Katzenjammer

Im Wartezimmer der Tierklinik sitzt ein Mann ohne Anhang. Kein Katzenkorb, keine Hundeleine.
Was hat er nur?
Unser Kater tobt durch seinen Behälter, rollt sich dann in eine Ecke und drückt dabei schwarze Fellwülste durch die Sicht-Schlitze. Er hatte sich gegen diese Kiste gewehrt, als ginge es zum Schafott. Grollend und fauchend gibt er zu verstehen: Dieses Ding ist seiner nicht würdig!
Er kann die uralte Korbkiste mit eisenbeschlagener Deckelklappe nicht sehen, doch schweigt er kurz, als sie in gehörigem Abstand abgestellt wird. Der Besitzer zieht den Impfpass aus der Jackentasche.
„Miiiiiiiiieeeeez“, wimmert es in höchsten Tönen aus der Korbkiste.
„Rrrrrroooooaaaaahhh“, kommt es aus unserem Katzenbehälter. Drei Tage hat der Kater nichts gefressen, aber brüllen kann er immer noch wie ein Löwe.
Kein Mensch sagt etwas.
„Kkkkkkccccchhhhhhhh …“, faucht unser Tier.
Ich zucke zusammen. Es ist aber nur die Behandlungstür, die geöffnet wird.
Eine Angestellte ruft im Ton der Bällebad-Aufsicht: „Der Brutus möchte bitte ABGEHOLT werden.“
Da springt der Mann ohne Anhang auf und verschwindet durch jene Tür.
Wenig später trippelt Mops Brutus an kurzer Leine munter durchs Wartezimmer.
Der Kater versteht.
Es gibt ein Leben nach der Kiste.

Die Hürde

Es ist Zeit.
Er will mit dem Tagebuchschreiben beginnen.
Am besten sachlich: Was, wann, wo – Zahnarzt, Theaterbesuch, PKW-Durchsicht …
Doch erscheint ihm dies zu knochig. Einen Terminkalender führt er ja sowieso!
Also braucht seine Idee eine Form, eine handfeste am besten, damit die Gedanken kommen.
Ein Notizbuch, in Leder gebunden? Aber sicher. Dann macht das Schreiben Spaß!
Geschöpftes Papier wäre schön, Bütten also.
Das edle Fachgeschäft kannte er bisher nur von außen.
Einmal dort, gönnt er sich auch noch den Füllfederhalter, der so teuer ist wie das Jahresabo seiner Tageszeitung. Wenn schon, denn schon. Oder: Neues Jahr, neues Glück, neues Schreibwerkzeug.
Er bezahlt mit Karte.
Das Büchlein wird schonend in Seidenpapier gewickelt.

Zu Hause traut er sich nicht.
Was, wenn er sich nun verschriebe?
Dann wäre alles verdorben.

Im neuen Taschenkalender sind schon die nächsten Arzttermine notiert.
Er nimmt seinen Bleistift und schreibt für heute ein: Tagebuch gekauft.

Am Weihnachtsmorgen

Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will.
Deshalb schleicht die Mutter am frühen Weihnachtsmorgen wie eine Katze die alte Treppe hinab. Auch die vertraut knarrenden Stufen in der Kurve müssen diesmal schweigen.
Vor den Streifen des Morgenrots hebt sich die Silhouette des Weihnachtsbaums ab. Gestern stand er im vollen Licht, geschmückt mit den glitzernden Schätzen mehrerer Generationen. So wie früher, als das Kindlein noch klein war.
Jetzt studiert es in der Großstadt und kommt selten ins Haus.
Still, still, still, falls es ausschlafen will.
Als das Morgenrot weit über den Gärten in ein gelbes Glühen wechselt, öffnet sich hinter der Wiese die Pforte im Zaun. Das Kindlein! Es joggt locker über den Rasen, hat die große Runde um den See schon hinter sich und bringt frische Luft ins Weihnachtszimmer.
Die Zeiten haben sich geändert.

