März. Am Strand

Die anfangs forsche Wellenzunge
dreht gemächlich Stein für Stein,
im straffen Sog kriecht sie zurück,
ich sink mit beiden Füßen ein.

Der Sand hat mich bald festgezurrt,
fersentief, als wär’s August,
zwei kühne Male freigespült,
lauf ich los – (in wilder Lust?).

Ach was, es ist noch viel zu kalt!
Wann wird ein klammer Strandfuß trocken?
Frühlingspathos liegt mir nicht,
ich bin ein Freund gestrickter Socken.

ksh

Der Heiratsantrag

Vor neunzig Jahren fuhr Heinz von Berlin nach Mecklenburg. Er wollte Betty, seiner Liebsten, endlich auf Knien einen Antrag machen und bei ihren Eltern den bestmöglichen Eindruck hinterlassen. Trotz seines Heuschnupfens.
Die Freundinnen aus dem Dorf gurrten und giggelten um ihn herum. Dass Betty so einen am Haken hatte. Einen Beamten gar!
Œwer – ´n lütt bäten Platt mößt hei nu ok snacken!
Sie neckten ihn, weil er sie nicht verstand. Un so ´n schieren Kierl!
Betty hakte Heinz und de Dierns unter und los ging’s durch das ganze Dorf.
Auf dem Weg zum See fühlte Heinz einen Niesanfall nahen. Er zog seine Hand hervor und versuchte, die Mädchen mit seinem ersten plattdeutschen Satz zu beeindrucken:
„Mi juckt de Noors!“
Sie kreischten. Betty gab ihm einen Klaps auf den Hinnersten. „Dat is de Noors. Wat du woll meenst, dat is de Näs, mien Heinzing!“

Beim Kardiologen. Ein Schiebetür-Geheimnis

Das Untersuchungszimmer ist fensterlos.
Die wechselnden Nordsee-Fotos auf dem Monitor hellen den schmalen Raum ein wenig auf, aber Heinrich hat die Serie bereits hundert Mal gesehen.
Dass er mit 40 schon hierher muss, findet er unangemessen früh.
Seit einer halben Stunde fallen ihm auf der Liege immer wieder die Augen zu. Die Schiebetür zum Nachbarraum ist einen Spalt breit geöffnet.
Nebenan treten zwei Frauen vom Personal ein. Unterdrücktes Kichern und das Rascheln von Zellstoff lassen Heinrich hellwach werden. Endlich ist etwas los hier – zumindest in Hörweite.
„Brauchst nur den Reißverschluss ein bisschen aufmachen, das reicht.“
„Du schmierst mich voll!“
„Natürlich. Wir wollen doch was sehen!“
Stille. Geradezu prickelndes Schweigen. Heinrich hebt den Kopf, damit ihm nichts entgeht.
„Guck mal, das sind zwei!“
„Quatsch!“
„Echt jetzt.“
„Du hast ja keine Ahnung.“
Heinrich bedauert, dass die Schiebetür mit einem Ruck geschlossen wird.
Wenig später kommt eine der Ärztinnen durch genau diese Tür und wendet sich Heinrich zu.
„Sie haben lange gewartet.“
Er hebt kurz die Schultern an, räuspert sich und bemerkt feine Knitter in ihrem Kittelstoff. Dann ist sie es also. Wirklich mit ZWEIEN? Das hätte er gern gewusst.

