Im November wird es Zeit, die Engel zu kleben. Für J.H.

Und zwar jedes Jahr aufs Neue, sagt der alte Maler.
Die Engel. Manchmal schleichen sie sich einfach auf ein Bild. Wie es ihnen nun mal in den Sinn kommt. Da hat der Künstler seinen Spaß.
In einer der Wolken, vom Wind getrieben, hatte ein Gast den Engel jedoch zuerst erkannt. Jetzt sieht der Maler ihn auch. Obwohl da nur eine Andeutung von gespannten Flügeln ist, viel feiner als jene Engel, die ihn vom Tisch und vom Fensterbrett aus beobachten, wenn er mühsam die Farbtuben ausdrückt.
Der hölzerne auf dem Tisch kippt manchmal von seinem Sockelbrettchen, da holt der Maler den Leim. Um den Gefilzten mit den gekreuzten Bändern auf der Brust braucht er sich nicht zu sorgen. Wenn aber der aus Ton wieder in seine acht Scherben zerfällt, wird er sich sehr mühen. Das Puzzle passt nur, wenn keine Klebewülste hervordrängen. Das ist Maßarbeit. Die Zeit läuft, es ist November. Und er braucht Engelsgeduld.

ZF. Zweifelsfreies Fiasko

Nein, sie möchte diesem Thomas ihre Handynummer nicht geben.
Es hat nicht gefunkt. Das ist nun mal so bei Ü50-Partys mit vielen Versicherungsvertretern auf Partnersuche.
Er steckt ihr trotzdem einen Zettel zu. Den hatte er wohl schon vorbereitet.
Sogar mit Mail-Adresse.
ZF… einpaarZiffern@sonstwas. Sie hatte am Anfang ein T (wie Thomas) erwartet.
ZF. Nun ist er also Zinnfigur, zeugungsfähig oder Zauber-Fakir. Aber dafür ist er eindeutig zu fett. Das ist es. Wie schnell sie ihn durchschaut hat!
Er lächelt charmant.
„Wofür steht dein Code?“, fragt sie und gibt ihm den Zettel zurück.
Er steckt ihn zögernd wieder ein und antwortet ihr trotzdem:
„Das ist noch von meiner Armeezeit. NVA, klar. Da war ich ZF bei den Panzern.“
Sie kapiert bloß, dass da immer noch Stolz mitschwingt.
„Was warst du?“
Er strafft sich.
„Zugführer!“

„Und was bist du jetzt?“
Das sagt er nicht.

Das Tabu. Eine Gedenkminute für E.

G:          E. ist gestorben, meine Frau. Im April schon.
K:           … Ich habe sie gemocht.
G:          Ja, sie war sehr kinderlieb.

Kurz vor der Geburt meiner Tochter erzählte mir E. einmal auf der Treppe von den zwei Mädchen, die sie einst großgezogen hatte. Es waren ihre kleinen Schwestern.
Die Mutter war ’45 – давай! –  auf dem Acker erschossen worden. Das hatten die drei Töchter mit ansehen müssen. E., der damals Fünfzehnjährigen, blieb nichts anderes übrig, als den Geschwistern die Mutter zu ersetzen. Irgendwie.
Jahre später hat sie als Lehrerin für Geschichte und Staatsbürgerkunde gearbeitet.
Sie wird im Unterricht über das Jahr 1945 erzählt haben, was der Lehrplan vorsah.
Wie sie das nur ausgehalten hat?

Luises Tasse

Es spricht sich schnell herum vor den Vitrinen.* Die Legende ist konkret und kitzelt dennoch Fragen hervor. Gezeigt wird die „Tasse, woraus die Königin Louise zuletzt getrunken“ habe. Zuletzt – also nach ihr niemand mehr? Oder zuletzt – und dann nahm sie nichts mehr zu sich? So war es wohl gemeint. Ihrer Tochter Alexandrine wird beim Verfassen der Notiz die Doppeldeutigkeit nicht aufgefallen sein.
Eine goldene Sonne mit unzähligen Strahlen und der kaum noch sichtbaren Andeutung eines Lächelns krümmt sich am Rund der Tasse. Gegenüber formt sich aus dem Rand heraus der hohe Henkel. Das Gold ist hier ein wenig abgegriffen, und auch im Inneren weist es Kratzer auf. Geschirr aus der KPM, oftmals rasch zum Mund geführt und hart wieder abgesetzt. Vielleicht hat der goldene Porzellanfuß einiges aushalten müssen in der preußischen Königsfamilie.
Luises Sterbebett stand in Hohenzieritz. Der 19. Juli 1810 mag ein heißer Tag gewesen sein. Friedrich Wilhelm III. hat es mit zwei Söhnen gerade noch zu ihr geschafft. Vier Stunden später ist sie gestorben.
Vielleicht stand die Tasse mit der Sonne da nicht weit. Es kann sogar sein, dass die in Gold geschriebenen Worte auf der Untertasse für die Sterbenskranke eine hoffnungsfrohe Bedeutung hatten. Sie strahle deinen künft’gen Tagen
Fast 210 Jahre später steht die Sonnentasse in dezentem Vitrinenlicht. Und die kleine Anekdote strahlt mit ihr um die Wette.