Im Licht der Vormittagssonne. Eine Begegnung

Im Seitenflügel einer Hamburger Kirche waren Figuren ausgestellt, Seelenvögel und Himmelswächterinnen. Eine Fotografin nutzte das günstige Licht der Vormittagssonne, schlich die Perspektiven ab und drückte immer wieder auf den Auslöser. Dass niemand ins Bild lief, stellte ihre couragierte Begleiterin sicher.
Die fragte ich, wo in der Kirche die Karten für das groß angekündigte Konzert verkauft würden.
Sie stutzte: „Das weiß ich nicht. Ich bin doch die Künstlerin!“
Gabriele von Lutzau.
Nein, ich kannte sie wirklich nicht und wünschte ihr viel Erfolg.
„Wieso? Den habe ich!“, sagte sie.
Noch besser, dachte ich und schaute ihr noch ein wenig zu.
Die Seelenvögel und Himmelswächterinnen stehen für die Opfer des Anschlags in Utøya. Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Über das Internet erwarb ich die Konzertkarten – und ein bisschen mehr Kenntnis über die Künstlerin. Wurde sie doch selbst oft ein Engel genannt. Der Engel von Mogadischu. Sie war jene Stewardess, die den Passagieren der entführten „Landshut“ filmreif beigestanden hatte.
Das Wort Erfolg war viel zu klein gedacht.

Von der Ewigkeit

Niederschlesien, 1944. Onkel Fritz war an einem Stromschlag gestorben. Die kleine Margarete hatte sein Kettenkarussell immer so geliebt. Tante Lisa, die gar keine richtige Tante war, aber egal, nahm sie gern mit an sein schönes Grab.
Die große Marmorplatte war mit einem Globus verziert, auf dem Margarete viele Orte eingraviert sah – für die Ewigkeit. Die Sechsjährige hatte einen Sinn für erhabene Momente, beobachtete die Witwe und nahm dann selbst ein Stöckchen, mit dem sie sanft auf die Platte klopfte. Laut rufen durfte sie nicht auf dem Friedhof, deshalb flüsterte sie: „Onkel Fritz, ich bin da, hörst du mich?“
Nicht allzu weit gab es für das Kind noch ein Grab: das vom Bruder Ernstel, der viel schwächer auf die Welt gekommen war als sein Zwilling Dieter.

Fünfzig Jahre später führte eine Busreise Margarete, Dieter und die Mutter nach Niederschlesien. Auf dem Friedhof fanden sie die Gräber von Ernstel und der Nonne, die der Mutter bei den Geburten geholfen hatte.
Margarete wollte noch zu Onkel Fritz und seinem Globus. Sie suchte und fand schließlich nur noch die überwucherte Gruft. Den Marmor mit dem Globus hatte sich jemand mitgenommen. Onkel Fritz war auch nicht mehr da.
Sie hatte immer gedacht, eine Ewigkeit währte viel länger.

Blaue Stunde

Blaue Stunde, sagt man, oder kurz davor.
Im Wald vor dem See fängt sich der letzte Streifen Licht in glühendem Herbstbraun. Ein dichter Blätterteppich bedeckt den Weg, der vor Tagen nur von Eicheln übersät war. Unter den Fahrradreifen knacken die wie Nüsse.
An einem der Baumstämme leuchtet ein Teelicht, geschützt im Glas. Kein Kreuz, keine Blume, kein Zettel.  Ein paar Radlängen weiter: wieder ein Licht! Dann noch eines. Vier, fünf, viel mehr noch. Wie aus einer anderen Wirklichkeit zeigt sich hinter der Gabelung ein ganzer Lichterpfad, aber keine Menschenseele. Das Ufer, ganz unten, liegt schon im Schatten.

Vielleicht wird nachher eine Schulklasse hier entlang wandern.
Aber jetzt noch ist es still.
Der Wind treibt mild vorbei.

Im November wird es Zeit, die Engel zu kleben. Für J.H.

Und zwar jedes Jahr aufs Neue, sagt der alte Maler.
Die Engel. Manchmal schleichen sie sich einfach auf ein Bild. Wie es ihnen nun mal in den Sinn kommt. Da hat der Künstler seinen Spaß.
In einer der Wolken, vom Wind getrieben, hatte ein Gast den Engel jedoch zuerst erkannt. Jetzt sieht der Maler ihn auch. Obwohl da nur eine Andeutung von gespannten Flügeln ist, viel feiner als jene Engel, die ihn vom Tisch und vom Fensterbrett aus beobachten, wenn er mühsam die Farbtuben ausdrückt.
Der hölzerne auf dem Tisch kippt manchmal von seinem Sockelbrettchen, da holt der Maler den Leim. Um den Gefilzten mit den gekreuzten Bändern auf der Brust braucht er sich nicht zu sorgen. Wenn aber der aus Ton wieder in seine acht Scherben zerfällt, wird er sich sehr mühen. Das Puzzle passt nur, wenn keine Klebewülste hervordrängen. Das ist Maßarbeit. Die Zeit läuft, es ist November. Und er braucht Engelsgeduld.