Eine, die aufpasst

Die Frau, die mir in der Straßenbahn gegenübersitzt, hat graue Struppelhaare mit orange-gelben Spitzen und erinnert an einen Igel. Als die Bahn anfährt, presst sie ihre Einkaufstasche an sich und verdeckt die mit Schwung gemalten Buchstaben Citybag.  „Da muss man ja aufpassen“, lacht sie, sucht bestätigende Blicke und nickt vor sich hin. Dann stellt sie die Tasche zwischen die Beine auf den Boden. So hat sie ihre Hände frei, wofür auch immer.
„Samstags ist es ja auszuhalten“, sagt sie ins Blaue hinein.
Niemand fragt, was sie meint.
„Keine Schulranzen in der Bahn“, antwortet sie trotzdem.
Stimmt. Mit dieser Linie bin ich damals schon zur Schule gefahren, und wir standen immer zu viert oder fünft, übrigens auch samstags. Aber da gab es die neue Haltestelle noch nicht, die meinen Weg zur Straßenbahn halbiert hätte.
Ich stehe auf.
Der mächtige Igel stürzt auf mich zu und hält mir beide Hände entgegen. „Die Kurve!“
Ich plumpse brav auf den geformten Sitz zurück und wage erst mich wieder zu erheben, als die Bahn schon bremst.
„Sehen Sie! Ich weiß das nämlich.“
Befriedigt streicht sie über ihre Stacheln.

Ein Wintergedicht aus K.

Wie weiße Blüten vom alten Holunder
schneit es Kristalle – ein Eiswinterwunder.
Im Himmel geformt, ganz ungestört,
wie es im Paradies sich gehört,
scheinen die Gärten üppig zu blühen,
derweil auf den Straßen die Männer sich mühen,
sie hacken und schaufeln, sie schwitzen und fegen,
ICH halte den Flocken die Nase entgegen.

Gennadi Rodin, übersetzt von Pavel Z., nachgedichtet von ksh

Vitalij Rodin, der Sohn des Kaliningrader Seemanns Gennadi Rodin, fand im väterlichen Nachlass überraschenderweise romantische Gedichte und vertonte sie. Seine Band Dirizhabl hat dieses Gedicht in einem Konzert spontan aufgeführt – der schönste Moment des Abends, wie Pavel Z. sich erinnert.

 

Klingelzeichen

In unserer alten Dorfschule durften wir Kinder das Lehrerzimmer nicht betreten. Wenn es doch drängte, dort an die Tür zu klopfen, hatten wir vor der Schwelle stehenzubleiben. Denn dieses von kaltem Rauch durchzogene Zimmer mit richtigen Gardinen an den Fenstern war das Refugium des Lehrpersonals.
Das Wort Konferenz werde ich immer mit den abgewetzten ocker-gelben Sitzpolstern der hier aufgereihten Stühle verbinden. Hier wurde über Schülerschicksale entschieden. Und hier war die Schulklingel, ein Schalter, der direkt neben dem für die Deckenlampe angebracht war.
Wenn mitten im Unterricht ein krächzendes Kurzklingeln ertönte, hatte ein Lehrer beim Lichtanknipsen nicht hingeguckt.
Die Schulsekretärin kümmerte sich um die richtigen Klingelzeichen. Sie ertönten exakt auf die Minute und in immer derselben Länge. Manchmal verstolperte sich das Signal, gerade zum Ende der Hofpause. Dann hatte ein Schüler als kleine Belohnung drücken dürfen.
Einmal in meinen drei Jahren an dieser Schule durfte auch ich. Mein Herz raste. Ich musste den Arm noch strecken, um mit dem Zeigefinger in die Höhe der beiden Schalter zu gelangen. Und dann drückte ich, bis die Fingerkuppe ganz weiß wurde. In der Unterstufe rannten die Kinder noch, wenn es klingelte. Ich sah es durch die Gardinen. Was für ein Zeichen.
„Reicht jetzt!“, murmelte die Sekretärin.

Geräusche, nachts

Als wenn auf den Dachpfannen gekegelt würde.
Oder eine Mülltonne durch den Garten gerollt.
Ratterdi-ratterdi-ratterdi.
Das Herzklopfen hört sich schon genauso an.
Da ist doch jemand!
Stille – – –
beim Blick über die Reihenhaus-Höfe.
Ganz hinten hängt eine rot leuchtende Lichterkette
an der Hecke durch. Warum jetzt noch?