*in der neuen Dauerausstellung „Königliche Geschenke“ im Schweriner Schloss

Zehn zahme Ziegen zogen zehn Zentner Zucker

… ja natürlich, zum Zoo!
Seit Jahrzehnten müssen sich die kleinen Sigmatismus-Patienten durch diesen Satz züngeln. In Schwerin bietet sich dazu ein munteres Kopfkino an: Ankunft der süßen Ladung am Zicken-Gehege! Das kennt hier jeder.
Viel spannender ist es dort aber, wenn es wieder kleine Geißlein gibt. Vier, fünf, sechs, sieben!
Die werden auch gern für Tierpatenschaften hervorgeholt, weil sie so fotogen im Arm liegen. Manches hat auf diese Weise sogar schon von einem Politiker seinen Namen bekommen. Und Geld, weil es ja Abkömmling einer gefährdeten Haustierrasse ist. So auch ein siebtes Geißlein, das im Büro seiner prominenten Patin auf mehreren Fotos zum Star wurde.
Als diese Patin nach vier Monaten ihren Schützling besuchen wollte, war das Geißlein weg. Sie suchte und suchte. Wo überall, ist bekannt. Sollte etwa der Wolf …?
Ja, vermutlich! Wie sie später erfuhr, war das Geißlein gerade verfüttert worden. Und das geschehe in Zoologischen Gärten nun mal gelegentlich.

(Braunbär Bernhard benagt berühmte blutige Böckchen-Beine).

Explosives Spielzeug

Kein Zimmer frei. Auch nicht im weiteren Umkreis. Also raus aus der fremden Stadt, dem digitalen Navigationshinweis folgend, hinein in den Wald. Hier soll es irgendwo ein Hotel geben?
Am Wegrand werden wir gewarnt:  MILITÄRISCHER BEREICH. Betreten außerhalb der Übungszeiten auf eigene Gefahr.
Von einer gerade stattfindenden Übung ist nichts zu spüren. Also folgen wir stur dem wandernden Radar-Pünktchen auf dem Navi-Display, das uns bis zu einem eisernen Schubtor führt. Eine Tafel wirbt bunt für Hotel und Spielzeugmuseum. Also doch! Wir rollen auf einen Parkplatz, der immer noch wie ein Appellplatz aussieht zwischen den flachen Kasernenbauten, die früher wohl nicht knallgelb und knallrot getüncht waren. Jetzt aber dienen sie als Hotel.
Eine Hochzeitsgesellschaft lenkt in seiner fröhlichen Aufgeregtheit von den Bunkerkuppen auf den Rasenflächen ab.
Das Spielzeugmuseum ist nun aber doch keines. Oder – wenn, dann eines in sehr bizarrem Sinne: Schwach beleuchtete Glasvitrinen halten Unmengen von Bierhumpen einigermaßen staubfrei, so dass die heroischen Aufschriften zum Kriegsweihnachten 1939 und zu gewissen Reichs-Partei-Tagen lesbar bleiben. Ein kleiner Krug ist nur mit einem männlichen Vornamen verziert, der seit Generationen wohl keinem Kind mehr verpasst worden ist.

Trotz der Familienfeier gibt es hier noch freie Zimmer.

Lemberg / Lviv 2019. Eine Begegnung

R., ein Westfale, der einen Moment spürbar Blickkontakt sucht, platzt beinahe. Die neuen Erkenntnisse pumpen zu viel Adrenalin durch seinen schmalen Mathematiklehrer-Körper. Wenn er hier schon zwei Deutsche trifft, muss er ihnen die Geschichte erzählen. Jetzt. Im Stehen. Vorher einmal tief durchatmen.
Gerade konnte er Stück für Stück das Geheimnis seines schweigsamen Vaters enthüllen. Der hatte seit ’42 im Ruhrpott geschuftet. Als letzter Dreck. Und manchmal hatte er gebrummt, dass der Familienname eigentlich anders geschrieben würde, weil er nun mal aus der Ukraine stammte. Das war alles.
R. weiß jetzt vom Weichheitszeichen hinter dem letzten Buchstaben.
Der Vater, als Zwangsarbeiter gekommen, war nach dem Krieg einfach am deutschen Kohleschacht geblieben. Ohne Kontakt nach Hause. Stalin hätte die Familie des Verräters in die Hölle geschickt. Stillschweigen muss ihm als das Vernünftigste erschienen sein. Dabei blieb es.
Aber an des Vaters Gefühl, nicht dazuzugehören, trugen auch seine Kinder mit.
R. hat die fast verwischten Spuren freigelegt und endlich die ukrainischen Vorfahren in einem Kirchenbuch gefunden.
In Windeseile sprach sich seine Ankunft im Dorf herum, und morgen trifft er sich mit den Cousins.
Nach Hause hat er nur so etwas wie eine Urlaubskarte geschrieben. Dort muss er sowieso alles ganz von vorn erzählen.
Jetzt hat er es zum ersten Mal ausprobiert.

