Beim Trödler. Mit Oma

Lotti will ein Kabel. Sie ist zwei Jahre alt. Heinrich, einen Kopf größer, hat sich schon einen Degen ausgesucht, den Oma auch als Schuhanzieher nutzen könnte.
„Richtige Schuhlöffel gibt’s aber auch.“ Heinrich deutet auf einen Korb mit Pfennigartikeln, an dem Oma schon tausend Mal vorbeigegangen ist.
Oma guckt ins Kinderbuchregal für Zweijährige. Wenn es nach ihr ginge, wäre sogar eine Barbie möglich! Lotti presst das in mehrere Schlaufen gelegte Kabel in seiner Originalverpackung an sich.
Weil Oma sich stur stellt, ist Lotti plötzlich verschwunden. Die verwinkelten Regale geben sie nicht mehr her. Oma bettelt. Heinrich sucht von der anderen Seite die Gänge ab. Es riecht nach alten Taschen, alten Büchern und ein bisschen auch nach altem Katzenklo.
„Tschüß, Lotti!“, ruft Oma.
Weil Oma wirklich schon mal gegangen ist, taucht Lotti nun unter dem Kassentisch auf, die Tüte mit dem Kabel fest in der Hand.
„Und was willst du damit machen?“, fragt Oma.
Lotti versteht nicht. Wie kann man sowas fragen?

Ein Umweg

Direkt vor mir, quer über den Fahrradweg ausgestreckt, liegt ein riesiger Schäferhund. Seine spitzen Ohren unterstreichen die zielgerichtete Aufmerksamkeit, die er einzig seinem Herrn widmet.
Der hängt, als würde er zu einer Rolle ansetzen, über dem Geländer am Weg. Reglos.
Noch tiefer, jenseits der Böschung, staut sich der Feierabendverkehr.
Hundeangst legt man nicht so schnell ab. Die steckt in jeder Faser. Die angezogenen Greifbügel der Handbremse geben mir ein wenig Halt.
Nicht, dass das Tier mich anschauen und gar anknurren würde. Es wartet auf ein Zeichen. Dann erst würde es in Aktion treten. In welche auch immer. Daher mein Herzklopfen. Ich warte.
Da dreht sich das Herrchen an der Stange halb herum und findet langsam eine Art von Gleichgewicht. Wie schwer sein Arm in der verkrusteten Jacke sein muss, sehe ich, als er versucht, einen weiten Bogen in die Luft zu malen.
Ach, dieses Zeichen gilt mir! Verkehrslenkung sozusagen. Ich weiß nun, in welchem Winkel ich – gefälligst! – um seinen Hund zu fahren habe.
Viel Platz lässt mir das Schwanzende nicht, aber das Tier verharrt ruhig.
Wer hätte das gedacht.

Die Frau im Zug

Die Frau im Zug liest Aitmatow. Es ist eine der DDR-Ausgaben mit dem deutlichen A auf dem Leinen. Vielleicht hat sie sie selbst damals gekauft. Nun ist die Frau längst im Rentenalter, wirkt aber drahtig und konzentriert. Je mehr sie versinkt in der Novelle, umso weniger scheint sie der fröhliche Lärm der Punks im Abteil zu erreichen.
Die sitzen genau nebenan auf dem anderen Vierer. Zwei Jungen philosophieren miteinander, wobei der blonde jeden Gedanken mit ein paar Schlucken Bier belohnt und sich ärgert, dass die Sitzbänke keine Klappcouch sind. Der dunkelhaarige ist ein wenig älter und ignoriert das Fingertrommeln auf seinem Schenkel, mit dem sich seine volltätowierte Nachbarin Gehör verschaffen will. Jetzt geht es um Schlafentzug und Gewalt im DDR-Jugendwerkhof.
Plötzlich lesen die Augen der Frau nicht mehr.
„Den haben die kaputt gemacht. So kaputt, dass er jetzt an der Nadel hängt. Heroin. HIV. Das ganze Programm.“
„Die Schweine“, kreischt das Mädchen.
„Davon kenn ich sogar mehrere. Da ist keiner normal raus, das sag ich euch!“
Das Augenpaar der Frau scheint die drei zu scannen. Ihre Stimme dringt aber nicht zu ihnen durch.
„Still mal“, schreit das Mädchen, das den Blick zuerst spürt.
„Waren Sie denn mal da?“, fragt die Frau nochmals.
Gejohle. Abwinken. Niemals!
„Dann können Sie das nicht beurteilen“, sagt die Frau.
Der Dunkelhaarige erhebt sich und deutet mit dem Zeigefinger auf seine Brust. Er arbeite in der Suchthilfe, dort kenne er mehrere, die dort waren. Sie solle ihm nichts erzählen!
„Doch! Ich war nämlich auch da.“
Stille.
„Als Erzieherin“, sagt sie ruhig.
Dann gehöre sie ja auch zu den Verbrechern, lallt der Blonde.
„Ich habe mich um meine Mädchen gekümmert“, flüstert sie.
Die Tätowierte reißt ihre Kinderaugen weit auf und versucht mit beiden Händen die Jungs zu beruhigen. Es gelingt ihr nicht gleich.
Die Frau hätte auch schweigen können. Irgendwann schließt sie das Aitmatow-Buch und schaut nur noch aus dem Fenster.
Da hat sie ihr Spiegelbild.