ZF. Zweifelsfreies Fiasko

Nein, sie möchte diesem Thomas ihre Handynummer nicht geben.
Es hat nicht gefunkt. Das ist nun mal so bei Ü50-Partys mit vielen Versicherungsvertretern auf Partnersuche.
Er steckt ihr trotzdem einen Zettel zu. Den hatte er wohl schon vorbereitet.
Sogar mit Mail-Adresse.
ZF… einpaarZiffern@sonstwas. Sie hatte am Anfang ein T (wie Thomas) erwartet.
ZF. Nun ist er also Zinnfigur, zeugungsfähig oder Zauber-Fakir. Aber dafür ist er eindeutig zu fett. Das ist es. Wie schnell sie ihn durchschaut hat!
Er lächelt charmant.
„Wofür steht dein Code?“, fragt sie und gibt ihm den Zettel zurück.
Er steckt ihn zögernd wieder ein und antwortet ihr trotzdem:
„Das ist noch von meiner Armeezeit. NVA, klar. Da war ich ZF bei den Panzern.“
Sie kapiert bloß, dass da immer noch Stolz mitschwingt.
„Was warst du?“
Er strafft sich.
„Zugführer!“

„Und was bist du jetzt?“
Das sagt er nicht.

Das Tabu. Eine Gedenkminute für E.

G:          E. ist gestorben, meine Frau. Im April schon.
K:           … Ich habe sie gemocht.
G:          Ja, sie war sehr kinderlieb.

Kurz vor der Geburt meiner Tochter erzählte mir E. einmal auf der Treppe von den zwei Mädchen, die sie einst großgezogen hatte. Es waren ihre kleinen Schwestern.
Die Mutter war ’45 – давай! –  auf dem Acker erschossen worden. Das hatten die drei Töchter mit ansehen müssen. E., der damals Fünfzehnjährigen, blieb nichts anderes übrig, als den Geschwistern die Mutter zu ersetzen. Irgendwie.
Jahre später hat sie als Lehrerin für Geschichte und Staatsbürgerkunde gearbeitet.
Sie wird im Unterricht über das Jahr 1945 erzählt haben, was der Lehrplan vorsah.
Wie sie das nur ausgehalten hat?

Luises Tasse

Es spricht sich schnell herum vor den Vitrinen.* Die Legende ist konkret und kitzelt dennoch Fragen hervor. Gezeigt wird die „Tasse, woraus die Königin Louise zuletzt getrunken“ habe. Zuletzt – also nach ihr niemand mehr? Oder zuletzt – und dann nahm sie nichts mehr zu sich? So war es wohl gemeint. Ihrer Tochter Alexandrine wird beim Verfassen der Notiz die Doppeldeutigkeit nicht aufgefallen sein.
Eine goldene Sonne mit unzähligen Strahlen und der kaum noch sichtbaren Andeutung eines Lächelns krümmt sich am Rund der Tasse. Gegenüber formt sich aus dem Rand heraus der hohe Henkel. Das Gold ist hier ein wenig abgegriffen, und auch im Inneren weist es Kratzer auf. Geschirr aus der KPM, oftmals rasch zum Mund geführt und hart wieder abgesetzt. Vielleicht hat der goldene Porzellanfuß einiges aushalten müssen in der preußischen Königsfamilie.
Luises Sterbebett stand in Hohenzieritz. Der 19. Juli 1810 mag ein heißer Tag gewesen sein. Friedrich Wilhelm III. hat es mit zwei Söhnen gerade noch zu ihr geschafft. Vier Stunden später ist sie gestorben.
Vielleicht stand die Tasse mit der Sonne da nicht weit. Es kann sogar sein, dass die in Gold geschriebenen Worte auf der Untertasse für die Sterbenskranke eine hoffnungsfrohe Bedeutung hatten. Sie strahle deinen künft’gen Tagen
Fast 210 Jahre später steht die Sonnentasse in dezentem Vitrinenlicht. Und die kleine Anekdote strahlt mit ihr um die Wette.

*in der neuen Dauerausstellung „Königliche Geschenke“ im Schweriner Schloss