt sich inzwischen wie Ölpapier an.

Ich habe heute wieder etwas von meiner Großmutter gelernt, fast vierzig Jahre nach ihrem Tod.