Der Künstler. Hanning Bruhn

Drei Teddys und ein weißer Hase sitzen an einem mit bunten Bändern geschmückten Esstisch und diskutieren über das Weltgeschehen und wahrscheinlich auch über die Krankentransporte pro Stunde, die unter dem Fenster vorbeimüssen, fast immer mit Blaulicht.
Dazu hören sie die Straßenbahn – hin und zurück.
Es ist eingedeckt. Da ist noch Platz am Tisch. Das Obst, eigentlich Cricket-Kugeln, und perlender Sekt – mit anderen Augen: schimmernde Murmeln im hohen Glaszylinder – laden zum Verweilen ein. Vor dem Lärm da draußen schützt ein Spielzeug-Koppelzaun, der entlang der Tischkante sorgsam aufgebaut ist.
Hier ist Ruhe. Ganz einfach.
Nebenan, auf der DDR-Gräsertapete, zeigt sich die alte Stadt in alten Zeiten mit präzisen Pinselstrichen: das Seglerheim mit all seinen Fensterchen, der liebeskranke Geiger zwischen den Bootshäusern. Die Kapelle zwischen den Kastanien. Wie er doch malen kann, der Künstler!
Wenn er jetzt aber Objekte zerlegt, um sie den Gewalten sichtbar auszusetzen, je nach den Maßen der vorhandenen Rahmung (mitten im Käfig gar) und dann ins Innere den Menschen noch schiebt, oft als Holzrumpf nur, dann mag, wer denn will, einen Schritt zurücktreten.
Es ist alles ein großer Spiegel! Meist ein Spiel. Ja, ein Kaleidoskop.
Auch das Haus*, das einst seinem Großvater gehörte, nun aber dem Künstler zur Hälfte. Manchmal lädt er dazu ein, hier als Körnchen zwischen die Spiegel und in die alten Zeiten zu geraten.

*Die Räume in der Wismarschen Straße 280, Schwerin, sind nur gelegentlich geöffnet.

Die Trophäe. Eine Metamorphose

Der schreitende Bronze-PUMA im Katalog stammt aus demselben Wurf wie das schneeweiße Familienerbstück aus KPM-Porzellan. Guss-gleich. Nur schimmert das vertraute Muskelspiel auf dem Foto in bräunlichen Tönen.
Natürlich ist es käuflich. Immer noch.
Im Sommer 1930 hatte der 21jährige Zehnkämpfer G. das majestätische Raubtier als Trophäe bei den Hochschulwettkämpfen in Berlin gewonnen. Gestiftet vom Preußischen Minister für Handel und Gewerbe.
G. wird einen Transportkarton gehabt haben. Oder er hat den LÖWEN, wie er in den Papieren genannt wird, auf der Heimreise in Pullover gewickelt, damit er Gleiwitz unbeschädigt erreichte.
Gleiwitz in Oberschlesien.
Im Fluchtgepäck waren 1945 Familiendokumente und Fotos wichtiger. Und die Kinder. Und die Hoffnung. Der Glaube auch.
Erst 1962 gelangte das Porzellan-Tier von Gliwice wieder zum alten Zehnkämpfer, der nun in Niedersachsen wohnte. Ganz unten in einer großen Tasche hatte es das gute Stück über die Grenzen geschafft. In der rührigen Obhut einer schlesischen Vitrine war es jedoch umbenannt worden. Nun bleibt es einfach DAS HUNDELE.