Das Rind. Fleisch

Maria meinte, über diese Pastinake könnte ich nun schreiben.
Und schon tue ich es. So eben ist Maria. Ihre überschüssige Energie kann sie in ein Lächeln stecken, das auch die Fleischverkäuferin milde stimmte und nach dem Kassenzettel einen weiteren Beleg ausdrucken ließ. Ein Rinderbratenrezept.
„Ich hab hier gerade Unterricht“, schmunzelte Maria, als ich zufällig dazukam.
Ein riesiges Stück Filet wackelte zwischen den roten Händen der Verkäuferin auf dem Schneidebrett.
„Was hast du vor?“, wollte ich von Maria wissen und schluckte, weil mir der Anblick so viel rohen Fleisches schnell auf den Magen schlägt.
„Eine Familienfeier. Zwanzig Leute. Meine Mutter ist schon da.“
Da fing das Stück an zu schrumpfen, die Vorstellung der Reduktionskünste eines Bräters tat das ihrige.
„Sellerie und Möhren gleich mit rein, das bringt’s!“, sagte die Verkäuferin wissend.
Maria lächelte unsicher. Kaum vorstellbar, dass dies ihr erster großer Braten sein sollte.
Da erfasste ich die Bedeutung dieses Festes und dass Marias positive Aura der Schafsköpfigkeit eines Rinderbratens möglicherweise nicht beikommen konnte. Sah sie doch sowieso wie eine Vegetarierin aus.
Ich zog eine meiner gerade beim Bauern gekauften Pastinaken aus dem Beutel und reichte sie Maria. „Und die muss noch dazu. Dann geht’s gut. Alles.“
Maria zog die Pastinake einmal an ihrer Nasenspitze vorüber und nickte.

Open air

Beim Einstimmen der Instrumente fallen die ersten Tropfen, doch das Dach der Konzertmuschel reicht weit über das Dirigentenpult hinaus.
Nur die Stuhlreihen der Zuschauer sind ungeschützt.
Die ersten Regenschirme knallen auf.
„Schirme weg!“ zischeln die Platzanweiserinnen und halten ein paar zu winzigen Päckchen gefaltete Einweg-Capes in die Höhe.
In der 7. Reihe schiebt ein Herr seinen Stockschirm zusammengeklappt zwischen die Knie und schlüpft in sein Fahrradcape. Er muss sich erheben, weil Leute vorbei drängeln, die vor Abklingen des Schauers nicht auf ihre Plätze gewollt hatten. Dabei fing der gerade erst an!
Die Gattin schafft es nicht passgenau in ihr Cape, irgendwo ist da noch ein Knopf zu.
Der Dirigent betritt das Podium, schmunzelt zuerst den Wolken und dann dem Publikum zu. Applaus.
„Nun hilf mir doch mal.“
„Ja, du bist verkehrt.“
„Ich seh nichts.“
„Geht los jetzt.“
„Ich weiß. Zieh doch mal.“
Mit dem ersten Streicherton der Freischütz-Ouvertüre öffnet sich das Hindernis, die Dame rutscht in ihr Cape, der Regen lässt langsam wieder nach, und die Gesichter werden andächtig.

Fragen

Ob es für uns in der DDR auch Weihnachten gegeben hätte.

Und ob wir als Pioniere an irgendwas geglaubt hätten.

Die bohrende Interessiertheit der Journalistin am Telefon löst allmählich meine Zunge. Sie war noch lange nicht geboren, als es bei uns in der 7. Klasse Taschenkontrollen gab, weil ein Bündel „BRAVO“-Hefte entdeckt worden war.
Mein Herzklopfen brachte mich damals fast um. Wusste ich doch nicht, wie weit wir mit drinsteckten, weil wir den harmlosen Tarn-Umschlag sogar zu Hause gehabt hatten, meine Schwester und ich. Welcher Pechvogel an der Schule den nun hatte abgeben müssen, blieb uns verborgen. Die Klasse schwieg. Matheunterricht wäre allen lieber gewesen. Aber jetzt ging es einzig darum, eine neutrale Ahnungslosigkeit zu mimen, den leeren Ranzen umzudrehen und dann die Schulbücher, knittrigen Papphefter und die Brotdosen wieder zurück zu räumen. Geräuschlos, bitteschön! Ich weiß nicht, ob die Lehrerin froh war, bei uns nicht fündig geworden zu sein.
Ich weiß auch nicht, woran sie eigentlich geglaubt hat. Wir jedenfalls hofften inständig auf Erlösung.
Und die kam. Durch die Schulklingel.
Tatsächlich. Danach war nie wieder die Rede von dieser Durchsuchung.