Schaumwaffelweiche Bettschwere.
Ratterdi-ratterdi-ratterdi.
Marder?
Die klingen doch nicht wie Mülltonnenräder.
Dann ist es ja gut. Vielleicht.
Der Puls hat sich schon beruhigt.

Gute Vorsätze

Der Stehtisch kippelt ein wenig. Sie sind zu dritt und wärmen ihre Hände an Punschtassen: ER, SIE und ES.

ER: „Ich möchte gern mal was zu Ende bringen. Richtig fertig machen. Die ganze Bude aufräumen oder so. Aber dann denke ich immer: Machste morgen. Und dann wieder: Machste morgen.“

SIE schiebt mit der Stiefelspitze ein mehrfach geknifftes Stück Papier unter einen der vier Tisch-Füße und legt dann die Hand auf die Platte. Besser. „Ich möchte mich immer selbst überholen. Wenn ich etwas geschafft habe, beginne ich nicht mit dem Nächsten, sondern schiebe schnell noch etwas dazwischen.“
ES, oder besser: das Muttertier, trinkt aus und stellt fest, dass SIE für sie beide gesprochen hat. „Mir fällt es schwer, mich zu entspannen, weil ich immer denke, das ist noch gar nicht dran.“

SIE:
„Dann tu’s doch jetzt … “
ER schmunzelt.

Ein Königreich für einen Hühnerstall

Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens zählt gnadenlos auf, was man zu gewissen Anlässen dringend bzw. auf gar keinen Fall tun sollte. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist besonders schicksalsträchtig.
(Bin ich etwa abergläubisch? War ich einst immerhin mutig genug, eine schwarze Katze ins Haus zu lassen …)
Nun wird offenbar, welche Kette von Unglücken mir schon hätte widerfahren können, nur weil ich zwischen Weihnachten und Neujahr das Notwendigste an Wäsche gereinigt und gar die Stube durchgesaugt habe. Das ist seit Jahrzehnten gutgegangen, vielleicht aber auch nur haarscharf. Wer weiß das schon?
Man könnte – andersherum – dem Schicksal ein wenig auf die Sprünge helfen. Folgendes soll jedoch wirklich nur an diesen Tagen gelten: Wem es gelingt, dreimal unbemerkt in den Hühnerstall hinein- und herauszukommen, dem ist ein glückliches Jahr bestimmt.
Ganz einfach. Also, bitteschön!

Benedictus

Der Wind bläst in die Fock, der Mastbaum schwingt rüber und neigt Gustavs Boot Benedictus ein wenig. Fließend nimmt es Fahrt auf und bremst auf wundersame Weise ab, als es die schwankende Reihe der anderen erreicht, die auf das Signal warten.
„Noch eine halbe Minute bis zum Start!“
Regattawetter.
„Noch fünfzehn Sekunden! Noch zehn! Neun! Acht! …“
Das Hupen ist über den ganzen See zu hören.
Die Bootskörper setzen sich in Bewegung, einer driftet gleich zur Seite und plant die Boje im großen Bogen zu nehmen.  Benedictus prescht ab durch die Mitte, Gustav rollen die Schweißperlen.
„Zieh durch! Die anderen müssen ausweichen!“, feuert sein Kumpel ihn an.
Das Joypad wie eine Brottasche vor dem Bauch, versucht Gustav Segel und Ruder so fernzusteuern, dass Benedictus den kürzesten Weg und die beste Zeit einfährt. Die Konkurrenz neben ihm kringelt, kreuzt, kraftmeiert.  Alles gestandene Männer.
Als die Hupe drei Mal über den See trompetet, ist das Rennen beendet und auch der Letzte durchs Ziel gekommen. Er hat sich gequält, konnte nicht schneller, denn bei ihm hängt Schlick am Ruder! Sein Lachen klingt bemüht.
Wenn früher im Jungs-Kinderzimmer die H0-Lok aus den Schienen sprang, war’s ja auch doof.