… von Antoine-Louis Barye (1795-1875)

 

Der Hut. Eine Szene

Seit er ein E-Bike und einen Fahrradhelm besitzt, trägt er den alten Filzhut mit der breiten Krempe nur noch auf Beerdigungen, wo er ihn zu gegebener Zeit andächtig vor die Brust zieht und hofft, ihn nicht auf der Bank zurückzulassen.
Im Alltag streift er sich gern die verblichene Baumwollkappe, die in der Familie Fressnapf genannt wird, über den kahlen Schädel. Die ist nicht mehr vorzeigbar, erst recht nicht im Urlaub. Außerdem fordert seine Hautärztin, die Ohren zu bedecken.
Zum ersten Mal betritt er einen Hutsalon.
Von allen Seiten strecken sich ihm unterschiedliche Wölbungen, Farben und Muster entgegen. Auch Männerhüte, wunderbar britisch, aber nichts für einen wie ihn. Sein Fahrradhelm auf dem Stuhl wird zu einem Außerirdischen.
Aus dem Hinterzimmer springt ihm ein Frauchen vor die Füße, das Katharina Thalbach wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Mit Schirmmütze.
Sie nickt, als er von seiner Hautärztin erzählt. Mit der sei sie doch per du. Sie lacht tief und laut, als sie ihm fünf Hüte mit Lichtschutzfaktor vorführt. Die Krempe darf nicht die Ohren berühren, deshalb käme nur jener eine in Frage, dem sie jedoch noch ein wenig ans Hutgummi gehen werde.
Er liebt es noch viel enger, falls ein Wind käme. Doch als er den Druckrand auf seiner Stirn sieht, gibt er ihr recht.
Ja, bei Schuhen und Hüten müsse man sich Zeit nehmen, sagt sie. In dem Moment reift seine Entscheidung.
Unglaublich: Er hat sich einen Hut gekauft! Den behält er gleich auf.
Als das Fahrradschloss aufschnappt, quietscht die Ladentür und die Thalbach reicht ihm seinen Helm.
Eine Filmszene, denkt er.
Und: Eine Hutverkäuferin muss immer auch eine Schauspielerin sein.

Längenmessung

Diese höllisch entzündete Zahnwurzel liegt ganz weit weg, sage ich mir. Seit der Injektion gehört sie nicht mehr zu mir. Das über meine Mundhöhle gespannte Gummihäutchen, der riesige Patienten-Latz, unter dem auch meine Hände verborgen sind, und meine geschlossenen Augenlider wirken wie ein dreifacher eiserner Vorhang. Rechts und links spüre ich zwar die Nähe von Arzt und Schwester, dennoch sind sie in einer anderen Welt.
Betäubt und geborgen nehme ich manchmal das Arbeitslicht an der Dentistenbrille wahr.
Piiiiieeep-piiiieeep-piiiieeep. Piep! Piep! Piep!  Die Signale werden immer kürzer, gehen schließlich ineinander über. Woran erinnert mich das?
Piiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeep im Dauerton.
Der Arzt flüstert ein paar Ziffern, feilt, bohrt, lässt spülen und pusten.
Er hatte mir anfangs versprochen, zu erzählen, was er gerade macht.
„Impedanzmessung.“
Ich wiederhole das Wort im Stillen.
„Das ist wie beim Einparken“, lacht die Schwester.
Genau!
„Das gleiche Prinzip zumindest“, sagt er. „Man misst die Veränderung des elektrischen Widerstands.“ Er schmirgelt ein wenig. „Und so kriegen wir hier die exakte Länge des Wurzelkanals.“
„Und beim Dauerton ist man am Ende,“ weiß sie.
„Beim Rückwärtsfahren aber nicht. Einmal aussteigen und gucken! Da ist noch Spielraum.“
So richtig nicht, möchte ich widersprechen. Erinnere ich mich doch an das eingestürzte Vorgartenmäuerchen von einst! Bitter war das.
Aber ich hab hier nichts zu sagen.

Nur für Gäste des Restaurants

Sonderbar, welche Begegnungen es an Toilettenwaschtischen von Konzerthäusern und Restaurants gibt.

Sonderbar, wie lange Rita das Strickpullovermuster am krummen Rücken einer alten Frau auf sich wirken lassen konnte. Festgeguckt. Für Minuten.

Irgendwann trafen sich ihre Blicke im Spiegel.
Das Augenpaar der Alten, teigig eingehüllt in Bäckchen und Säckchen, hatte vor vier Jahrzehnten ganze Schulklassen in Schach gehalten. Selten bedurfte es zusätzlicher Worte. Die Präsenz reichte.
Rita, damals achtjährig, war neu an der Plattenbauschule, die von allen Seiten gleich aussah. Einmal fand sie das Mädchenklo nicht. Dann endlich doch. Da kam gerade jemand heraus. Rita versuchte, durch die offene Tür zu schlüpfen. Alles in ihr war schon bereit, als sie eine Hand auf der Schulter spürte, die sie herumdrehte.
„Die roten Türen sind nur für Lehrer.“
Sie fühlte sich zurück auf den Flur geschoben, während das Schlüsselbund hinter ihr klapperte. Da war es dann auch schon passiert. Rita brauchte die blaue Tür mit dem Mädchenschild nun nicht mehr zu suchen, sie musste schnell nach Hause.

Fragend blieb der Lehrerinnenblick im Spiegel an Ritas Gesicht hängen. Rita war größer und nickte kurz. Dann hielt sie ihr die Tür weit auf.

Eine Örtlichkeit. Vor der Matinee

Ulrike will schnell noch mal – kurz vor Konzertbeginn.
Hinter der Tür müssen die letzten Frauen ausweichen. Sie grüßen fast einstimmig zurück und zupfen vor dem riesigen Spiegel, in dem das glitzernde Hafenpanorama wieder so unglaublich nah ist, ihre Haarsträhnen. Ulrike zählt durch. Es könnte knapp werden.
„Hier hätte man großzügiger sein können“, sagt eine Dame.
„Frauen brauchen immer mehr“, meint eine andere.
Ulrike kennt solche Sätze von Autobahnraststätten, als die Rabattcoupons noch nicht eingeführt waren.
„Es gibt aber noch mehr im Haus“, sagt die, die jetzt dran ist.
„Man muss nur rechtzeitig da sein“, flüstert Ulrike und beobachtet eine Hand, die immer wieder am verdeckten Seifenspendernippel vorbeigreift, sich dann, auf eine Lichtschranke hoffend, durch die Luft tastet und schließlich am Papierzipfel zieht.
Plötzlich geht es schnell. Minutensache.
Und es ist sogar noch Zeit für einen Blick auf den Hafenrundfahrt-Dampfer. Die Passagiere auf dem Oberdeck schauen genau hierher.

Die Taufe. Am Fluss

Fiete hat extra die Schuhe mit den Klettverschlüssen ausgewählt. Er ist der Erste, der barfuß dasteht. Der Pastor neben ihm zieht seine Schnürschuhe und die Socken aus, ebenso der Pate auf der anderen Seite. Dann legen alle drei ihre Jacketts ab. Es geht los.

Wenn Fiete bei den Blaukreuzlern sagen konnte, dass er die ganze Woche nicht gesoffen hat, wurde ihm immer ganz warm beim Applaus der Gruppe. Das war etwas Anderes als die altbekannte Fusel-Wärme. Dann guckte er zum kleinen Gekreuzigten über der Tür und flüsterte: „Ja, du!“
Als das immer wieder passierte, wollte er die Taufe. Es sollte etwas Besonderes sein. Er war schließlich über fünfzig.
„Dann im Fluss“, sagte der Pastor.

Als sie bis zu den Knien im Wasser stehen, sind die Hosen schon bis oben nass. Fiete, zwischen Pastor und Paten, hält die Luft an. „Langsam“, flüstert der Pastor, „ich sag Bescheid.“
Am Ufer steht die Gemeinde um den Tisch mit dem Kreuz und den Tulpen. Das E-Piano kippelt auf den Grasnarben.
„Jetzt!“, ruft der Pastor, als das Wasser am Gürtel steht.
Fiete wird gepackt und mit einem kräftigten Ruck hinunter gedrückt. Als er wieder auftaucht, prustet er wie ein Walross und wischt sich den Schrecken aus dem Gesicht.
„Amen“, keucht er und verdrängt den Wunsch nach einem Schnaps.